Politisches Buch

Migration: Warum ein „Integrationszwang“ falsch ist

Paul Starzmann22. November 2016
Integrationskurs
„Integrationskurs“ im Landkreis Oberspreewakd-Lausitz: Einen Zwang zur Teilnahme sollte es nicht geben, findet der Berliner Migrationsforscher Kien Nghi Ha.
Seit über 100 Jahren hat Deutschland ein Rassismus-Problem. Vertreter der „postkolonialen Studien“ gehen der Sache auf den Grund: Ein neues Buch rechnet jetzt auch mit der Scheinheiligkeit in der deutschen Integrationsdebatte ab.

Wenn es um die Shoa, den Massenmord an den europäischen Juden geht, fällt nicht selten das Wort vom „Zivilisationsbruch“. Der Ausdruck sei jedoch falsch, findet der Kasseler Politik-Professor Aram Ziai. Der Grund: Der Begriff setze voraus, dass die deutsche „Zivilisation“ vor Auschwitz vollkommen intakt gewesen sei – und lediglich im Dritten Reich einmal kurzfristig unterbrochen worden wäre.

Reine „Heuchelei“ sei dies, findet Aram Ziai angesichts der unzähligen deutschen Verbrechen während der Kolonialzeit, die „lange vor den Nazis“ stattfanden. Der Herausgeber des neuen Buchs „Postkoloniale Politikwissenschaft“ unterstreicht: Die eurozentristische Erinnerungskultur in Deutschland sei von „doppelten Standards“ geprägt – es fehle ein neuer, postkolonialer Ansatz.

Ha: Deutsche „Ausländerpolitik“ ist rassistisch

Dies gelte auch für die alltägliche Politikpraxis, erklärt Kien Nghi Ha in seinem Beitrag über die deutsche Integrationspolitik. Auch hier werde mit zweierlei Maß gemessen, kritisiert er. Wer „Integration“ sagt, denkt vielleicht an Teilhabe und Gleichberechtigung. Der renommierte Kulturwissenschaftler und Kurator Ha zeigt jedoch, wie wenig in der Realität davon übrig ist.

Seit jeher sei die deutsche „Ausländerpolitik“ von rassistischen Denkmustern geprägt, erklärt er. Wie einst zu Kolonialzeiten würden Migranten von der Politik noch immer als „defizitär vorgeführt“, indem allerseits die Notwendigkeit von „Integrationskursen“ beteuert werde – eine Art pauschal verordnete „Therapie“ für Migranten, wie es Ha nennt. Ganz im kolonialen Geiste sei das Ziel dieser Kurse die „Durchsetzung und Pflege der als überlegen angesehenen deutschen Kultur- und Werteordnung“.

Die „Weiterbildungspflicht“ gelte freilich nicht für alle, gibt Ha zu bedenken. Nicht nur EU-Bürger seien in Deutschland davon ausgenommen. Auch die rund vier Millionen Analphabeten hierzulande sowie die 25 Prozent der deutschen Staatsbürger, die ein rechtsextremes Weltbild aufweisen, müssten keinerlei „kulturelle (Re-)Sozialisierung und politische Umerziehung“ fürchten – die staatlichen Maßnahmen seien nun mal „ausschließlich für migrantische Subjekte mit außereuropäischen Herkünften“ gedacht.

Deutsche Politologen: Wir gegen die anderen

Die Kritik an der deutschen Integrationsdebatte, die Kien Nghi Ha in seinem Beitrag äußert, könnte schärfer nicht sein – aber auch nicht treffender. Sein Artikel belegt besonders deutlich, wie stark sich koloniale Denkmuster bis heute halten – und welchen Einfluss sie immer noch auf das politische Handeln in Deutschland haben.

Auch viele Politikwissenschaftler seien in dieser Frage noch nicht auf der Höhe der Zeit, kritisiert Herausgeber Aram Ziai. Der Vorwurf: Genau wie in der Kolonialzeit analysierten die meisten Politologen die Welt noch immer in „alten Dichotomien“ – das heißt, Europa gegen den Rest der Welt, wir gegen die anderen. Den meisten deutschen Politologen fehle schlicht die rassismuskritische, postkoloniale Perspektive, lautet Aram Ziais Kritik. Sein Buch soll dazu nun einen neuen Blick auf die Dinge liefern.

Der Sammelband vereint 20 namhafte Autoren der deutschsprachigen Sozialwissenschaften – darunter prominente Vertreter der „postkolonialen Studien“. In insgesamt 19 Beiträgen zielt das rund 400 Seiten starke Buch darauf ab, endlich eine Lücke in der Politikwissenschaft zu schließen. Die behandelten Themen reichen von politischer Theorie über Fragen der Konfliktforschung bis hin zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Nord und Süd. Weil das Buch sehr wichtige Themen anspricht, ist den Autoren zu wünschen, dass der Sammelband auch jenseits von Politik-Seminaren und Uni-Hörsälen eine breite Leserschaft finden wird. Potenzial zum postkolonialen Standardwerk hat das Buch schon jetzt.

Aram Ziai (Hrsg.): Postkoloniale Politikwissenschaft. Theoretische und empirische Zugänge. Transcript Verlag, 408 Seiten, 29,99 Euro.

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