Frankfurter Buchmesse 2009

Die Macht des Wortes

Gero Fischer16. Oktober 2009

Seit Jahren denkt Erhard Eppler über das Verhältnis von Sprache und Politik nach. In seinem Buch "Der Politik aufs Maul geschaut" untersucht er 47 politische Standardbegriffe der Politik auf
ihren Gehalt und die Absicht, die hinter ihrer Verwendung steht. Zum Beispiel das im letzten Bundestagswahlkampf oft gebrauchte Wort "Leistungsträger". Ein Begriff, so Eppler, den es früher in
der Politik gar nicht gegeben habe. "Leistungen werden nicht getragen, sondern erbracht." Das Wort sei erfunden worden und werde immer dann gebraucht, wenn es um Steuersenkungen gehe. Es
bezeichne Leute, die viele Steuern zahlen, alle anderen würden ausgeschlossen.

Kein "weiter so"

"Das Buch ist ein Baukasten für eine neue Politik des Sozialen", so der Politologe Serge Embacher, indem es insbesondere die Begriffe der Neoliberalen und Marktradikalen entlarve. Embacher
zeigte sich jedoch skeptisch gegenüber Epplers These vom Ende der marktliberalen Epoche. Vielmehr erscheine ihm die derzeitige Situation wie eine "Verschnaufpause." Auch Eppler beurteilt die
Sachlage heute anders als noch bei der Entstehung des Buches. Obwohl noch nie eine Ideologie so widerlegt worden sei wie der Marktradikalismus durch die Finanzkrise, sei offensichtlich nichts
gelernt worden. Dass es dennoch kein "weiter so" geben darf, steht für Eppler fest: "Wenn der Marktradikalismus doch nicht am Ende ist, so bedeutet das nur das Vorspiel zur nächsten Krise.



Ohne Vertrauen keine Demokratie

Beide Gesprächspartner zeigten sich besorgt um das sinkende Vertrauen der Menschen in die Demokratie, das sich in der niedrigen Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl ausgedrückt hat. "Ohne
ein Mindestmaß an Vertrauen kann ein Staat nicht funktionieren", stellte Eppler fest. Die Politik der letzten Jahre habe viel Vertrauen bei den Bürgern verspielt, so Embacher. Er führte dies aber
nicht auf weniger politisches Interesse der Menschen zurück, im Gegenteil: "Die Menschen haben verstanden, dass keine Politik im Sinne des Gemeinwohls gemacht wurde und sind deshalb nicht zur
Wahl gegangen." Als Ursache machte der Politologe dagegen das Desinteresse der Politik an den Menschen aus: "Wenn die Politik die Fähigkeit verliert, zu erkennen, was Menschen als ungerecht
empfinden, entkoppelt sie sich von der Lebenswirklichkeit."