„Politisches Buch 2010“ an Rolf Hosfeld

Von Marx lernen

Birgit Güll12. Mai 2010

Karl Marx zählt zu den einflussreichsten Denker des 19. Jahrhunderts und 20. Jahrhunderts. Doch als mit dem Untergang der DDR sämtliche Marx-Büsten vergraben, Karl-Marx-Stadt in Chemnitz
umbenannt und der endgültige Sieg des Kapitalismus verkündet wurden, war es einfach, Marx' Thesen für tot zu erklären. Angesichts der aktuellen Wirtschaftskrise ist der Verfasser des "Kapitals"
nun wieder salonfähig. Davon zeugt auch die Veranstaltung in der FES.

Zukunft statt Zocken

So nutzt Andrea Nahles die Gelegenheit, die Krise im Euro-Raum anzusprechen. Es sei "nicht zu akzeptieren, dass Staaten, Demokratien nicht länger das Heft in der Hand
halten". Denn nur starke Demokratien könnten die Auswirkungen eines Kapitalismus begrenzen, der längst von der Realwirtschaft entkoppelt sei. Eine Finanztransaktionssteuer auf internationaler
Ebene sei nötig, um die Verursacher der Krise an den Kosten zu beteiligen.

"Ein Skandal" sei es, wenn viele den Gürtel enger schnallen müssen, während andere ihr Geld in der Steueroase Schweiz anlegen. Denn: "Sparen und Haushaltskonsolidierung
müssen mit Gerechtigkeit verbunden werden", so Nahles. Deshalb müssten die Verursacher beteiligt werden. "Das Geld fließt in die falsche Richtung: nicht in unsere Zukunft, sondern ins Zocken."
Und das wiederum könne man bei Marx lesen: Schließlich habe er die Folgen und Wirkungen des Kapitalismus genau untersucht. Und "Krisen gehören zum Gen-Code des Kapitalismus", unterstreicht der
Marx-Biograph Hosfeld.

Marx entdecken

Wie bedeutend die Beschäftigung mit Marx sei, mache Hosfelds Buch deutlich, begründet Jury-Sprecher Klaus Hohlfeld die Auszeichnung. "Die Geister, die er rief" beleuchte
Entstehen und Wirken der Marxschen Gedankenwelt. Der Autor Hosfeld betont, dass bis heute keines der Probleme, das Marx in seinem Werk thematisiere, gelöst sei. Und er lädt dazu ein, Marx
"unbefangen zu entdecken".

Dieser Aufruf überrascht, hatte Hosfeld doch zuvor angemerkt, dass das Marxsche Oevre spätestens mit Ende des 19. Jahrhunderts revisionsbedürftig gewesen sei und sein Denken
direkt in totalitäre Systeme geführt habe. Dennoch bleibt zu hoffen, dass die aktuelle Marx-Renaissance viele zur Beschäftigung mit dem Werk des großen Philosophen treibt. - "Die Geister die er
rief", könnte dazu anregen.

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