#SPDerneuern

MdB Josip Juratovic: „Ich will meine Arbeiterpartei SPD wieder zurück“

Vera Rosigkeit08. November 2017
Als ehemaliger Fließbandarbeiter und Migrant ist Josip Juratovic eine Ausnahme im deutschen Bundestag.
Als ehemaliger Fließbandarbeiter und Migrant ist Josip Juratovic eine Ausnahme im deutschen Bundestag.
Josip Juratovic ist einer der wenigen Arbeitnehmer in der SPD-Bundestagsfraktion. Im Interview spricht er über fehlendes Verständnis, verlorenes Bewusstsein und die Sehnsucht nach einer Partei, die Arbeiter wieder ernst nimmt.

Sie sind einer von wenigen Arbeitnehmern im Bundestag. Fühlt man sich da als Außenseiter?

Manchmal schon. Auch wenn wir als Repräsentanten die Verantwortung für die ganze Gesellschaft zu tragen haben, kommt die Arbeiterwelt im Parlament zu kurz. Damit meine ich die Welt der Frauen und Männer, die als Facharbeiter, als Bäcker oder in der Krankenpflege arbeiten. Das ist eine Gruppe, die vernachlässigt wird.

Warum gehen so wenige Arbeitnehmer den Weg in die Politik?

Als Migrant vom Fließband habe auch ich bei meiner ersten Kandidatur Probleme gehabt. Einen Politiker stellt man sich eloquent vor und erwartet, dass er auf alles schnell eine Antwort hat – diese Kriterien habe ich nicht erfüllt. Das ist ein mühsames Geschäft. Denn die Themen, die für uns im Betrieb wichtig sind, werden im politischen Alltag nicht diskutiert.

Welche Themen wären das?

Wir leben im digitalen Zeitalter, viele Facharbeiter auch in meiner ehemaligen Firma Audi, sind verunsichert. Keiner weiß, ob sein Produkt – sei es das Dieselfahrzeug oder künftig vielleicht das Elektroauto – eine Zukunft hat. Und im Vergleich zum Ingenieur oder Akademiker fühlt er sich zurückgelassen.
Deshalb war es richtig, dass die SPD im Wahlkampf Weiterbildung zum Thema gemacht hat, zum Beispiel mit dem Arbeitslosengeld Qualifizierung AlgQ. Damit braucht der Arbeitnehmer keine Angst zu haben, dass er während der Qualifizierungsmaßnahme in Hartz IV landet. Davor haben die Arbeiter einen Horror. Aber die SPD hat Themen wie diese nicht konsequent genug verfolgt.
Unsere Frage muss lauten: Was braucht ein Arbeitnehmer, der jeden Tag zur Arbeit geht und jeden Monat Geld nach Hause bringen muss, um seine Familie zu ernähren? Der kann keine Experimente betreiben, der braucht Sicherheit. Und diese Sicherheit ist in ihm abhandengekommen.

Was muss die SPD ändern?

Ich habe als Fließbandarbeiter die technischen Umbrüche in den 90er Jahren miterlebt. Als die ersten Roboter kamen, haben wir sie Max, Fritz und Cemal genannt, denn das waren alles Arbeitsplätze. Unsere einzige Chance damals war, in Qualifizierung und Bildung zu investieren. So haben wir neue Berufsbilder entwickelt. Nichts anderes erwartet uns jetzt. Wir müssen den Menschen sagen, was auf sie zukommt, auf welcher Seite wir stehen und dass sie nicht unter die Räder kommen werden. Um das glaubwürdig rüberzubringen, müssen wir die Arbeitswelt kennen. Nehmen wir als Beispiel Rente oder Gesundheit: Die Zustände in den Krankenhäusern sind alarmierend. Und was die Rente angeht, da glaubt uns ohnehin kein Arbeitnehmer mehr.
Deshalb brauchen wir mehr Arbeitnehmer als Repräsentanten im Bundestag. Und die SPD braucht wieder mehr Authentizität.

Wie kann man für mehr Arbeitnehmer im Bundestag werben?

Wir müssen innerhalb der Partei offen darüber reden, was schiefläuft. In meinem Fall war es so, dass nach der Niederlage der Landtagswahlen in Baden-Württemberg die Wahlliste für die Bundestagswahl neu aufgestellt wurde. Wenn im Leitantrag steht, dass die SPD eine Arbeitnehmerpartei ist, ist es wenig glaubwürdig, wenn ich als Arbeiter von Listenplatz elf auf Platz 16 rutsche, ein Platz der äußerst wackelig ist. Natürlich war für mich klar, dass ich auch um diesen Platz kämpfen werde. Aber wenn ich als einziger Arbeiter mit Migrationshintergrund nur noch kämpfen muss, ist es schwierig mit der Botschaft an die Öffentlichkeit zu gehen, dass es auch für Arbeitnehmer möglich ist, in den Bundestag zu ziehen.

Würde da eine Quote Sinn machen?

Nein. Für mich wäre es beschämend, wenn ich als Arbeiter in meiner Arbeiterpartei eine Quote bräuchte. Aber ich will meine Stimme erheben. Und ich möchte die Stimmen der Arbeiterinnen und Arbeiter im Deutschen Bundestag vernetzen und sie stärken.

Was wünschen Sie sich von der SPD?

Mehr Authentizität und Kompetenz. Ich möchte, dass die Kompetenzen der einzelnen Fraktionsmitglieder stärker durch die Personen, die sie vertreten, zum Ausdruck kommen. Nur so schaffen wir Glaubwürdigkeit innerhalb unserer Demokratie, in dem wir als Repräsentanten der Menschen, die uns gewählt haben, auch erkennbar werden. Wir müssen wagen, dass der eine oder die andere auch einmal eine Meinung vertritt, die nicht unbedingt beliebt ist. Nur so gibt es Veränderung. Wenn wir das schaffen, und das traue ich Andrea Nahles zu, dann können wir viel erreichen. Mir persönlich ist wichtig, dass wir Arbeiter uns vernetzen und – das sage ich bewusst provokativ: Ich will meine Arbeiterpartei SPD wieder zurück. 

Josip Juratovic

Josip Juratovic ist seit 2005 sozialdemokratischer Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Heilbronn. Als erster Bundestagsabgeordneter mit kroatischem Migrationshintergrund und ehemaliger Fließbandarbeiter ist er eine Ausnahme im Parlament.

Noch immer zählt er als freigestellter Mitarbeiter (ohne Gehalt) zur Firma Audi Neckarsulm und ist dem Betrieb verbunden. Im Sommer hat er einen Offenen Brief zum Thema Standort-Sicherung geschrieben, weil seiner Meinung nach, der Dieselskandal nicht auf Kosten der Arbeitnehmer gehen darf. Ihm geht es dort um jeden Arbeitsplatz.

Mehr Infos unter www.josip-juratovic.de

SPD erneuern

weiterführender Artikel

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Ich will meine Arbeiterpartei SPD wieder zurück

Bin zwar selbst Beamter, stamme aber aus einer "Arbeiterfamilie". Leider haben die Arbeiter keine Lobby! Dass selbst SPD-Angehörige kein Vertrauen mehr in die eigene Partei haben, und dazu zähle ich mich auch, darf niemanden wundern. Die immer "befürchtete" Zweiklassengesellschaft haben wir schon längst "überwunden", jetzt ist schon längst die Dreiklassengesellschaft da! 1. die Abgehängten (Hartz-IV-ler, Aufstocker und die, die gerade mit dem Verdienst "drüber liegen",Alleinstehende, Alleinerziehende, viele Rentner, Kranke und Pflegebedürftige mit ihren Familien), 2. die Arbeitnehmer und Selbstständigen mit dem sog. "mittl. Einkommen" und 3. das Establishment (Bundes- und Landespolitiker, Unternehmensmillionäre,Großgrundbesutzer etc.). Aber jetzt sind wir ja wieder in der Opposition und können Forderungen stellen - werden ja ohnehin nicht erfüllt! Komisch nur: wenn die SPD dann an der "Macht" ist, tun sie genau das, was die anderen auch tun - sich um die eigenen Pfründe kümmern! Das ist die einzige Art von Verjässlichkeit, die ich in den letzten 20 - 30 Jahren bei der SPD erlebt habe. Traurig aber wahr!!!!

Arbeiterpartei

Josip spricht mir aus dem Herzen. Bei einer Sitzung unserers Gemeindeverbandes nach der Bundestagswahl habe ich mit erstaunen erfahren das selbst in unserem Vorstand der Facharbeiter als möglicher Wähler eigentlich keine Rolle mehr spielt. Für die Genossinnen und Genossen besteht die Welt nur aus Mitarbeitern des öffentlichen Dienst und aus Ingenieuren. Der Rest ist abgeschrieben. Hier begeht die Partei einen großen Fehler. Arbeit 4.0 (die Bezeichnung verniedlicht) wird die Arbeitswelt verändern und insbesondere die der Facharbeiter. 3D-Drucker werden die Arbeitswelt verändern wie die Dampfmaschine. Wo sind die Antworten der SPD