Filmtipp

„Der marktgerechte Patient“: Kranke als Ware

Nils Michaelis09. November 2018
Was darf es kosten? Szene in einer Notaufnahme in München.
Was darf es kosten? Szene in einer Notaufnahme in München.
Statt Daseinsvorsorge nur noch Gesundheitswirtschaft: Der Dokumentarfilm „Der marktgerechte Patient“ warnt vor einer zunehmenden Schieflage in Deutschlands Kliniken.

Und diese Schieflage hat viele Gesichter. Sie kann Menschen jeden Alters treffen. Ein kleiner Junge entkommt nur knapp dem Tod, weil er monatelang auf eine Spenderleber wartet. Nicht, weil es an Spendern mangelt, sondern weil sich die Entnahme des Organs aus einem Verstorbenen für das Krankenhaus nicht rechnet. Ein Rentner wird als Notfall in eine Klinik eingeliefert und durchlebt eine Odyssee durch unterbesetzte Stationen. Am nächsten Tag ist er tot.

Es sind zwei von vielen Beispielen, die die Filmemacher Leslie Franke und Herdolor Lorenz für ihre neue Dokumentation zusammengetragen haben. Der Titel ist eine Provokation und darin drückt sich auch die Intention des Films aus. Er soll aber nicht nur aufrütteln, sondern auch aufklären. Die genannten Fallbeispiele sind kein Zufall, sie stehen für die Fehler und Risiken im Gesundheitssystem. Dieses wurde vor 15 Jahren im Zuge der Sozialreformen mit der Einführung sogenannter Fallpauschalen auf den Kopf gestellt.

Geburten unrentabel

Seitdem ist nicht etwa die Liegezeit der Patienten Grundlage für die Vergütung der Krankenhausleistung durch die Krankenkassen, sondern die Art der Behandlung. Je aufwendiger die Operation, desto größer der Ertrag. Eine betreuungsintensive Langzeitbehandlung ist unter diesen Umständen wenig lukrativ. Im schlimmsten Fall wird ein schlecht durchbluteter Diabetikerfuß kurzerhand amputiert, anstatt therapiert. Aber auch Geburten werfen kaum etwas ab. Auch deswegen wurde seit 2003 jede dritte Geburtsstation geschlossen. Stattdessen wuchsen vor allem spezialisierte Einrichtungen nach, die satte DRGs (Diagnosis Related Groups, zu deutsch: diagnosebezogene Fallgruppen) versprechen.

Bis Ende der 90er-Jahre hinein dienten Krankenhäuser der Daseinsvorsorge. Doch mit dem Argument explodierender Kosten beschritt die damalige Bundesregierung den Weg in die Gesundheitswirtschaft, so die These der Filmemacher. In den auf Effizienz getrimmten Strukturen werde der Mensch zur Ware. Bei seiner Behandlung komme es nicht darauf an, was er braucht, sondern, was es abwirft. Hinzu kommt der Kostendruck: Das DRG-System sieht für die Versorgung in der Notambulanz mit 30 Euro pro Patient weniger Geld vor, als tatsächlich benötigt wird (nämlich 130 Euro), sagt ein Mitarbeiter eines städtischen Klinikums in München. Um die Kosten im Rahmen und die Erträge oben zu halten, wird beim Personal gespart. Und zwar nicht nur in dieser Klinik.

Berater gestrichen

Franke und Lorenz, die in ihren Filmen immer wieder die herrschenden Verhältnisse hinterfragen und bei der Finanzierung unter anderem von Attac und ver.di unterstützt werden, haben quer über Deutschland verstreute Krankenhäuser aufgesucht, um eine Entwicklung zu dokumentieren, die der frühere Chirurg und Publizist Ulrich Hildebrandt in seinem Buch „Die Krankenhausverdiener“ anprangert. Die Ergebnisse sind erschütternd. Ob privatisiert oder (noch) in öffentlicher Hand: Kaum einem Krankenhaus gelingt es, Wirtschaftlichkeit und Patientenwohl unter den aktuellen Gegebenheiten unter einen Hut zu bekommen, eines von beiden bleibt auf der Strecke. Das verheißt für die Zukunft nichts Gutes. Allerdings werden auch Auswege skizziert: So hat ein städtisches Klinikum in Dortmund den Einfluss der auf schlanke Prozesse und hohe Rendite fixierten Unternehmensberater zurückgefahren und sucht stattdessen eigenständig nach Lösungen. Immerhin: Trotz der DRG-Fuchtel hält die Leitung an ihrer Abteilung für Diabetologie fest. Auch solche Einrichtungen sind mittlerweile rar. Und der Streik an der Berliner Charité belegt, dass geschlossen auftretende Arbeitnehmer und Gewerkschaften einiges – etwa zusätzliches Personal – erreichen können.

Grundlage des Films sind Gespräche mit Ärzten, Schwestern und Pflegern sowie Patienten und Angehörigen. Aber auch einige Geschäftsführer kommen zu Wort. Statistische Daten werden nur am Rande behandelt. Die Aussagen der Menschen aus dem „Maschinenraum“ des Gesundheitssystems werden nicht näher überprüft oder hinterfragt, jedoch formt sich daraus ein Bild, das an der These dieser Dokumentation zumindest im Grundsatz keinen Zweifel lässt. Auch, weil die Beschäftigten vor der Kamera einen anschaulichen Eindruck ihres schwierigen Arbeitsalltags geben, anstatt pauschal Kritik zu üben. Gerade dieses Merkmal verleiht diesem engagierten, aber keinesfalls alarmistischen Dokumentarfilm ein hohes Maß an Überzeugungskraft.

Info: „Der marktgerechte Patient“ (Deutschland 2018), ein Film von Leslie Franke und Herdolor Lorenz, 82 Minuten.

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Kommentare

„Der marktgerechte Patient“: Kranke als Ware

Ich vermisse in diesem Beitrag den Hinweis und insbesondere die Kritik an der zunehmenden Privatisierung im Kranken- und Pflegebereich.

Dadurch, dass den Privaten Tür und Tor geöffnet wurde, sich - sowohl auf Kosten der Patienten wie auch auf Kosten des Personals - goldene Nasen zu verdienen, stehen die öffentlichen und kirchlichen Betreiber unter erheblichem Konkurrenzdruck, womit auch dort die Leistungen nachlassen und der Druck auf die Pflegekräfte stärker wird.

Hier ist die SPD gefordert, einem Spahn Gegendruck zu machen, sonst wird alles nur noch schlimmer!

Der renditeorientierte gesundheitsruinierende Wettbewerb

Jens Spahns Quotenreform haben ein Ziel. Die stetige Verringerung von Krankenhausbetten. Mit seinen Vorschlägen erzeugt er nicht nur eine Sogwirkung zugunsten der Kliniken und zu Lasten der Pflegeheime. Sondern darüber hinaus schlägt er gerade nicht vor, in Kliniken pro Quadratmeter pro Patient eine Mindestbesetzung von Fachkräften vorzuschreiben.

Dies wäre im Übrigen eine Rückkehr zu den gesicherten Verhältnissen der 80er Jahre. Jens Spahn zieht sich zwar Retro an, aber so Retro denkt er dann doch nicht. Wenn Kliniken seine Vorstellung von Mindestbesetzung nicht gewährleisten können, sollen hierfür die Krankenhäuser schließen. Und er weiß sehr genau, um den Fachkräftemangel.

Selbst ein Spurwechsel von Flüchtlingen nach Genfer Konvention im Sinne der Nachwuchssicherung fällt ihm nicht ein. Zu standardisierten Verfahren für die Aufnahme von möglich infizierten Patienten mit resistenten Erregern schweigt er. Portalpraxen sind ihm ein Fremdwort. Neolibertärer kann man nicht auftreten. Mit Ordoliberalismus und selbstregulierendem Markt hat dies nicht mehr zu tun. Ach ja, er war ja eine ganze Zeit lang Gesundheitslobbyist der Privatwirtschaft. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.