Kommunalwahlkampf in Nordrhein-Westfalen

Lissi von Bülow: Warum sie in Bonn SPD-Oberbürgermeisterin werden will

Jonas Jordan02. September 2020
Lissi von Bülow will das Bonner Rathaus von der CDU zurückerobern. Sie setzt auf einen bürgernahen Stil.
Lissi von Bülow will das Bonner Rathaus von der CDU zurückerobern. Sie setzt auf einen bürgernahen Stil.
Mit Lissi von Bülow setzt die SPD in Bonn auf eine starke Frau als künftige Oberbürgermeisterin. Sie will die Stadt mit Entschlossenheit und Empathie voranbringen.

„Warum wollen Sie Oberbürgermeisterin werden?“ Ein junger Mann hält mit seinem Fahrrad unmittelbar vor Lissi von Bülow. Sie steht an diesem Donnerstag Mitte August auf dem Bonner Marktplatz, um für sich und ihre Ziele zu werben. Hinter ihr das Alte Rathaus. Dort möchte Lissi von Bülow am 13. September einziehen und Oberbürgermeisterin der Bundesstadt werden. Und warum? „Ich sehe, was sich hier nicht tut. Das macht mich als Bonnerin sauer“, antwortet sie dem potenziellen Wähler. Bezahlbarer Wohnraum ist knapp, das einstige Prestigeprojekt Beethovenhalle im Jubiläumsjahr des Komponisten ein Millionengrab am Rheinufer, der notwendige Ausbau der Fahrradinfrastruktur kommt auch nach elf Jahren grüner Regierungsbeteiligung kaum voran. 

In Bonn fest verwurzelt

„Ich habe mir gedacht: Meckern reicht nicht. Man muss auch mal selber machen“, sagt Lissi von Bülow bei einem Spaziergang durch den Stadtwald auf dem Venusberg. Auf dem Weg liegen Eicheln, Blätter, heruntergefallene Äste – Zeichen eines Sturms, der am Vorabend den Nahverkehr in Bonn und dem angrenzenden Rhein-Sieg-Kreis lahmgelegt hatte. Wenige Hundert Meter weiter liegt von Bülows Lieblingsplatz, an den sie schon als Jugendliche häufig gekommen ist: das Dottendorfer Jugendkreuz, eine versteckte Lichtung im Wald mit Blick auf die Bonner Südstadt.

Lissi von Bülows Lieblingsplatz: eine Lichtung im Wald auf dem Bonner Venusberg
Lissi von Bülows Lieblingsplatz: eine Lichtung im Wald auf dem Bonner Venusberg

Dort wird sie 1975 als jüngste Tochter des späteren SPD-Bundesministers Andreas von Bülow geboren. Bonn bleibt sie immer treu. Hier geht sie zur Schule, studiert Jura und gründet, weil sie keinen Betreuungsplatz für ihr Kind findet, mit anderen Eltern eine Kindertagesstätte in der Südstadt, bevor sie mit ihrem Mann auf den Venusberg zieht. Dort wohnt sie heute mit ihren inzwischen drei Kindern und den drei Ziegen Hennes, Moritz und Heidi am Waldrand. „Schade, dort würden die Ziegen jetzt drüber laufen“, sagt sie mit Blick auf einen umgestürzten Baumstamm. Doch Hennes, Moritz und Heidi sind gerade in Pflege. Sie brechen zu häufig aus und Lissi von Bülow hätte momentan keine Zeit, sie einzufangen. Ihr Tag besteht von morgens bis abends aus Wahlkampf. Dafür hat sie in ihrem Job als Beigeordnete der nahe gelegenen Stadt Bornheim ihren kompletten Jahresurlaub genommen.

Im Interview mit zwei Geflüchteten der Initiative „Ausbildung statt Abschiebung“
Im Interview mit zwei Geflüchteten der Initiative „Ausbildung statt Abschiebung“

Dieser Tag beginnt morgens um zehn mit einem Videointerview am Rheinufer. Im Schatten der Kennedybrücke wollen zwei Geflüchtete von der Initiative „Ausbildung statt Abschiebung“ wissen, was die Kandidatin in der Integrationspolitik plant. Von Bülow wedelt mit den Händen. Um die zahlreichen Wespen zu vertreiben, aber auch um ihre Pläne für ein besseres Miteinander in der geschichtsträchtigen Stadt am Rhein zu erläutern. „Ich finde die Willkommenskultur in Bonn sehr wichtig“, sagt von Bülow. Sie verspricht außerdem schnelleren Wohnungsbau und kündigt einen anderen Regierungsstil an.

„Bonn gemeinsam machen“

Das wird auch am Abend deutlich, als alle Oberbürgermeisterkandidat*innen bei einer Podiumsdiskussion aufeinandertreffen. CDU-Amtsinhaber Ashok Sridharan stellt sich für sein Wirken im Amt in den vergangenen fünf Jahren eine 2+ aus. Von Bülow schüttelt mit dem Kopf: „Wenn es so wäre, gäbe es nicht acht Oberbürgermeisterkandidaten. Es gibt kein gutes Auftreten der Verwaltung nach außen. Die Wertschätzung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern fehlt.“

Jessica Rosenthal ist überzeugt, dass Lissi von Bülow die Richtige ist, um das zu ändern. „Sie ist eine starke Frau, die schon in vielen Bereichen gezeigt hat, sich mit Entschlossenheit und Empathie durchzusetzen. Das bewundere ich an ihr“, sagt die Bonner SPD-Vorsitzende. Die ehemalige Hauptstadt biete das Potenzial, um internationales Flair und rheinische Gemütlichkeit zu vereinen. Lissi von Bülow könne das als Oberbürgermeisterin gelingen. Denn: „Wenn sie sich einen Weg erarbeitet hat, geht sie ihn auch.“

Die Möglichmacherin

Dieser Weg soll sie am 13. September zunächst einmal in die Stichwahl führen. Dafür muss sie unter anderem die grüne Bundestagsabgeordnete Katja Dörner hinter sich lassen. Kein einfaches Unterfangen, nachdem die Grünen bei der Europawahl im vergangenen Jahr in Bonn fast 32 Prozent geholt haben.

Hinzu kommt, dass es coronabedingt in diesem Wahlkampf deutlich schwieriger ist, sich bekannt zu machen. „Es gibt keine Volksfeste, über die man laufen kann und 10.000 Leute haben einen zumindest mal gesehen“, sagt die SPD-Kandidatin. Doch Lissi von Bülow punktet durch persönliche Kontakte und ihre Offenheit im Umgang mit Menschen. Bei einer Supermarkteröffnung im Stadtteil Tannenbusch reichen ein Flyer durchs Autofenster und ein nettes Lächeln, um sich bekannt zu machen.

Drive-In-Wahlkampf: ein Flyer und ein nettes Lächeln durchs Autofenster
Drive-In-Wahlkampf: ein Flyer und ein nettes Lächeln durchs Autofenster

„Viele schätzen, dass sie überall ist“, sagt Nico Janicke. Der 42-Jährige ist Stadtratskandidat in Tannenbusch. Keine einfache Gegend, ein hoher Migrationsanteil, deshalb teilweise als Problemstadtteil verschrien. Janicke formuliert es positiver: „Dieser Stadtteil ist etwas Besonderes.“ Der ehrenamtliche Feuerwehrmann berichtet von Bülow von seinen Erfahrungen in der vergangenen Nacht. Über mehrere Stunden war er sturmbedingt im Einsatz. Seit mehr als 20 Jahren ist der gebürtige Thüringer ehrenamtlich in der Feuerwehr aktiv. Seine Hoffnungen für eine bessere Unterstützung durch die Stadtverwaltung setzt er in Lissi von Bülow. Sie will die Stadtverwaltung als „Möglichmacherin“ verstehen. Bei der Podiumsdiskussion am Abend wirbt sie: „Ich bitte um Ihr Vertrauen, weil ich das, was ich auf meine Plakate geschrieben habe, ernst meine: Bonn gemeinsam machen.“

weiterführender Artikel