Jubiläum

Marie Schlei zum 100. Geburtstag: Die unterschätzte Entwicklungshilfeministerin

Renate Faerber-Husemann26. November 2019
Helmut Schmidt und Marie Schlei auf dem außerordentlichen Parteitag der SPD in der Westfalenhalle Dortmund im Juni 1976
Sie wollte keine „Alibifrau am Kabinettstisch“ sein und lehnte das Amt als Familienministerin ab. Frauenpolitik machte Marie Schlei stattdessen als Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Marie Schlei, die Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit von 1976 bis 1978, hatte es nicht leicht in der Politik – und die Kollegen hatten es nicht immer leicht mit ihr. Die Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete von 1969 bis kurz vor ihrem frühen Tod 1983 mit nur 63 Jahren, hatte Spitzenjobs in einer Zeit, in der Frauen vor allem im Zusammenhang mit Familien- und Frauenpolitik eine Chance bekamen. Der Bundestag ähnelte damals einem Männerclub.Politikerinnen mit Ehrgeiz hatten es schwer.

Keine „Alibifrau am Kabinettstisch“

Auch Marie Schlei, geboren am 26. November 1919, musste sich jeden Schritt ihrer Karriere hart erkämpfen. Mit 28 Jahren schon war sie Witwe, absolvierte dann auf dem zweiten Bildungsweg ein Lehramtssstudium, wurde rasch Rektorin im Berliner Wedding, dann Schulrätin. Parallel dazu kämpfte sie sich in der SPD nach oben. Schon 1969 saß sie für ihre Partei im Bundestag, Herbert Wehner wurde ihr Förderer. Er hätte sie gerne als Bundestagspräsidentin gesehen, doch in dieses Amt wurde dann Annemarie Renger gewählt.

Marie Schlei wurde dann Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeskanzleramt zu Helmut Schmidts Zeiten. Es war wohl für beide Seiten keine sehr glückliche Entscheidung. Schon nach zwei Jahren gab sie auf und leitete dann als Nachfolgerin von Egon Bahr das noch junge Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Eigentlich sollte sie als Nachfolgerin von Katharina Focke das Familienministerium übernehmen, doch sie lehnte ab mit der Begründung, sie wolle kein typisches Frauenministerium leiten und damit die  „Alibifrau am Kabinettstisch“ werden.

Beteiligung von Frauen an jedem Entwicklungsprozess

Die Ironie der Geschichte: Im neuen Amt machte sie ganz gezielt Frauenpolitik, weil sie früh schon erkannte, dass man in der Entwicklungshilfe nur etwas erreichen kann, wenn man sich an die Frauen wendet. Für sie waren die Frauen der Schlüssel zu jeder Entwicklung. Gerade in den ärmsten Ländern der sogenannten „Dritten Welt“ waren wirtschaftliche Verbesserungen nur durchzusetzen, wenn man die Frauen überzeugen konnte. Auf ihre Initiative hin erschien das erste „Frauenpapier“ zur Situation der Frauen in den Entwicklungsländern und zur Beteiligung von Frauen an jedem Entwicklungsprozess. Heute ist Allgemeingut, was sie  forderte und förderte, damals wurde nur wenig Notiz genommen von diesem neuen Ansatz in der Entwicklungspolitik.

Trotz ihrer nachweisbaren Erfolge hagelte es Kritik an ihrer Arbeit. Tatsächlich peinliche verbale Ausrutscher bei Dienstreisen besonders in afrikanische Länder wurden in der Presse aufgeblasen, über ihre Erfolge wenig geschrieben. Dass sie zum Beispiel den Schuldenerlass für die ärmsten Länder erfolgreich vorantrieb, wurde kaum wahrgenommen. Wenig anerkannt wurde auch ihr engagierter Einsatz für afrikanische und ihre scharfe Abgrenzung gegen das Apartheit-Regime in Südafrika. Trotz deutlicher Erfolge sorgte die schlechte Presse dafür, dass auch im eigenen Haus das Murren lauter wurde und die Erleichterung groß war, als Marie Schlei aufgab.

Weiterhin aktiv: Marie-Schlei-Verein

Obwohl sie schon seit Ende der 60er Jahre immer wieder gegen ihre Krebserkrankung ankämpfen musste – und 1983 den Kampf schließlich verlor – blieb sie weiter aktiv in der SPD und im Bundestag. Sie wurde 1980 Vorsitzende Außenpolitischen Arbeitskreises der SPD und – von ihrer Krankheit schon schwer gezeichnet – stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion.

Zu ihren Lebzeiten gab es viel Kritik an ihrer Arbeit. Heute wird das anders gesehen. Der äußerst rührige Marie-Schlei-Verein hat in Erinnerung an die erste Entwicklungsministerin zu einer Festveranstaltung am 26. November in der GIZ-Repräsentanz in Berlin eingeladen. Man will gemeinsam diskutieren, was sich durch den Einsatz von Marie Schlei verändert hat und, so wörtlich – „für welche aktuellen Herausforderungen sich auch heute noch ein Blick in die Vergangenheit lohnt, um Antworten für die Gegenwart und  die Zukunft geben zu können.“

Festveranstaltung zu Ehren von Marie Schlei

Anlässlich des 100. Geburtstages von Marie Schlei erinnern die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GiZ) und der Marie-Schlei-Verein mit einer Festveranstaltung an die erste deutsche Entwicklungsministerin und ihr frauenpolitisches Engagement. Sie findet statt am Dienstag, 26. November ab 18 Uhr in der GIZ-Repräsentanz Berlin, Reichpietschufer 20.

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