Abschlusskundgebung in Berlin

Martin Schulz: „Wir Sozialdemokraten sind das Bollwerk der Demokratie“

Kai Doering22. September 2017
„Euch stellen wir uns in den Weg.“ Martin Schulz mit einer Kampfansage an die AfD bei der Abschlusskundgebung der SPD auf dem Berliner Gendarmenmarkt
„Euch stellen wir uns in den Weg.“ Martin Schulz mit einer Kampfansage an die AfD bei der Abschlusskundgebung der SPD auf dem Berliner Gendarmenmarkt
Bei der Abschlusskundgebung der SPD in Berlin hat Kanzlerkandidat Martin Schulz die AfD scharf angegriffen. Diese sei eine „Organisation der Hetzer“ und „eine Schande für Deutschland“. Mahnende Worte fand auch eine Überlebende des Holocaust.

Inge Deutschkron hat ein bewegtes Leben hinter sich. Im April 1933 wurde ihr Vater, ein Lehrer, in Berlin aus dem Schuldienst entlassen – weil er Mitglied der SPD war. Im selben Jahr erfuhr Inge Deutschkron von ihrer Mutter, dass sie Jüdin war. Um den Drangsalierungen durch die Nazis zu entkommen wollten die Deutschkrons Deutschland verlassen. Dann brach der Zweite Weltkrieg aus. Inge Deutschkron tauchte unter. Ab Januar 1943 lebte sie illegal in Berlin und versteckte sich, um dem Holocaust zu entgehen. 1978 erschien ihre Autobiografie unter dem Titel „Ich trug den gelben Stern“.

Inge Deutschkron: „Ich habe diese Kerle gehasst.“

„Es wäre ein Unglück, wenn unser Land diesen Typen folgen würde“: die Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron
„Es wäre ein Unglück, wenn unser Land diesen Typen folgen würde“: die Holocaust-Überlebende Inge Deutschkron

Am frühen Freitagabend sitzt Inge Deutschkron auf einer Bühne auf dem Berliner Gendarmenmarkt. „Es werden wieder Dinge wach, die man zuletzt in den 20er und 30er Jahren gehört hat“, sagt die 95-Jährige nachdenklich. Die mehr als 8000 Zuschauer, die zur Abschlusskundgebung der SPD vor der Bundestagswahl gekommen sind, hören gebannt zu. Selbst die Trillerpfeifen einiger Störer, die zuvor über die Absperrung gehallt sind, sind verstummt. „Ich habe diese Kerle damals gehasst“, erzählt Deutschkron. „Dass es nun wieder in diese Richtung geht, darf nicht sein.“

Mit einer klaren Kampfansage betritt kurz darauf Martin Schulz die Bühne. „Ihr seid unsere Feinde und wir werden die Demokratie gegen euch verteidigen“, sagt er an die Adresse der AfD. Sein Ziel sei zu verhindern, dass „diese Partei der Hetzer in den Bundestag einzieht“. Dafür lohne es sich zu kämpfen „in jeder Minute der verbliebenen 48 Stunden“ bis zur Schließung der Wahllkokale am kommenden Sonntag.

Schulz: AfD spricht „Sprache der Totengräber der Weimarer Republik“

„Wir Sozialdemokraten waren immer das Bollwerk der Demokratie“, erinnert Martin Schulz. Er sei Vorsitzender der Partei, die sich 1933 „dem Diktator in den Weg gestellt“ habe und deren Mitglieder dafür ins Konzentrationslager geschickt worden seien. Männer wie Otto Wels, der als Vorsitzender der SPD-Reichstagsfraktion gegen Hitlers „Ermächtigungsgesetz“ redete, seien „Helden der Geschichte“. Auch auf sie ziele der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke ab, wenn er eine „erinnerungspolitsche Wende um 180 Grad“ fordere. „Er will, dass wir über die Heldinnen und Helden der deutschen Geschichte nicht mehr reden dürfen“, so Schulz.

Und auch AfD-Spitzenkandidat Alexander Gauland greift Schulz an. Dieser hatte Anfang September in einer Rede vor AfD-Mitgliedern das Recht gefordert, „stolz zu sein auf Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“. Auf dem Gendarmenmarkt stellt SPD-Chef Schulz klar: „Wir haben nicht das Recht stolz darauf zu sein, was deutsche Soldate in zwei Weltkriegen getan haben.“ Die Äußerungen von Höcke und Gauland sei „die Sprache der Totengräber der Weimarer Republik“, die AfD eine „Organisation der Hetzer“. Schulz verspricht: „Euch stellen wir uns in den Weg.“

Inge Deutschkron hört das gern. „Es wäre ein Unglück, wenn unser Land diesen Typen folgen würde“, sagt sie und fügt an die Menschen auf dem Gendarmenmarkt hinzu: „Aber ihr seid auch viel zu klug, das zu tun.“ Schließlich hat sie noch einen Appell, der weit über den Platz hinausreicht. „Kämpft und vergesst nicht, dass die Demokratie die Basis für unser Leben ist. Das ist gar nicht so schwer.“

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