Frankfurter Buchmesse

Ein Mensch brennt: Selbstmord aus Protest gegen die Atomkraft

Kai Doering11. Oktober 2017
„Wieviel Opfer rechtfertigt eigentlich der Kampf für das Gute?“ Diese Frage war für Nicol Ljubic Antrieb, seinen Roman „Ein Mensch brennt“ zu schreiben.
„Wieviel Opfer rechtfertigt eigentlich der Kampf für das Gute?“ Diese Frage war für Nicol Ljubić Antrieb, seinen Roman „Ein Mensch brennt“ zu schreiben. Moderation: vorwärts-Redakteurin Birgit Güll
1977 verbrannte sich der Aktivist Hartmut Gründler aus Protest gegen die Atompolitik von Helmut Schmidt. Der Autor Nicol Ljubić hat Gründler zur Hauptfigur seines Romans „Ein Mensch brennt“ gemacht. Im Gespräch mit Thorsten Schäfer-Gümbel auf der Buchmesse offenbarten beide eine recht unterschiedliche Sicht auf Helmut Schmidt.

Wer war Hartmut Gründler? Als Nicol Ljubić für seinen Roman „Ein Mensch brennt“ zu recherchieren begann, wusste er das selbst nicht so genau. „Ein Freund aus Tübingen hatte mir von Gründler erzählt“, berichtet Ljubić am Mittwoch am vorwärts-Stand auf der Frankfurter Buchmesse, wo er seinen Roman gemeinsam mit Thorsten Schäfer-Gümbel vorstellt.

Selbstverbrennung aus Protest

Ljubić begann nachzuforschen und lernten einen Menschen kennen, der sich an den Baustellen von Atomkraftwerken ankettete und zahlreiche Briefe an den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt schrieb, um ihm die Risiken der Atomkraft vor Augen zu führen. Vor dem SPD-Bundesparteitag in Hamburg 1977 verbrannte sich Hartmut Gründler aus Protest schließlich selbst.

„Wieviel Opfer rechtfertigt eigentlich der Kampf für das Gute?“ Diese Frage habe ihn beim Schreiben des Romans beschäftigt, erzählt Nicol Ljubić am vorwärts-Stand. „Ein Mensch brennt“ sei „in erster Linie ein Familienroman“. So verteilt die (fiktive) Mutter im Buch lieber Flugblätter als mit ihrem Sohn dessen Geburtstag zu feiern. „Kann sich jemand, der sich um das große Ganze kümmert, gleichzeitig auch um seine Liebsten kümmern?“, fragt Ljubić.

Familie und Politik – ein Spannungsverhältnis

Eine Frage, die auch Thorsten Schäfer-Gümbel immer wieder neu beantworten muss. Der Vorsitzende der hessischen Sozialdemokraten und stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende hat drei Kinder. Am vorwärts-Stand gesteht er: „Vieles scheitert an der Zeitfrage.“ Mit seiner Frau habe er vereinbart, Politik und Familie nicht miteinander zu vermischen. Trotzdem stelle sich bei ihm zuhause regelmäßig die Frage: „Wie stark lässt die Familie zu, dass man seine eigenen Erziehungsvorstellungen einbringt, wenn man dann mal zuhause ist?“

Der in Ljubićs Buch beschriebene Atomkonflikt habe in seiner eigenen Kindheit kein Thema gespielt, berichtet Thorsten Schäfer-Gümbel. Die Kontroverse, welche Rolle das Militär in der Bundesrepublik spielen sollte – Schäfer-Gümbels Vater war Zeitsoldat – habe dagegen „jedes Mittagessen geprägt“.

„Der einzige SPD-Politiker, den meine Eltern gut fanden“

Seinen eigenen Blick auf Helmut Schmidt habe die Lektüre von Ljubićs Roman nicht verändert. „Ich hatte während meiner Jugend ein sehr distanziertes Verhältnis zu Helmut Schmidt“, erzählt Schäfer-Gümbel. Während seines Studiums habe sich das begonnen zu wandeln. Doch erst nachdem er 2009 ein langes Vier-Augen-Gespräch mit dem Altkanzler geführt habe, „hat sich vieles relativiert“.

In Nicol Ljubićs Familie war Schmidt durchaus umstritten. „Er war der einzige SPD-Politiker, den meine Eltern – beide überzeugte CDU-Wähler – akzeptiert haben. Ich konnte ihn schon deshalb nicht gut finden.“

Nicol Lubić: Ein Mensch brennt, dtv, ISBN 978-3-423-28130-0, 20 Euro

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