Prozess in Frankfurt

Lübcke-Prozess: Wie die Witwe von Walter Lübcke an die Angeklagten appelliert

Joachim F. Tornau17. November 2020
Verhandlungstag im Prozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke

Eine Kooperation mit bnr.de

In einem eindrücklichen Auftritt vor Gericht berichtet die Frau des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten von den Folgen der Tat. Ihre Zeugenaussage nutzt sie, den angeklagten Rechtsextremen ins Gewissen zu reden: Sie sollten endlich die Wahrheit sagen.

Den Entschuldigungsversuch des mutmaßlichen Mörders lässt Irmgard Braun-Lübcke abtropfen. „Es tut mir leid“, hat sich Stephan E. gerade direkt an die Witwe des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke gewandt. „Dass in Ihrem Herzen Kummer ist Tag für Tag, das tut mir unendlich leid.“ Mühsam hat sich der langjährige Neonazi diese wenigen Worte abgerungen, mit tränenerstickter Stimme. Doch bei der 67-Jährigen verfangen sie nicht. „Versuchen Sie sich in meine Situation hineinzuversetzen, setzen Sie sich auf meinen Stuhl“, kontert sie. „Sagen Sie die Wahrheit!“ Denn das sei das Einzige, was ihr und ihrer Familie helfen könnte, mit dem Unfassbaren zu leben: wenn sie wirklich erführen, was an jenem späten Abend des 1. Juni 2019 auf der Terrasse ihres Hauses in Wolfhagen-Istha passiert ist. Und zwar ganz genau.

„Aus Worten werden Taten“

An vielen Prozesstagen schon ist die kleine und zierliche Frau nach Frankfurt gereist, hat als Nebenklägerin im Gerichtssaal Platz genommen, Auge in Auge mit Stephan E. und dem wegen Beihilfe angeklagten Markus H. „Sehr, sehr schwer“ falle ihr das, sagt sie nun, als sie am Montag als Zeugin befragt wird. „Ich finde es ganz schrecklich, dass der Angeklagte E. sagt, er will alle Fragen beantworten – und wir haben hier ein Puzzle mit ganz vielen schwarzen Flecken.“ Schwer erträglich sei deshalb auch das beharrliche Schweigen von Markus H., „verletzend“ sein fast unaufhörliches Grinsen. Für Braun-Lübcke trägt der 44-Jährige schon allein darum eine Mitschuld, weil er den mörderischen Hass auf ihren Mann durch einen ins Netz gestellten Videoschnipsel mit erzeugt habe. „Aus Worten werden Taten“, sagt die pensionierte Berufsschullehrerin.

Aufrecht sitzt sie auf dem Zeugenstuhl, in einer erstaunlichen Gefasstheit. Nur gelegentlich scheint durch, welchen Schmerz Irmgard Braun-Lübcke und ihre Angehörigen durch den gewaltsamen Tod von Mann, Vater, Großvater erlitten haben. Fast genau 40 Jahre war sie mit dem CDU-Politiker verheiratet, in Erwartung seiner anstehenden Pensionierung plante das Paar den gemeinsamen Ruhestand, so erzählt es die Witwe. „Wir wollten endlich ein bisschen mehr Zeit füreinander haben.“ Für die Enkel, für Reisen, für ehrenamtliches Engagement. Als „lebenslustig und lebensbejahend“ beschreibt sie ihren Mann, als getragen von christlicher Nächstenliebe.

Mord hat Leben der Familie zerstört

Dass er seinem christlichen Menschenbild auch und gerade im Umgang mit Geflüchteten treu bleiben wollte, ließ ihn zum Hassobjekt von Rechten im ganzen Land werden. Ob sich ihr Mann bedroht gefühlt habe durch all die Hetze, die sich, ausgelöst durch das Video von Markus H., im Internet gegen ihn ausbreitete? „Ich glaube, er war etwas in Sorge um uns als Familie“, sagt Braun-Lübcke. „Er selbst hat eigentlich nie Angst gehabt.“

Der Mord habe das Leben der gesamten Familie zerstört. „„Er fehlt uns unendlich“, sagt sie. „Das Haus ist nicht mehr das Haus, das Leben ist nicht mehr das Leben. Ich weiß nicht, wie wir das verarbeiten werden.“ Nur eines glaubt sie zu wissen: Allenfalls wenn sie sicher sein kann, wie Walter Lübcke gestorben ist, wie die letzten Sekunden seines Lebens abliefen, auf der Terrasse, die immer sein Lieblingsplatz gewesen sei, dann könne sie vielleicht zurückfinden in so etwas wie ein normales Leben. Hat er den (oder die) Mörder gesehen? Hat er ihnen ins Gesicht geschaut? Wie lief die Konfrontation ab? „Er war ein großer, starker Mensch“, sagt Braun-Lübcke. „Warum konnte er sich nicht verteidigen?“

Ihr Appell, endlich die Wahrheit zu sagen, richtet sich an beide Angeklagten: an Stephan E., der so viel geredet und sich dabei so viel widersprochen hat, dass es schwer fällt, einen wahren Kern zu entdecken, ebenso wie an den schweigenden und grinsenden Markus H. Anders als das Gericht, das dem Mitangeklagten nicht einmal mehr die vorgeworfene Beihilfe nachweisen zu können glaubt, hält sie Markus H. sogar für einen Mittäter. Ist überzeugt, dass der rechtsextreme Waffensammler und Waffenhändler den Mord zusammen mit seinem Kumpel Stephan E. geplant und begangen hat. So, wie es auch der 47-jährige Hauptangeklagte heute darstellt.

Beweise gibt es nach wie vor nicht

Beweise dafür gibt es nach wie vor nicht. Allerdings auch nicht für das Gegenteil. Ein ebenfalls an diesem Verhandlungstag gehörter Computersachverständiger berichtet, dass der Rechner von Markus H. zwar die gesamte Tatnacht eingeschaltet gewesen sei. Die letzten Aktivitäten aber seien rund eine Stunde vor dem Mord feststellbar. Kein hieb- und stichfestes Alibi also. Auf der Suche nach Indizien, die die behauptete Mittäterschaft von Markus H. stützen könnten, setzt die Familie Lübcke jetzt ausgerechnet auf Frank Hannig, den geschassten Ex-Verteidiger von Stephan E..

Nebenklageanwalt Holger Matt beantragt, Hannigs Notizen über seine Gespräche mit dem mutmaßlichen Mörder zu beschlagnahmen – um nachweisen zu können, dass Stephan E. dem Verteidiger von Anfang an immer dieselbe Geschichte über die Tatbeteiligung des alten Freunds und Gesinnungsgenossen erzählt hat, allen anderslautenden Geständnisvariationen zum Trotz. Oberstaatsanwalt Dieter Killmer unterstützt das Ansinnen. Und die derzeitigen Verteidiger von Stephan E. gehen noch einen Schritt weiter und wollen auch die Mitschnitte hören, die Hannig per Handy oder Tablet gemacht haben soll, wenn er im Gefängnis mit Stephan E. sprach.  

Als sich dieser 30. Verhandlungstag am Nachmittag schon seinem Ende zuneigt, geschieht noch einmal etwas Überraschendes: Markus H. spricht. Nicht so freilich, wie sich das Irmgard Braun-Lübcke vorgestellt hat. Der Neonazi befragt den Sachverständigen des Landeskriminalamts, der die bei ihm sichergestellten Schusswaffen begutachtet hat. Es klingt eher, als wolle er fachsimpeln.

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