Filmtipp

„Manifesto“: Cate Blanchetts schräge Revolutionsrevue

Nils Michaelis24. November 2017
Auch als zugedröhnter Punk hat Cate Blanchett viel zu sagen
So schillernd wie in „Manifesto“ war die Revolution noch nie: In zwölf verschiedenen Rollen bläst Cate Blanchett zum Sturm auf künstlerische und gesellschaftliche Konventionen.

Inmitten einer Fabrikruine stolpert ein Obdachoser mit einem Einkaufswagen umher. Wie beiläufig sagt er Sätze wie diesen: „Wir appellieren an alle aufrechten Intellektuellen, Schriftsteller und Künstler, endlich die trügerische Vorstellung fahren zu lassen, Kunst könne um ihrer selbst willen existieren oder Künstler könnten von der Ferne auf die historischen Konflikte blicken, in denen jeder Mensch Partei ergreifen muss.“

Von Karl Marx bis zur Dogma-95-Bewegung

Man muss schon vielerlei Sinne schärfen, um zu erkennen, dass hinter dieser abgerissenen Gestalt mit dem versoffenen schottischen Akzent Cate Blanchett steckt. In völlig anderer Gestalt, nämlich als geleckte Börsenmaklerin, agiert die Schauspielerin in einer anderen Szene. Erneut wendet sie sich direkt an die Zuschauer und skandiert: „Unsere Herzen kennen keine Müdigkeit, denn Feuer, Hass und Geschwindigkeit nähren sie.“

Beide Zitate sind Auszüge aus zwei der zahllosen künstlerischen Manifeste aus dem 20. Jahrhundert, im ersten Fall aus der Richtung des Situationismus, im zweiten des Futurismus. Diese Texte zielen nicht nur auf neue ästhetische Wege, sondern auf eine Neubestimmung ganzer Gesellschaften, wenn nicht gar des Lebens an sich ab. Sie bilden die Grundlage für diesen Film, der mehr an eine Kunstperformance als an klassisches Kino erinnert. Zwölf Denkrichtungen verdichtete der deutsche Regisseur Julian Rosefeldt zu Textfragmenten, die Blanchett in wechselnden Rollen an verschiedenen Schauplätzen vorträgt.

Auch Karl Marx und die Dogma-95-Bewegung finden sich darin wieder. Sei es als konservative US-Mama aus den 50er-Jahren mitsamt Truthahn und Familie, als Baggerfahrererin in einer Müllverbrennungsanlage oder als zugedröhnte Punkfrau. Daraus ergibt sich eine ebenso faszinierende wie irritierende Collage. Nicht nur, weil das Gesagte, die Rolle und der Schauplatz in keinem ersichtlichen Zusammenhang zueinander stehen. Die von Blanchett verkörperten Persönlichkeiten sind über weite Strecken die einzigen Personen, die auftreten. Durch die direkte Ansprache des Publikums entsteht eine mitunter bedrückende, weil ungewohnte Nähe. Je nachdem, welche Stoßrichtung ihre Einlassungen nehmen, möchte man darauf etwas erwidern oder am liebsten abtauchen. Immer wieder feiern die eindringlich vorgetragenen Zitate die Kraft der Veränderung, nehmen mitunter auch totalitäre Züge an.

Künstlermanifeste als Gradmesser ihrer Zeit

Ursprünglich wurden die zwölf Kapitel einzeln auf Kunstausstellungen gezeigt, für die Kinofassung fügte sie Rosefeldt zusammen. Denkt man anfangs, in einer Ausstellung wäre das Ganze auch in dieser Fassung besser aufgehoben, offenbart sich Zug um Zug eine intensive cineastische Erfahrung jenseits von „Kunstkino“-Klischees. Das liegt nicht nur an Blanchetts legendärer Verwandlungskunst, die sie bereits in dem Bob-Dylan-Biopic „I’m not There“ so eindrucksvoll bewiesen hatte. In jeder Szene hofft man, ihre rätselhaften Figuren zu entschlüsseln. Und scheitert jedes Mal aufs Neue. Eine Lust ist diese Begegnung mit zwölf grundverschiedenen Gestalten dennoch. So intensiv war Blanchetts völlig uneitle Camouflage wohl noch nie zu erleben.

Aber auch die Bilder vom Setting erzeugen einen ganz eigenen Sog. An nur zwölf Tagen in Berlin und Umgebung abgedreht, hat Kameramann Christoph Krauss Bilderwelten erschaffen, die einerseits opulent wie ein Gemälde sind, andererseits aber auch einen pointierten Realismus atmen.

Revolutionäres Kino

„Die  Manifeste  erinnerten mich ans Theater, weshalb ich sie mir zunehmend als Performance ausmalte, befreit vom Staub der Kunstgeschichte und in die heutige Zeit transportiert”, erklärt Rosefeldt seine Herangehensweise. Er will die Künstlermanifeste als Gradmesser ihrer Zeit verstehen. „Gerade jetzt, wo neonationalistische, rassistische und populistische Tendenzen in der Politik und den Medien weltweit Demokratie bedrohen und wir dazu aufgerufen seien, Werte der Toleranz und des Respekts zu verteidigen“, sieht er in den versammelten Texten einen „Weckruf, um zu handeln“.

Aktuelle Bezüge bietet der Film reichlich. Etwa, wenn Blanchett als blasierte Anchorwoman im Zusammenhang mit Kunst das Wörtchen „Fake“ fallen lässt. Mag man sich mitunter auch von den Theoriegebilden erschlagen fühlen, so finden sich doch einige wichtige Denkanstöße für Veränderungen jedweder Art. So ist „Manifesto“ im mehrfachen Sinne revolutionär.

 

Info: Manifesto (Deutschland 2017), ein Film von Julian Rosefeldt, Kamera: Christoph Krauss, mit Cate Blanchett . Jetzt im Kino