Köln stellt sich quer

Mehr Schein als Sein

Tomas Sager24. September 2008

Propagandistische Übertreibung schlägt zuweilen ins Absurde um. "Pro Köln" bietet dafür ein Beispiel in einem Rückblick auf den zum R(h)einfall gewordenen Anti-Islamisierungskongress am
dritten Septemberwochenende.

"Trotz aller gewalttätigen Behinderungen und der skandalösen Verweigerungshaltung der Behörden verliefen wichtige Teile des Anti-Islamisierungskongresses wie geplant ab", resümierte "pro Köln"
wenig später die turbulenten Tage in der Domstadt. Tatsächlich hatten die Rechtspopulisten zur Kenntnis nehmen müssen, dass sich eine Stadt gegen sie stellte: Bus- und Taxifahrer, die sie nicht
durch Köln kutschieren wollten; Hoteliers und Gastwirte, die ihnen weder Quartier noch Tagungsräume oder Kölsch geben wollten; Tausende Bürger, die die Gassen rund um den Heumarkt mit ihren
Blockaden verstopften, so dass nur ein kleines Häufchen Rechtspopulisten und eine Handvoll Neonazis bis zum Kundgebungsplatz gelangten; ein Oberbürgermeister, der die "Brandstifter, Rassisten im
bürgerlichen Zwirn, subtilen Angstmacher" für "nicht willkommen" erklärte. Doch nicht allein an diesem Widerstand scheiterte "pro Köln". Die "Bürgerbewegung", die das Wochenende zu einem
"historischen" machen wollte, erwies sich auch als organisatorisch inkompetent. "Pro Köln": weit mehr Schein als Sein.

Allzu hochtrabend für das geplante Spektakel war schon die Bezeichnung "Kongress". Selbst wenn das Wochenende so gelaufen wäre, wie sich die "pro"-Oberen dies vorgestellt haben mögen, wäre
es nicht viel mehr gewesen als eine öffentliche Kundgebung mit Rahmenprogramm für die internationalen Gäste. Diese Gästeliste wiederum hatte schon im Vorfeld viel von ihrem "Glanz" verloren. Die
beiden Zugpferde Heinz-Christian Strache (FPÖ) und Jean-Marie Le Pen (FN) hatten wissen lassen, dass sie nicht kommen würden.

Der eine unter dem vorhersehbaren Hinweis auf die Schlussphase des österreichischen Wahlkampfs; der andere ließ ausrichten, er habe nie teilnehmen wollen, und bezichtigte pro Köln nebenbei
der Lüge. Blieb für's internationale Flair neben dem Vlaams-Belang-Fraktionsvorsitzenden Filip Dewinter und FPÖlern aus der zweiten Reihe noch der Lega Nord-Europaabgeordnete Mario Borghezio. Als
Bindeglied zur Lega taugt er aber auch nicht so recht. In Köln ließ er jedenfalls wissen, er vertrete dort nur sich selbst. Schon in den Wochen zuvor waren Redner und Gäste kommentarlos wieder
von der Teilnehmerliste verschwunden, wie der Vorsitzende der British National Party oder die Deutschlandbeauftragte der italienischen Alleanza Nazionale. Mit der "historischen" Dimension des
Treffens, von der "pro Köln" schwadronierte, wäre es nicht weit her gewesen.

Allerdings hat es "pro Köln" mit einer Mischung aus geschickter Öffentlichkeitsarbeit und ungebremsten Übertreibungen geschafft, den "Kongress" wenigstens zu einem Medienereignis zu machen.
Und das ruft Neider auf den Plan. Der NPD zum Beispiel gelingt so etwas eigentlich nur, wenn sie interne Skandale produziert. "Vor allem als bürgerliche Kraft" wolle "pro Köln" gesehen werden,
notierte NPD-Vorstandsmitglied Andreas Molau eine Woche vor der Veranstaltung. "Um Anerkennung bittend" distanziere sich pro-Köln-Chef Markus Beisicht "rituell" von der NPD, hielt Molau ihm vor.
Dass dieser Versuch von europäischen Rechtsparteien von FPÖ bis zum Front National unterstützt werde, sei "mehr als befremdlich". Molau vermisst die Radikalität bei den "pro"-Gruppen:
"Moscheebauten in Deutschland sind nicht Ursache des Problems sondern Symptom. Das Problem ist die durch die Globalisierung provozierte Einwanderung."

Zufällig ist es auch nicht, dass die NPD just am Tag vor dem Kongress auf ihrer Homepage ein bereits einige Monate altes Interview der österreichischen Zeitschrift "Die Aula" mit Jürgen
Gansel und dem FPÖ-Politiker Johann Gudenus auf ihre Homepage stellte. Gansel wettert darin gegen "jede Form der Überfremdung durch kultur- und rassefremde Menschen". In Mitteleuropa sei der
Islam eine "fremdkörperhafte Aggressionsreligion, der nicht mit falscher Toleranz begegnet werden darf". Zwei Ziele dürfte die NPD mit der Publikation verfolgt haben: zum einen sich als die im
Vergleich zu den Pro-Gruppierungen konsequenteren "Anti-Islamisten" darzustellen, zum anderen deutlich zu machen, dass man selbst es auch gut mit der FPÖ könne.

Die nordrhein-westfälische NPD startete Anfang August eine Kampagne unter dem Motto "Deutsche wehrt Euch - Gegen Überfremdung, Islamisierung und Ausländerkriminalität". Landeschef Claus
Cremer bestreitet zwar, dass es sich um eine Konkurrenzinitiative zu pro Köln handele. Aber er hat wohl die Rechtspopulisten im Blick, wenn er sagt: "Mit unserer Kampagne werden wir der deutschen
Bevölkerung in NRW zeigen, wer sich wirklich für ihre Interessen einsetzt (...) Wir sind das nationale Original." Für ihn sind die "pro"-Gruppen eine "pseudonationale Ein-Punkt-Bewegung, welche
die Ängste und Sorgen der Bevölkerung für ihr eigenes Süppchen missbraucht".

Die Kritik an der "pro-Bewegung" wird von den "freien" Neonazis zugespitzt. Sie sei "philosemitisch, reaktionär, spießbürgerlich", so das Aktionsbüro Westdeutschland. Das einzige Problem,
das "pro-Köln"-Funktionäre mit den heutigen Zuständen hätten, sei "die Störung ihrer bürgerlichen Ruhe", sagt das Aktionsbüro Mittelrhein. "Als Alternative zur biologischen Zersetzung unseres
Volkes bieten sie eine Integration der hier lebenden Ausländer. Als Alternative zur Moschee in Köln-Ehrenfeld bieten sie eine Moschee in einem abgelegenen Industriegebiet."

Und wer inhaltlich derart weichgespült ist, der kann auch keine öffentliche Veranstaltung auf die Beine stellen, meinen die Neonazis. Auch Jürgen Schwab spricht von einer "wirklich
peinlichen Vorstellung": "Am Ende kamen maximal 300 potentielle Demonstranten. Zu wenig für die großspurig angekündigten Höhenflüge. Die Unseriosität, alle möglichen prominenten Redner
anzukündigen, die gar nicht zugesagt haben, ist auch bestraft worden."

Schwab belässt es aber nicht beim derzeit in NPD- und anderen Neonazikreisen beliebten "pro"-Bashing. Von pro Köln könne man auch etwas lernen: "NPD und NW sollten es vermeiden, immer wieder
als Bürgerschreck in Gestalt von NS-Traditionsfreaks, Uniformfetischisten und dergleichen mehr aufzutreten. Der Wähler nimmt solche Erscheinungen einfach nicht ernst. NPD und NW sollten mal die
Vergangenheit Vergangenheit sein lassen und sich den heutigen sozialen Problemen der Deutschen zuwenden."


Dieser Artikel ist erschienen in blick nach rechts, Ausgabe 20/2008,
bnr.de, 24.09.2008

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