Rechtsextremismus

„Mitte-Studie“ 2016: Deutschland, gespalten Vaterland

Robert Kiesel21. November 2016
Mitte-Studie 2016
Die „Mitte-Studie“ 2016 wurde am Montag in Berlin vorgestellt.
Mit der Parole „Wir sind das Volk“ erklären sich Flüchtlingsgegner im Land zur Mehrheit der Deutschen. Die neue „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt: Das Gegenteil ist richtig. Die schreiende Minderheit jedoch radikalisiert sich.

Sind Sie in der Frage nach einer möglichen Obergrenze für Flüchtlinge unentschlossen, finden den Vorschlag teils gut und teils schlecht? Wenn ja, dann gehören Sie zu einer Minderheit im Land. Laut „Mitte-Studie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung antworteten auf die Frage nach der Obergrenze nur 13,3 Prozent der Befragten unentschieden. 34 Prozent sind dagegen, 53 Prozent dafür.

AfD: Rechtsruck schreitet voran

Weil es nicht nur in der Frage nach Obergrenzen ein „Dazwischen“ kaum noch gibt, haben die Autoren ihrer Studie den Titel „Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände“ verpasst. Sie setzen damit die im Jahr 2002 begonnene Langzeituntersuchung zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland fort und halten einer Gesellschaft, die sich zuletzt immer weiter polarisiert hat, den Spiegel vor.

Die zentralen Befunden der Studie: Die Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland hat sich verfestigt und stabilisiert, ebenso der Anteil rechtsextremer Einstellungen. Zwar liegen die Werte deutlich unter jenen früherer Jahre, ihr Rückgang jedoch ist vorerst gestoppt. Darüber hinaus sympathisieren jene Menschen, die rechtsextreme Einstellungen aufweisen, besonders häufig mit der AfD. Wähler der Partei werten besonders häufig Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen ab und radikalisieren sich. „Der Rechtsruck bei Partei wie Anhängern ist vorangeschritten“, erklären die Autoren der Studie auf Basis ihrer Ergebnisse. Letzter Befund: Die verhältnismäßig kleine, zu Demonstrationen gegen Zuwanderung bereite Gruppe (sieben Prozent) ist zunehmend gewaltbereit und damit auch gefährlich.

Wenn Vorurteile zur Norm werden

Ziel der Gewalt waren zuletzt immer häufiger geflüchtete Menschen. Rechtsextreme Straftaten auf Rekordniveau passen zum Studienergebnis, wonach negative Meinungen über Asylbewerber zwischen 2014 und 2016 von 44 auf 50 Prozent gestiegen sind. „Das ist schon eine beträchtliche Zahl“, so Andreas Zick, Leiter des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt und Gewaltforschung der Universität Bielefeld (IKG), das gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) die Studie erstellte. Zick verwies auf die Verdopplung rechtsextremer Einstellungen in den neuen Bundesländern und erklärte, dass in Teilen der Gesellschaft Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen wie beispielsweise Flüchtlingen zur Norm würden.

Zuzutreffen scheint das insbesondere auf die Gemeinschaft der befragten AfD-Wähler. 88 Prozent von ihnen stimmten Abwertungen von Asylbewerbern zu, bei fremdenfeindlichen und islamfeindlichen Aussagen waren es 68 und 64 Prozent. „Die Radikalisierung der AfD ist auch an den Aussagen ihrer Anhänger messbar“, so Zick bei der Vorstellung der Studie am Montag in Berlin. Eine Zunahme von rechtsextremen und menschenfeindlichen Einstellungen seitens der AfD-Anhänger sei klar erkennbar.

AfD: Sicherer Hafen für die Neue Rechte

Erstmals widmete sich die „Mitte-Studie“ 2016 auch der Verbreitung von Einstellungsmustern der sogenannten „Neuen Rechten“ innerhalb der Bevölkerung. Im Ergebnis vertreten 28 Prozent der Befragten neurechte Einstellungen, die sich aus Fragmenten wie Protest gegen das Establishment, einer vermeintlichen Unterwanderung durch den Islam, die Behauptung eines Meinungsdiktats oder die Berufung auf ein Widerstandsrecht gegen die aktuelle Politik zusammen setzt. Die größten Übereinstimmungen erzielten dabei einmal mehr die befragten Anhänger der AfD: 84 Prozent derer neigen der Studie zufolge zu neurechten Einstellungen.

Eine umfangreiche Auswertung der „Mitte-Studie“ lesen Sie auf bnr.de.

Gespaltene Mitte – feindselige Zustände

Die Studie basiert auf der Zusammenführung der Untersuchungen des IKG zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und der FES-„Mitte-Studie“ zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland. Befragt wurden 1.896 repräsentativ ausgewählte Personen zwischen dem 6. Juni und dem 5. August. 53,5 Prozent der Befragten waren Frauen.

Die Mitte-Studie ist erschienen beim Dietz-Verlag und ab heute lieferbar.

Andreas Zick/Beate Küpper/Daniela Krause: Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände, 240 Seiten, 12,90 Euro, ISBN 978-3-8012-0488-4

online ist die Studie hier abrufbar

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Kommentare

Wie man in den Wald hineinruft ...

Wenn es in der Unterüberschrift u.a. so heisst: "Die schreiende Minderheit" dann werden damit natürlich keine Menschen abgwertet. Oder etwa doch?

Professor Dr. Richard Schröder, SPD, veröffentlichte am 19.08.2016 in der FAZ Online einen Beitrag mit dem Titel : Was wir Migranten schulden - und was nicht . Der Artikel klärt mehr als die Studie von Herrn Zick.

Würde nun die SPD sich als Partei nüchtern und sachlich mit den vielen Problemen in Deutschland befassen, beruhigten sich wohl auch die aus guten Gründen aufgebrachten Menschen.

Wieso...

...sollten damit Menschen abgewertet werden?

Definitionsfragen klären häufig nichts, sind zudem irreführend.

Dazu schrieb Hubert Schleichert ein sehr instruktives Buch: Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren: oder Anleitung zum subversiven Denken.

"Eine lautstarke Minderheit", wenn man so eine Gruppe per Definition erzeugen will, wäre eben schon was anderes als "eine schreiende Minderheit".

Der Duden zu schreiend: 2) große Empörung hervorrufend, unerhört, skandalös.

In diesem Sinne beste Grüsse

Wirtschaftliche und kulturelle Ursachen

Es ist sehr besorgniserregend, wie sehr unsere Gesellschaft polarisiert ist. Dieser Zustand hat aber nichts mit der Aufnahme von Flüchtlingen zu tun, sondern ist ein hausgemachtes Problem.

Wirtschaftliche Ungleichheit hat zu einer Spaltung unserer Gesellschaft geführt. Daran trägt die Politik der letzten Jahrzehnte die Schuld, auch die der SPD. Wir brauchen einen starken Staat in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, um für mehr Gleichheit und damit eine harmonischere Gesellschaft zu sorgen.

Aber die wirtschaftlichen Probleme und Sorgen dürfen nicht als Ausrede für Rassismus, Sexismus oder Homophobie benutzt werden. Diese Ansichten haben ihre Ursachen auch und gerade auf einer kulturellen Ebene. Teile unserer Gesellschaft fühlen sich - zu Unrecht - in ihrer Identität bedroht, und entwickeln deshalb einen Hass gegen alles, was "anders" ist, und nicht in ihr (überschaubares) Weltbild passt. Diese Leute sind tw. für unsere demokratische Grundordnung verloren, und dürfen niemals den politisch-öffentlichen Diskurs prägen.