Hamburg

Nach der Messerattacke im Supermarkt: Barmbek rückt zusammen

Kai Doering01. August 2017
Nach der Messerattacke in einem Supermarkt rückt der Hamburger Stadtteil Barmbek zusammen.
Gemeinsam gegen den Hass: Nach der Messerattacke in einem Supermarkt rückt der Hamburger Stadtteil Barmbek zusammen.
Fünf Tage nach einer tödlichen Messerattacke in Barmbek kehrt in den Hamburger Stadtteil allmählich wieder Ruhe ein. „Es gibt ein großes Gemeinschaftsgefühl“, sagt Bürgerschaftsmitglied Sven Tode. Sechs Männer, die den Täter stoppten, werden am heutigen Mittwoch mit einem Preis für Zivilcourage ausgezeichnet.

Es ist fünf Tage her, dass ein Mann im einem Supermarkt im Hamburger Stadtteil Barmbek mit einem Küchenmesser einen Menschen getötet und sieben weitere verletzt hat. Der Täter, ein abgelehnter Asylbewerber, wurde von Passanten verfolgt und schließlich gestoppt. Sven Tode sitzt für den Stadtteil in der Hamburger Bürgerschaft und ist Vorsitzender des SPD-Distrikts Barmbek-Uhlenhorst-Hohenfelde. Im Interview beschreibt er, wie Barmbek mit der Bluttat umgeht.

Fünf Tage liegt die Messerattacke in einem Supermarkt inzwischen zurück. Wie tief sitzt der Schock in Barmbek noch?

Die Schockstarre der ersten Tage hat sich gelockert. Der Schock ist aber auf jeden Fall noch da. Ich habe mit Menschen gesprochen, die sich unsicher fühlen und sich häufig umdrehen, ob ihnen eine Gefahr droht. Wir von der SPD waren seit der Tat dreimal vor Ort, zuletzt am Montag. Wir sprechen mit den Menschen und bieten Hilfe an. In der betroffenen Edeka-Filiale kehrt langsam wieder Normalität ein, aber die Spuren dieser schrecklichen Tat sind weiter sichtbar. Die Filialleitung hat entschieden, Messer bis auf weiteres aus dem Angebot zu nehmen. Einige der Angestellten haben sich krank gemeldet und werden psychologisch betreut.

Bürgerschaftsmitglied Sven Tode ist mit den Menschen in Barmbek im Gespräch.
Bürgerschaftsmitglied Sven Tode ist mit den Menschen in Barmbek im Gespräch.

Wie reagieren die Menschen im Stadtteil?

Es gibt ein großes Gemeinschaftsgefühl. Aus dem Stadtteil gab es viel Solidarität für die Betroffenen und Hilfsangebote auch an die Leiterin der Edeka-Filiale. Die Reaktionen auf die Tat selbst sind sehr differenziert. Es gibt Stimmen, die der Politik die Schuld für den Angriff geben und fragen, warum der Täter nicht längst abgeschoben wurde. Viele weisen auch darauf hin, dass Flüchtlinge nicht unter einen Generalverdacht gestellt werden dürfen und es hier nicht um eine bestimmte Religion geht. Vor der Edeka-Filiale haben viele Menschen Blumen abgelegt. Dazwischen hat jemand mit Kreide eine Weltkugel auf den Boden gemalt, um zu unterstreichen, dass wir alle in einer Welt leben. Das finde ich ein sehr schönes Symbol dafür, dass wir uns durch solche Taten nicht auseinender bringen lassen. Allergisch reagieren die Barmbeker übrigens darauf, dass sich der Generalsekretär der CSU aus Bayern mit bissigen Kommentaren eingemischt hat.

Aufgehalten wurde der Täter von einigen Männern, die mittlerweile als „Helden von Barmbek“ gefeiert werden. Wer sind sie?

Es sind vor allem Menschen mit Migrationshintergrund. Ich weiß von einem Tunesier, einem Ägypter und einem Afghanen. Gerade die, die jetzt in der Religionszugehörigkeit den Grund für die Tat sehen, sollten sich das bewusst machen. Es ist auch ein gutes Zeichen, dass sich der Imam der Barmbeker Moschee klar von der Tat distanziert und darauf hingewiesen hat, dass die, die den Täter aufgehalten haben, seine Gemeindemitglieder sind. Am heutigen Mittwoch wird ihnen übrigens der Ian-Karan-Preis für Zivilcourage des Polizeivereins Hamburg verliehen.

Wie gehen die Parteien in Hamburg mit der Tat um?

CDU und FDP üben scharfe Kritik und sagen, der Täter hätte längst abgeschoben werden müssen – obwohl sie genau wissen, dass es dafür klare rechtliche Vorgaben gibt, die hier bisher nicht erfüllt waren. Wer keine Papiere hat, kann nicht abgeschoben werden. Hinzu kommt, dass der Täter mit seiner Abschiebung einverstanden gewesen ist und sogar daran mitgewirkt haben soll, Papiere zu besorgen. Das Grundproblem bleibt aber bestehen: Wie geht man damit um, wenn Menschen als Asylbewerber abgelehnt werden, sie das Land aber nicht verlassen können? Darauf müssen wir eine Antwort finden. Die derzeitige Situation kann man niemandem erklären. Am 9. August wird eine Sondersitzung des Innenausschusses der Bürgerschaft stattfinden, in der über Konsequenzen aus dem Fall beraten wird.

Tags: 

weiterführender Artikel