Rezension; Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich"

Mehr Sozialkapital

Peter Brinkmann10. Mai 2012

Eurokrise ohne Ende? Schafft das Geld ab, zerschlagt die Banken. Die „Occupy Bewegung“ breitet sich weltweit aus. Ist diese Welt noch zu retten? Und wenn Ja wie denn? Diese Frage stellen sich viele Bürger. Sie sind besorgt, fürchten den ganz großen Crash. Doch es gibt Alternativen. Davon ist jedenfalls Alexander Dill überzeugt.

Solidarität ist kein fremder Wert

Alexander Dill fragt nach dem Wert von Gemeinschaften. Lässt sich ihr Wert durch das Bruttosozialprodukt und vergleichbare Indices adäquat abbilden? Oder führt die einseitige Orientierung auf die Wirtschaftskraft am wahren Wert vorbei, weil Gemeinschaften viel mehr besitzen als es etwa das Bruttoinlandsprodukt BIP auszudrücken vermag?

Können Initiativen für lokale Tauschwährungen und genossenschaftliche Gasthäuser, ethisch korrekte Banken, Schulen und Handelsunternehmen funktionieren? Dill sagt ja und begründet das so: Solidarität, Vertrauen und Gastfreundschaft seien keine sentimentalen Relikte einer verarmten Nachkriegsgesellschaft. Sie stehen vielmehr im Mittelpunkt einer Kapitalart, die bisher wenig Aufmerksamkeit genoss: das sogenannte Sozialkapital.

Neue Gemeingüterwirtschaft

Dill sagt: Wir brauchen nicht mehr Kritik an Kapitalismus und Finanzkapital, sondern eine Aufwertung des Sozialkapitals. Sozialkapital ist nach seiner Definition die Summe der immateriellen Güter in einer Gemeinschaft. Jenseits wirtschaftlicher Zwänge entstehen Formen von Wohlstand, die sich nicht direkt in Geld messen lassen. Werte wie Vertrauen, Hilfsbereitschaft und Ehrenamt geben Gemeinschaften die Chance, ihre Probleme mit nichtmateriellen Ressourcen zu lösen.

Dill plädiert für eine neue Gemeingüterwirtschaft, beschreibt Erfolgsgeschichten und präsentiert Methoden, das Sozialkapital im eigenen Umfeld zu erkennen und zu verbessern. Warum sind Schweizer und Norweger nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial erfolgreich? Warum werden Isländer und New Yorker so gut mit der Finanzkrise fertig? Warum benötigt Berlin einen Kiez? Wie hilft Sozialkapital bei der Überwindung der Arbeitslosigkeit? In diesem Buch wird gezeigt, wie Gemeinschaften durch die Mobilisierung ihres Sozialkapitals Werte ohne Geld schaffen.

Verantwortung und Freiheit

Ohne Sozialkapital wird nicht ein Euro Steuern bezahlt, nicht ein Schuldtitel vollstreckt. Als Summe der nicht materiellen Werte von Gemeinschaften entscheidet das Sozialkapital auch über die Bonität ganzer Staaten: Nur, wenn die Bürger zur Tilgung der Staatsschulden bereit sind, lässt sich die Kreditwürdigkeit des Staates erhalten. Und wenn wir die Dinge einfach mal anders sehen, dann erkennen wir, dass das Sozialkapital sogar über die Bonität ganzer Staaten entscheidet. Es geht also.

Alexander Dill forscht in München, wie es um das soziale Klima in der „Weltstadt mit Herz“ bestellt ist. Im Jahr 2009 gründete der promovierte Soziologe und Unternehmer das Basel Institute of Commons and Economics. Sein Buch ist sehr interessant. Und mit dem neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck werden sicherlich viele dieser Ideen auch einen breiteren Diskurs entfachen. Denn Gauck spricht von den beiden Pfeilern der Demokratie: Verantwortung und Freiheit. Das ist die Grundlage des Sozialkapitals.

Alexander Dill: „Gemeinsam sind wir reich. Wie Gemeinschaften ohne Geld Werte schaffen“, oekom verlag, München 2012, 176 Seiten, 14,95 EUR, ISBN 978-3-86581-288-9

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