„Tu was für Europa“

Martin Schulz: „Europa muss positiv erlebt werden“

Jonas Jordan09. Mai 2019
Martin Schulz und „Tu was für Europa“: „Wir wollen Europa weg von den verkopften Diskussionen hin zu den Emotionen lenken.“
Martin Schulz und „Tu was für Europa“: „Wir wollen Europa weg von den verkopften Diskussionen hin zu den Emotionen lenken.“
An diesem Donnerstag startet der von Martin Schulz gegründete Verein „Tu was für Europa“ die Kampagne #myeurope. Im Interview mit vorwärts.de erklärt der frühere Präsident des EU-Parlaments, was dahinter steckt und wie die Initiative auch über die Europawahl hinaus Menschen von Europa begeistern möchte.

Am Donnerstagabend startet die Kampagne #myeurope des Vereins „Tu was für Europa“. Was hat es damit auf sich?

Der Verein hat zum Ziel, Menschen, die nicht unmittelbar politisch mit Europa etwas zu tun haben, mit Kampagnen zu motivieren, sich zu Europa zu bekennen und aktiv einzusetzen. Wir wollen mit niedrigschwelligen Projektangeboten Menschen erreichen, die sich für die Idee von Europa – Respekt, Toleranz, Frieden und Wohlstand – bekennen wollen.

Die Kampagne #myeurope startet mitten im Europawahlkampf. Ist das Zufall oder Absicht?

Wir haben mit der Europawahl eigentlich nichts zu tun. Wir nutzen natürlich die erhöhte Aufmerksamkeit, die es durch die Europawahl gibt, für das Thema, aber es ist ausdrücklich keine politische Kampagne und keine Kampagne zur Europawahl. Der Start erfolgt jetzt, aber unsere Aktivitäten gehen weit über die Europawahl hinaus.

Was ist über die Europawahl hinaus geplant?

Wir werden bis zur Europawahl die Kampagne #myeurope unter dem Motto „Zeig Flagge für Europa“ machen. Auf unserer Homepage kann sich jeder mit einer Farbenskala seine eigene Europaflagge basteln. Wenn Sie zum Beispiel der Meinung sind, mein Europa ist Eintracht Frankfurt im Europa-League-Endspiel, nehmen Sie die Farbe Schwarz mit zwölf roten Sternen drin als Ihre persönliche Europa-Flagge. Ein anderer ist der Meinung, sein Europa ist grün mit gelben Sternen drin. Es geht darum, Europa als Gefühl zu individualisieren. Sie können sich auf eine sehr subjektive Art zu Europa bekennen. Das machen wir sichtbar, indem wir eine riesige, vielfarbige Europa-Flagge im Allianz-Forum zeigen werden. Gleichzeitig wird in unterschiedlichen Farben, aber immer mit dem Europa-Symbol der Berliner Hauptbahnhof angestrahlt.

Welche weiteren Kampagnen folgen?

Mit der Aktion „Rede über Europa“ wollen wir Menschen dazu bringen, ihre Vorstellungen von Europa auszutauschen. Mit der Kampagne „Bring Europa vor Ort“ wollen wir Menschen in Städten unter 50.000 Einwohnern animieren, bis zum nächsten Jahr eine Europaaktion in ihrer Stadt zu organisieren. Die Besten werden am 9. Mai 2020, dem Europatag, mit einem Preis ausgezeichnet. Der Preis wird sein, dass diese Städte unsere bunte Europaflagge erhalten, die dort dann wehen kann. Das feiern wir mit einer Übergabe vor Ort. Wir machen außerdem einen Kochwettbewerb unter dem Titel „Europa schmeckt“, bei dem Restaurants um die Wette kochen können. Unter dem Stichwort „Informiere dich über Europa“ bieten wir auf unserer Homepage ein neues Informationsangebot zu Europa. Journalisten, Wissenschaftlern oder Künstlern finden empfehlen die besten Seiten, auf denen man sich über Europa informieren kann. Hier wird es regelmäßig neue Angebote geben.

Was möchten Sie langfristig mit Ihrem Verein für Europa erreichen?

Ich mache das mal an zwei Zahlen fest: In einer Umfrage haben kürzlich 81 Prozent der Deutschen gesagt, dass sie Europa gut finden und der Meinung sind, dass die Mitgliedschaft in der Europäischen Union für sie Vorteile bringt. 45 bis 48 Prozent der Menschen beabsichtigen, bei der Europawahl wählen zu gehen. Wer sind die Leute, die zu den 81 Prozent gehören, aber nicht zur Europawahl gehen? Es sind Leute, die sich vielleicht nicht jeden Tag mit Politik befassen, die aber vom Grundsatz her ein positives Gefühl für Europa haben. Diesen Leuten wollen wir Möglichkeiten bieten sich in ihrem Lebensbereich für Europa zu engagieren. Wenn wir es mit unseren Angeboten schaffen, dass sie sich zum Beispiel in einem zeitlich begrenzten Rahmen in einem Projekt für Europa engagieren – in ihrer Stadt, ihrem Restaurant, ihrem Chor oder ihrer Fußballmannschaft – ohne dass sie sich damit auf eine politische Meinung festlegen oder sich dauerhaft an irgendeine Organisation binden müssen, haben wir unser Ziel erreicht.

Wer kann im Verein „Tu was für Europa“ Mitglied werden?

Der Verein hat sieben Mitglieder. Mehr sollen es auch nicht werden, um zu verhindern, dass er irgendwann politisiert wird. Zu den sieben Mitgliedern gehören neben mir unter anderem Franziska Brantner, eine frühere Kollegin aus dem Europaparlament von den Grünen, der Moderator Klaas Heufer-Umlauf und die Journalistin Vera Lisakowski. Vor allem geht es uns aber darum, mit unseren Aktionen Menschen zu erreichen und zum Engagement zu bewegen. Wir streben nicht an, ein reiner „Mitgliederverein“ zu werden.

Von wem ging die Idee für dieses Projekt aus?

Meine Überlegung nach zweieinhalb Jahrzehnten im Europaparlament war, wie wir an die Leute herankommen, die zwar proeuropäisch, aber nicht politisch engagiert sind. Warum gelingt es den Antieuropäern so viele Emotionen zu mobilisieren? Und warum uns nicht? Wir wollen Europa weg von den verkopften Diskussionen hin zu den Emotionen lenken, um darüber die Menschen, die vom Prinzip für diese Idee sind, zu motivieren, das auch zu zeigen.

Mit der Europa-Union oder „Pulse of Europe“ gibt es bereits einige überparteiliche Europa-Organisationen. Inwieweit wollen Sie diese inhaltlich ergänzen?

Es ist ein anderes Angebot. Die Europa-Union ist sehr politisch, Pulse of Europe erreicht punktuell eine ganz bestimmte Bevölkerungsgruppe, aber ihre Stärke kommt vor allem von externen Impulsen, wie dem Brexit zum Beispiel. Das führt dazu, dass viele Menschen auf die Straße gehen und für Europa demonstrieren. Uns geht es um eine Dauerhaftigkeit, in der gesellschaftlichen, nicht primär in der politischen Ebene. Europa muss positiv erlebt werden und Thema bleiben, auch jenseits von Brexit, Europawahlen und Krisen.

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Kommentare

Europa, Europa, Europa.....

Die EU ist gemeint, mitsamt ihrer Militärgemeinschaft namens NATO. Der Herr Schulz verhinderte im EU Parlament eine Untersuchung gegen seinen Freund Jean-Claude (Luxemburg Papers). Die EU wird mittlerweile als imperialistisches, militaristische und neoliberales Projekt im Schlepptau der USAdministration wahrgenommen. Zu Recht oder nicht, mag dahingestellt sein. Zu den EU Wahlen: als überzeugter SOZIALDEMOKRAT weiß ich nicht wo ich da mein Kreuzchen machen soll. Also bei der Frau "uploadfilter" habe ich da ganz große Schwierigkeiten.
Ich befürworte das soziale Friedensprojekt Europa (>EU), aber diese EU hat für mich recht wenig damit zu tun. Es sind eben nicht nur die "Konservativen und Nationalisten" die dem im Wege stehen. Um Zukunft sozial und friedlich zu gestalten brauch es mehr als den ewigen Kompromiß und Oportunismis; man muß darüberhinaus denken, so wie Kevin (?) (wo bleibt denn der Artikel zu Kevins Ideen im vorwärts ? Natürlich ohne Kommentarfunktion).

Widerspruch von Überschrift zu Artikel

So richtig die Überschrift ist, so falsch ist die Intention die im Artikel dargestellt wird.

Ein Propagandaverein wird keinesfalls dafür sorgen das die vielfältigen Demokratiedefizite, die Kernmerkmal der "EU" sind in irgendeiner Weise abgestellt werden.
Dafür bedürfte es einer wirksamen Demokratie und nicht einer "repräsentativen" bei der Bürger alle 5 Jahre das Rechtfertigungskreuzchen machen dürfen damit die Politkaste ohne jeden Eingriff und ohne jede Haftung die nächsten 5 Jahre gegen die Interessen der Wähler handeln kann.

Auch hier ist unbedingt klarzustellen das die "EU" nicht das Geringste mit der positiven Einstellung zu Europa am Hut hat. Würde man diese beiden Dinge in der Bevölkerung so miteinander verknüpfen wie die Propagandawerfer in der Politik dann kann man sicher sein das die Zustimmung zu "Europa" deutlich geringer ausfallen würde.

Herr Schulz hatte während seiner Amtszeit die Möglichkeit, mit einer besseren Politik die "EU" attraktiver zu machen. Er hat sich aktiv handelnd dagegen entschieden.

Schönreden bringt nichts, es muß politisch gehandelt werden. Dieser Verein kann in dieser Hinsicht nichts bewegen und ist somit überflüssig.

nicht muss, sondern

müsste .

Aber: wie soll das gehen? Da bleibt die Frage offen, jedenfalls abseits des Politikbetriebs, bei den normalen Menschen, dem sprichwörtlichen "kleinen Mann"

Tut was für Engagierte !

Hiermit von mir, als Praktiker in der quartiersbezogenen Netzwerk- u. Projektarbeit eine dringende Bitte auch an Herrn Schulz und den Verein "Tu was für Europa": Bitte setzt Euch dafür ein, dass auf breiter deutscher u.europ. Ebene (auch was Länder- u. Kommunalrecht angeht) die Gesetzgebung daraufhin überprüft wird, wie sie sich unnötigerweise kontraproduktiv und hemmend auf soziales- und ehrenamtliches Engagement sowie bremsend auf diesbezügliche Projektarbeit ("Graswurzelprojekte", Bürgerfeste, niedrigschellige Integrationsarbeit, Projektarbeit als Ersatz f-1-Euro-Jobs etc., etc.) auswirkt. Auch wegen Überregulierung und übertriebenem Planungs- und Kontrollwahn "von oben" bleiben wir, was gesellschaftlichen Zusammenhalt und Integration angeht, weit, weit hinter uns. Möglichkeiten zurück. Und das kostet unter dem Strich richtig viel Geld, weil aus diesem Defizit ein Fass ohne Boden wird. Wenn wir wollen dass die Menschen sich engagieren, gründen, zusammen im Quartier feiern und Musik machen etc., so müssen wir die gesellschaftlichen Freiräume vergrößern, statt sie durch ein Übermass an Reglementierung immer weiter einzuschränken ! Das kostet wenig !