Sommerreise

Martin Schulz besucht Hamburg: Im Auge des Orkans

Karin Nink14. Juli 2017
Martin Schulz in Hamburg
Martin Schulz im Gespräch mit Beamten der Hamburger Polizei.
Angesichts der brutalen Ausschreitungen am Rande des G20-Gipfels hat Martin Schulz das Programm seiner Sommerreise geändert. Am Donnerstag besuchte er das wenige Tage zuvor verwüstete Hamburger Schanzenviertel.

Es ist weitgehend wieder aufgeräumt: An die Zerstörungswut krimineller Chaoten erinnern auf den ersten Blick noch demolierte Geldautomaten und zerborstene Schaufenster, die mit Klebeband notdürftig gesichert sind. Begleitet von dem örtlichen SPD-Bundestagsabgeordneten Matthias Bartke und Staatsministerin Aydan Özoguz geht Martin Schulz mit strammen Schritt über den Neuen Pferdemarkt, vorbei an dem zu trauriger Berühmtheit gelangten Eckhaus an der Straße „Beim Grünen Jäger“. „Das ist das Haus, wo sie auf dem Dach standen“, sagt Özoguz im Vorbeigehen. Gemeint sind jene Gewalttäter, die Steine und Brandsätze auf vorrückende Polizeibeamte geschleudert hatten.

Schulz zeigt Mut - Merkel kneift

Der Parteivorsitzende und Kanzlerkandidat steuert die „Apotheke am Neuen Pferdemarkt“ an. Eigentümer Maurice Khalil schildert Schulz, wie er in den Gewaltnächten mit seinem Sohn im Geschäft geblieben ist, um die Apotheke zu schützen. Die Scheiben der Apotheke seien beschädigt worden und auch ein Auto, das auf dem Hinterhof geparkt gewesen sei. „Aber das waren keine Leute aus dem Viertel“, sagt er. Er habe die Gewalttäter „russisch, schweizerisch und spanisch“ reden gehört. Dann verschwindet er kurz im Laden und kommt mit einem handgroßen Stein zurück. Er legt ihn Schulz in die Hand. „Den haben wir im Laden gefunden.“ Schulz hört ihm aufmerksam zu, dankt ihm für seine Offenheit.

Mathias Fahrig hat mit Hilfe anderer seinen Weinladen zwei Nächte lang vor Plünderungen geschützt. Er findet es „mutig“, dass Schulz „sich hier der Wut aussetzt“. In der Tat ist es dem SPD-Vorsitzenden ein erkennbares Anliegen, den Opfern der Krawallnächte seine Solidarität zu zeigen. Er wolle sich den Menschen zuwenden, die hier traumatisches erlebt hätten, sagt er später. Dieses Bedürfnis hat Bundeskanzlerin Merkel offenbar nicht. Zwar wollte sie den G20-Gipfel in Hamburg haben, aber einen Besuch nach den massiven Ausschreitungen in der Hansestadt hält sie offenbar nicht für nötig.

Zwischen Lob und Pöbelei

Angenehm ist ein solcher Termin sicher nicht. Schulz erfährt zwar viel Wohlwollen, denn er kommt mit seinem Besuch dem großen Redebedürfnis der Bewohner des Schanzenviertels entgegen. Viele scheinen es zu schätzen, dass der SPD-Spitzenmann sich für sie Zeit nimmt. „Ja, es ist gut, dass er gekommen ist“, bestätigt einer der Anwohner, mit denen sich Schulz zu einem Gespräch ein Stück abseits in einem Hinterhof getroffen hat, diesen Eindruck. Aber auf der Strasse gab es auch Pöbeleien und Kritik und den Vorwurf des „Wahlkampfmanövers“. Aber Schulz kneift nicht, er sieht es als seine Politikerpflicht, vor Ort zu sein.
 
Wie Recht er damit hat, bestätigen auch Polizeibeamte vom „Kommunikationsteam“, die mit ihrem Straßenstand seit den Krawallen Ansprechpartner für die Bewohner des Viertels sind. „Das Gros der Leute kommt, um ihre Emotionen loszuwerden, nur der geringere Teil meldet Schäden“, berichtet einer der Beamten und verweist darauf, dass die Polizei auch aus dem Umfeld des autonomen Zentrums „Rote Flora“ positive Rückmeldungen bekommen hätten.

Rückkehr zu einem „rationalen Prozess“

Schulz bedankt sich persönlich bei der Polizei für ihren Einsatz und macht dies auch später in einem Pressestatement deutlich. Dabei zeigt er sich beeindruckt von der „differenzierten Darstellung“ der Ereignisse seitens der Anwohner und der Polizei. „Das hätte ich in der Form nicht erwartet“ sagt er und fügt hinzu: „Eine derart differenzierte Debatte würde ich mir auch auf Bundesebene wünschen.“ Mit der Regierungserklärung von Olaf Scholz am Mittwoch, so glaubt Schulz, habe „wieder ein rationaler Prozess begonnen“.
 
Schon in den vorangegangen Tagen seiner Sommerreise hatte der SPD-Vorsitzende immer wieder durchblicken lassen, dass die Gewalttaten in Hamburg nicht für parteipolitische Scharmützel genutzt werden dürften, sondern dass hier alle Demokraten gegen brutalen Gewalttäter zusammen stehen müssten.

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