Parität in der SPD

Maria Noichl zur Doppelspitze: "Ein Team ist stabiler"

Benedikt Dittrich07. Juni 2019
Maria Noichl gehört dem Europaparlament seit 2014 an.
Maria Noichl ist Bundesvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF). Seit 2014 ist sie Mitglied des Europaparlaments.
Maria Noichl, Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen in der SPD, fordert eine paritätisch besetzte Doppelspitze. Ein Team aus Mann und Frau entspreche auch dem heutigen Familienbild. Ein Gespräch über Machtkonzentration, Parität und Bilder im Kopf.

Besteht jetzt in der SPD die Chance auf eine Doppelspitze mit Frau und Mann?

Auf jeden Fall! Es belustigt mich zwar ein bisschen, dass es jetzt ernst genommen wird, weil es mehrere Männer sagen. Man hat das Gefühl, dass da jetzt etwas neu erfunden wurde, dabei gärt das doch eigentlich schon ganz lange. Renate Schmidt hat zu so langen Veränderungsprozessen einmal gesagt: „Die einen sind bei der Zeugung dabei, und andere sind dann dabei, wenn es um die Geburt geht. Da wäre mir doch die Zeugung lieber!“  Als ASF waren wir vor Jahren die Impulsgeberinnen – schön wenn dieser Anstoß jetzt Wirklichkeit wird. An dieser Stelle einen ganz herzlichen Dank an Elke Ferner für ihre Arbeit!

Reicht dann eine Doppelspitze in der Führung?

Die Parität in Doppelspitzen muss sich auf allen Ebenen, von den Ortsverbänden bis zum Parteivorstand zeigen. Das ist eine gute und partnerschaftliche Art der Zusammenarbeit. 2015 hatten wir bereits einen Antrag dazu, der wurde abgelehnt. 2017 wurde der nächste Aufschlag dann in den Parteivorstand verwiesen. Jetzt kann der Durchbruch kommen. Ganz oben, in der Mitte und in den Ortsvereinen. Ich freu mich darauf, dabei zu sein.

Wie ist die Frauenförderung bisher vorangegangen?

Naja, da müssen sich immer viele Dinge gleichzeitig ändern. Es hilft nicht, nur einen Beschluss zu fassen, sondern wir müssen auch über Strukturen innerhalb der Ortsvereine nachdenken. Bekommt „frau“ nur dann einen guten Listenplatz, wenn sie schon 20 Jahre Basisarbeit auf dem Rücken hat? Kann „frau“ nur dann ein Amt bekommen, wenn sie schon 20 Jahre plakatiert hat? Und wird eine durchgängige Biografie erwartet, oder kann man in Zeiten von Familiengründung mal ein paar Jahre in der politischen Arbeit aussetzen, und dann wieder einsteigen? Diese Fragen brauchen Antworten. Hier muss sich viel ändern.

Hat sich denn in der Zeit mit Andrea Nahles an der Spitze etwas geändert?

Auf jeden Fall, und da möchte ich mich auch ganz herzlich bei Andrea Nahles bedanken. Innerhalb der SPD wurde eine Stabsstelle zum Thema Gleichstellung eingerichtet, ganz nah am Parteivorsitz. Das ist wie eine Sensorenstelle für Gleichstellungsthemen direkt im Willy-Brandt-Haus! Andrea Nahles als Parteivorsitzende war, wie jede Frau in einer Führungsposition, ein Vorbild für Mädchen. Es geht darum Bilder im Kopf zu verändern. Frau und Führung passt wunderbar zusammen.

Wie lässt sich das praktisch umsetzen, dass eine Frau und ein Mann die Partei führen?

Das ist die Frage nach dem Team. Diesen Teamgedanken gibt es ja auch in den Familien heute. Beide sind berufstätig, beide übernehmen die Kinderbetreuung, beide unterstützen sich gegenseitig. Dieser Teamgedanke muss auch im Führen erkennbar sein. Das A und O einer gemischten Führung muss es sein, dass die Aufgaben gut verteilt sind, dass man gut miteinander kommuniziert. Ich wünsche mir eine Doppelspitze.

Gibt es inzwischen schon positive Beispiele auf Landes- oder Ortsvereinsebene, die paritätisch besetzt werden?

Ja, es gibt ja jetzt diese Möglichkeit seit 2017, da wurden Modellversuche gestartet für Ortsvereine. Da kam dann sofort die Frage: Wenn es das für Ortsvereine gibt, warum nicht auch für Unterbezirke oder Landesverbände? Teams sind stabiler, Teams können in Extremzeiten zusammen mehr leisten. Sie können auch unterschiedliche Menschen unterschiedlich ansprechen. Ich finde es ganz toll, wenn der Teamgedanke im Mittelpunkt steht und nicht die Machtkonzentration auf eine Person.

Wäre dann nicht eine Dreierspitze sogar noch besser?
Wäre theoretisch auch möglich, aber es sollte natürlich nicht inflationär werden. Es bleibt ja immer dieser Punkt: Wer wird identifiziert, wer ist Ansprechpartner oder Ansprechpartnerin für Medien? Natürlich scheint es leichter zu sein, alles mit nur einer Person zu identifizieren, und nicht mit zwei. Doch wir haben schließlich alle zwei Augen und können auch eine Doppelspitze gut beobachten. Die Veränderung beginnt im Kopf.

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