Lukas Siebenkotten im Interview

Mieterbund fordert Millionen für sozialen Wohnungsbau

Benedikt Dittrich21. August 2019
In Deutschland fehlt es vor allem an bezahlbaren Wohnraum, sagt das Verbändebündnis Soziales Wohnen.
Der soziale Wohnungsbau stockt, während immer mehr alte Wohnungen aus der Preisbindung fallen. Deswegen fordert das Verbändebündnis "Soziales Wohnen" in einem Akutplan zusätzliche Millionen für bezahlbaren Wohnraum, die längst überfällig sind. Ein Gespräch mit Mieterbund-Direktor Lukas Siebenkotten.

Herr Siebenkotten, das Verbändebündnis „Soziales Wohnen“ spricht von einem Akutplan für soziales und bezahlbares Wohnen. Wie akut ist es denn wirklich?

Es ist im Grunde überfällig. Es gibt nämlich immer weniger Sozialmietwohnungen: Nach 20 oder 30 Jahren fallen die älteren Wohnungen aus der Preisbindung raus und gehen in den freien Markt. Dann gehen die Mietpreise schnell aufwärts, wenn der Wohnungsmarkt so ist wie derzeit. Wir hatten rund 1,18 Millionen Sozialwohnungen Ende des Jahres, Mitte der achtziger Jahre waren es allein in Westdeutschland noch 3,5 Millionen.

Es müssten also vor allem viel mehr Sozialwohnungen gebaut und gefördert werden?

Nicht nur. Es sind auch Wohnungen wichtig, die sich knapp über dem Niveau einer Sozialwohnung befinden, also bezahlbare neue Mietwohnungen für Normalverdiener. Das berücksichtigen wir in unseren Forderungen auch. Aber Sozialwohnungen sind extrem dringend, das ist akut. Natürlich kann man sowas auch erst in zwei Jahren ankurbeln, aber dann liegen wir vermutlich schon unter einer Million geförderter Wohnungen. Dann ist die Situation also noch prekärer.
 

Lukas Siebenkotten, Direktor des deutschen Mieterbunds.

An vielen Stellen wird aber ja schon gebaut, die Bauunternehmen sind ausgelastet. Kann da überhaupt noch günstig gebaut werden?

Ja, es gibt in der Bauindustrie Engpässe. Die Verbände in diesen Bereichen behaupten aber auch: Wir kriegen das hin. Gefühlt ist es schwer, zu guten Preisen Bauhandwerker zu finden. So oder so können wir aber nicht die Hände in den Schoß legen und abwarten, bis sich was tut. Im Bauhandwerk werden mehr Menschen beschäftigt werden müssen, die Berufe müssen vielleicht attraktiver gemacht werden. Wir haben auch da jede Menge zu tun. Nach der Wende, Anfang der Neunziger, haben wir es geschafft, in einem Jahr 600.000 Wohnungen zu bauen. Wir schaffen derzeit nicht mal die Hälfte. Wichtig sind jetzt langfristige Förderprogramme bzw. steuerliche Maßnahmen, also zuverlässige Rahmenbedingungen für die Bauwirtschaft, damit Kapazitäten aufgebaut werden können.

Könnte dieser Druck dazu führen, dass nicht nur schnell, sondern auch billig gebaut wird, also schlechte Neubauten errichtet werden?

Diese Gefahr sehe ich in Deutschland angesichts der vielen Regeln und Gesetze im Wohnungsbau nicht. Bestimmte Bauvorhaben könnten aber durch serielle Bauweise günstiger werden: Wenn in Schleswig-Holstein schon ein Gebäude genehmigt wurde, könnte das gleiche, bereits zugelassene Gebäude auch in Bayern gebaut werden. Das befürwortet auch die Wohnungsbauwirtschaft.

Das klingt dann aber nach DDR-Plattenbauten?

Seriell bauen heißt nicht, dass 17-stöckige Gebäude ohne Schalldämmung gebaut werden. Das heißt nur, dass ein bestimmter Typus immer wieder verwendet wird. Das können auch Einfamilienhäuser sein. Von den typische Plattenbauten, die es ja überall in Deutschland gab, ist man da inzwischen weit entfernt. Heute werden auch keine reinen Sozialbau-Viertel mehr geplant, sondern es werden günstigere und teurere Wohnungen gemischt.

Das Verbändebündnis fordert gleichzeitig auch günstiges Bauland in den Kommunen. Mit teureren Grundstückspreisen könnten die Kommunen allerdings auch ihre Haushalte entschulden.

Den Vorrang sollte aber der günstige Wohnraum haben. Natürlich ist das ein Konflikt, erst recht, wenn es vor Ort ein städtisches Wohnungsbauunternehmen gibt. Ein Kämmerer muss dafür sorgen, dass der Haushalt ausgeglichen ist. Aber bei der Grundfrage nach günstigem Wohnraum müssen die Fiskalpolitiker meiner Meinung nach zurückstecken.

In Großstädten gibt es oft kein Bauland mehr, nicht einmal Baulücken, egal zu welchem Preis. Wie lässt sich der akute Wohnraummangel dort beheben?

Tatsächlich gibt es beispielsweise in München kaum noch Flächen. Das geht dann nur im Umland. Dann muss erstens ein vernünftiger Dialog beginnen mit den umliegenden Gemeinden, das klappt noch nicht überall. Zweitens muss dann der öffentliche Personennahverkehr ausgebaut werden, es hängt alles zusammen. Ein bisschen helfen aber auch Programme, die es ermöglichen, dass bestehende Gebäude um ein Stockwerk oder mehr erhöht werden. Das sind im Zweifel dann zwar eher teurere Wohnungen, aber grundsätzlich ist es gut, dass neuer Wohnraum entsteht.

Kann man Investoren denn vorwerfen, dass sie lieber teurere Wohnungen vermieten als günstige Sozialbau-Wohnungen zu errichten?

Das Problem ist vor allem, dass im vergangenen Jahrzehnt fast ausschließlich im oberen Preissegment investiert wurde. Damit konnte noch Geld verdient werden, anders als bei günstigem Wohnraum. Deswegen muss die Politik sich überlegen, welchen Rahmen sie schaffen kann, um auch in diesem Bereich wieder Investoren zu gewinnen.

Etwas überlegen heißt also konkret was?

Fördermittel, Steuererleichterungen und ähnliche Dinge. Ohne Investoren geht es nicht, städtische Wohnungsbauunternehmen werden es alleine nicht richten können.

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Kommentare

Inkonsistentes Groko-Wirrwarr !

Hier zeigt sich das ganze Dilemma der Wohnungsbaupolitik !
Nach dem Ausverkauf der öffentlichen Daseinsvorsorge unter tatkräftiger Unterstützung auch unserer SPD/Alt soll und muss es jetzt ganz schnell gehen. Die Menschen werden unruhig und werden auch vermehrt mit ihrem auf die Strasse gehen. Schnell wurde die Mietpreisbremse gezaubert, auch weil es sich gut anhört (aber allenfalls punktuell die schlimmsten Auswüchse verhindert!). Baukindergeld und ähnliche Wahlgeschenke gerade f. Besserverdiener trieben die Baupreise in´s Extreme. Folglich braucht es wieder hohe Mieten für Investoren damit sich´s noch lohnt. Die hohen Baupreise wirken sich auch auf den sozialen Wohnungsbau aus. Das Baulandmodell mit Mindestquote an Sozialwohnungen muss jetzt schnelll in die Breite kommen ! Verschuldete Kommunen müssen entlastet werden damit sie Bauland aufkaufen für Konzeptvergaben oder Erbpacht-Modelle. Falsche Städtebaupolitik führt zu Baulandverbrauch auf der grünen Wiese ebenso wie falsche Förderung gewerblicher Flachbauten f. Logistik etc.! Diesbezgl. Flächenversiegelung gefährdet extrem die Artenvielfalt und führt zu Überhitzung. Schluss mit falscher Förderpolitik! Groko beenden !

es ist

naiv, anzunehmen, mit immer mehr Geld immer mehr Wohnungen gebaut zu bekommen, solange die Bauwirtschaft derart ausgelastet ist, wie dies derzeit der Fall ist. Ist die nachfrage (nach Leistungen der Bauwirtschaft) größer als das Angebot, steigt zwangsläufig der Preis. Für dieselbe Menge Geld bekommt man dann weniger Wohnung.
Wer widerspricht, mag sich ja mal um einen Handwerkertermin bemühen.

versuchen relassele

Neue alte Heimat ?

nachdem man nun fast alle gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften marktfreundlich verramscht hat fällt "plötzlich" auf, das immer mehr Wohnungen aus eienr 30 Jahre langen Preisbundung fallen.

Ist schon mal wer auf die Idee gekommen das man eventuell Bau- und Wohnträgergesellschaften braucht, die ein Gegengewicht zum "Markt" bieten und halten ?

Natürlich nicht. Schon wieder will man "Investoren" anlocken aber die kommen nur, wenn jetzt und in Zukunft die Rendite stimmt.

Da wird dann also viel Geld verschenkt um wieder einmal auf Kosten der Allgemeinheit eine satte Verzinsung von Privatkapital unter Ausverkauf der Daseinsvorsorge zu betreiben.

Wieder "alternativlos" ? Oder einfach so viel Geld in nutzloser Aufrüstung (dazu ohne klares Konzept was die Bundeswehr nun für einen Auftrag hat...) und "PPP" verschludert das für echte politische Leistung "kein Geld da" ist ?