Filmtipp

„Los Versos del Olvido“: Allein gegen das Vergessen

Nils Michaelis13. Juli 2018
Los Versos del Olvido
Dieser Staatsbedienstete (Juan Margallo) setzt sich der Miliz zur Wehr.
Der Einsatz für eine Leiche steht für den Kampf um Menschlichkeit: In dem leisen Drama „Los Versos del Olvido“ nimmt es ein Friedhofswärter mit den Schergen einer untergehenden Diktatur auf.

Verschwinden die Toten, verschwindet auch die Erinnerung. Für Unrechtssysteme ist das von ganz besonderer Bedeutung. Wer hingerichtete Regimegegner heimlich, still und leise irgendwo verscharrt, macht deren Proteste nahezu ungeschehen und verhilft einem Zerrbild der Vergangenheit zum Durchbruch. Und sichert womöglich seine Macht. Wo auch immer.

Nur ein Schuh ist geblieben

Aber auch in Kriegen verschwinden Menschen spurlos. Angehörige klammern sich an die vage Hoffnung auf ein Wiedersehen. Der iranische Regisseur Alireza Khatami ist mit dieser Erfahrung aufgewachsen. Als Kind erlebte er den Iran-Irak-Krieg. Jahrzehntelang beschäftigten ihn die Seelenqualen einer Nachbarsfamilie, der von dem gefallenen Sohn nur ein Schuh geblieben war.

In „Los Versos del Olvido“ (spanisch für „Strophen des Vergessens“) greift er dieses Trauma der Hinterbliebenen wieder auf. Allerdings verlagert der mittlerweile in den USA lebende Filmemacher die Geschichte nach Chile. Ein Land, in dem zu Zeiten der Militärdiktatur, wie bekanntlich in vielen anderen Junta-Staaten jener Zeit, ebenfalls etliche Menschen plötzlich verschwanden.

Zuhause zwischen Gräbern

Im Mittelpunkt steht ein weißhaariger Friedhofsgärtner, der das Renteneintrittsalter weit überschritten hat. Dem ebenso einsilbigen wie einsamen Mann sind Gräber und Leichenhalle zum zweiten Zuhause geworden. Auf dem verwirrend großen Friedhof weit oberhalb der Stadt tummeln sich einige andere vom Leben gezeichnete Gestalten. Zum Beispiel ein blinder Totengräber, der die Lebensgeschichte all jener kennt, denen er das Bett für die ewige Ruhe bereitet. Oder auch eine ältere Dame, der es nur auf dem Gottesacker möglich ist, um ihre verschwundene Tochter zu trauern.

Jene Frau stellt in diesem Ensemble eine besonders deutliche Verbindung zu einer von Repressionen geprägten Realität her, die dort oben manchmal ganz weit weg zu sein scheint, selbst in dieser Zeit eines dramatischen Übergangs: Seit Langem stehen die ersten freien Wahlen an. Die demokratischen Kräfte formieren sich, doch die Sicherheitsorgane der alten Ordnung nutzen das politische Vakuum für ihre eigenen Zwecke. Zum Beispiel dafür, die ermordeten Wortführer der zunächst gewaltsam unterdrückten, aber letztendlich erfolgreichen Demonstrationen verschwinden zu lassen. Wer die Vergangenheit kontrolliert, hat bekanntlich auch die Zukunft in der Hand. Eines Tages lädt die Miliz mehrere getötete Demonstranten in besagter Leichenhalle ab.

Rücksichtslose Organe

Diese soll aufgegeben und die Toten weggeschafft  werden. Dagegen lehnt sich der so stoisch wirkende Friedhofswärter, der eine Art Erweckung erlebt, mit der ihm eigenen subtilen Vehemenz auf. Nicht nur, aber auch, weil er sich mit dieser brutalen Art der Manipulation der Erinnerung nicht abfinden will, setzt er setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um wenigstens einer einzigen jungen Frau aus dem Kühlfach eine würdevolle Bestattung zuteilwerden zu lassen. Prompt findet er sich in einem riskanten Konflikt mit den ebenso nervösen wie rücksichtslosen Sicherheitsorganen wieder.

Anfangs mutet „Los Versos del Ovido“ an wie eine träge erzählte, allerdings in poetischen Bildern festgehaltene Studie über den Alltag eines in die Jahre gekommenen Sonderlings, der sich ein letztes Mal gegen das Unrecht aufbäumt. Doch Khatami jongliert immer wieder mit traumähnlichen Momenten. Die bringen das Erzähltempo kaum aus der durchaus spannungsvollen Ruhe, sorgen aber dafür, dass sich mit der Zeit ein zunehmend undurchdringliches Labyrinth aus Erinnerung und Vergessen ergibt.

Leise Situationskomik

Selbst im Angesicht des Schreckens bleibt Raum für leise Situationskomik. So entgleitet die Handlung, die ohnehin nur vage in der jüngeren Vergangenheit Südamerikas angesiedelt ist und in einigen Strängen Fragment bleibt, mitunter völlig Raum und Zeit. Mit dieser Mischung aus Poesie und Magischem Realismus ist Khatami eine eigenwillige, aber berührende Mahnung gegen das (verordnete) Vergessen gelungen.

Info: „Los Versos del Olvido“ (Deutschland 2016), ein Film von Alireza Khatami (Frankreich, Deutschland, Niederlande, Chile 2017),Kamera: Antoine Héberlé AFC, mit Juan Margallo, Tomás del Estal u.a., 92 Minuten, OmU. Ab sofort im Kino.

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