Internationaler Frauentag

Marie-Schlei-Verein: Wie feministische Entwicklungspolitik wirkt

Christa Randzio-Plath11. März 2022
Frauen aus der DODI COMMUNITY FOUNDATION in Uganda
Vom Bio-Gemüseanbau in Ghana über Geflügelzucht in Bangladesch: Der Marie-Schlei-Verein kämpft weltweit mit Frauen für mehr Gleichberechtigung. In der Pandemie ist ihre Granswurzelpolitik lebensrettend.

Die Corona-Jahre 2020 und 2021 klärten einmal mehr aus Sicht der internationalen Solidarität und der Perspektive von Geschlechtergerechtigkeit: wir leben in der Einen Welt. Doch hat die Corona-Pandemie weltweit soziale Ungerechtigkeit und Ungleichheit verstärkt. Frauen sind besonders betroffen. Gewalt gegen Frauen nahm weltweit geschätzt um 30 Prozent (UN Women) zu: dazu zählen Frauenmorde, häusliche Gewalt, Mädchenheiraten und Genitalverstümmelung. Die Schulschließungen bedrohten nicht nur den Bildungsstand von Mädchen – sie verhindern Bildung und Aufklärung, Zugang zu Beratung und Hilfe. Nur 22 Prozent aller Entscheidungspositionen liegen in Frauenhand. Gute Arbeit ist für fast alle Frauen in Entwicklungsländern ein Fremdwort.

Bio-Gemüseanbau in Ghana

Von den beschlossenen Entwicklungs- und Covid-19-Milliarden aus den OECD-Ländern kam insbesondere in afrikanischen Staaten bei der Landbevölkerung nichts an. In Uganda waren es Partnerinnen des Marie-Schlei-Vereins, die initiativ wurden und die Dorfbevölkerung über die Pandemie aufklärten. Flüssigseifen-, Spirulina-Projekte, Schutzmaskenprojekte wurden zusätzlich zu den Economic Empowerment – Projekten unterstützt. Es geht um Arbeit und Einkommen, die ohne berufliche Qualifikation nicht mehr erfolgreich sein können. Allein 66 Frauenausbildungsprojekte konnten 2021 durchgeführt werden, weil Frauen in afrikanischen Ländern, Bangladesch, den Philippinen oder El Salvador nicht aufgaben. Die sogenannte Graswurzelpolitik bewährt sich in Krisen.

„Der Bio-Gemüseanbau hat uns in Covid-19-Zeiten gerettet,“ sagt Biira aus Uganda wie auch Mary aus dem ländlichen Ghana. 20 Projekte konzentrieren sich auf den ökologischen Gemüseanbau und die damit verbundenen Ausbildungen und Investitionen. Jetzt wollen gelernte Gemüsebäuerinnen Pflanzensetzlinge selbst züchten, um die Qualität des Gemüses und seine Vermarktung zu steigern. Wichtig waren 2021 auch Tierhaltung, Milchproduktion und Käseproduktion in den Anden wie Geflügelzucht in Bangladesch. Aber auch Handwerk war angesagt: Bäckereien, Schneidereien, Färbereien. IT- Qualifizierung gehört dazu.

Zu wenig Frauen in Führung

Entwicklungspolitik muss die großen Herausforderungen wie Armut und Hunger, Bildung und Gesundheit erfolgreich beantworten und entsprechend handeln. Die neue Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit Svenja Schulze setzt dabei richtigerweise auf gleichberechtigte Frauenpartizipation wie sie die Europäische Union versucht. Ihre feministische Entwicklungspolitik muss darauf setzen, dass Frauen den gleichen Zugang zu Entscheidungen, zu finanziellen und anderen Ressourcen haben, Rechte für Mädchen und Frauen geachtet und berücksichtigt werden und prüfen, dass jedes Jahr Einsatz und Umsetzung von Entwicklungszusammenarbeit übereinstimmen. Schweden ist ein gutes Beispiel!

In der Geschlechtergerechtigkeit wie sie das UN-Agenda-Ziel 5 fordert, das im Sommer 2022 auf der UN-Prüfliste steht, gibt es Fortschritte. Mehr Frauen denn je regieren. Aber nur 27 Prozent der Abgeordneten sind Frauen. Es gibt Frauen an der Spitze von internationalen Organisationen und großen Unternehmen. Aber nicht einmal zehn Prozent aller wirtschaftlichen Führungspositionen sind in Frauenhand. Wichtiger noch: die meisten Frauen weltweit, die erwerbstätig sind, haben weder eine Sozialversicherung noch den gleichen Lohn wie Männer.  

Mehr Solidarität wird gebraucht

Frauen werden weiterhin benachteiligt und coronabedingt zunehmend mehr. Daran haben die Zuschreibung von Sorgearbeit und ihre verstärkte Zuschreibung durch die Pandemie ihren wichtigen Anteil. Aber auch die Frauenrollen und Geschlechterstereotype spielen eine wichtige Rolle. Gesellschaft und Religionen weltweit verfestigen sie, obwohl die UN-Frauenrechtskonvention keinerlei Frauendiskriminierung für gerechtfertigt hält.

Internationale Solidarität hat Tradition. In einer globalisierten Welt sollte das selbstverständlich sein. Die Entwicklung zeigt, dass Globalisierung und Digitalisierung zur Ich-Befindlichkeit und Entsolidarisierung beitragen. Gegensteuerung ist angesagt!

Marie-Schlei-Verein e.V.

Der Verein bietet Hilfe für Frauen in Afrika, Asien und Lateinamerika und ist benannt nach der ersten weiblichen Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit Marie Schlei (SPD). Besonders wollte sie den Frauen helfen, ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Sie gab das erste „Frauenpapier” zur Situation der Frauen in den Entwicklungsländern und zur Beteiligung von Frauen am Entwicklungsprozess heraus.

weiterführender Artikel