Juso Bundeskongress 1969

Die Linkswende

Wolfgang Roth05. Dezember 2009

Es ist vierzig Jahre her. Es war die wohl eklatanteste Veränderung innerhalb der SPD nach 1945, wenn man die geistige Revolution des Godesberger Programms ausklammert, die alles in der
Nachkriegsgeschichte der SPD an Bedeutung übertraf. Was war geschehen ? Die Jugendorganisation der SPD, "Die Jungsozialisten", war lange Jahre eine Funktionärsorganisation, die nach innen
gerichtet Partei - und Bundesjungendplanmittel verwaltete.

Sicherlich: Es war ein Verein von Gutwilligen und durchaus mit politischen Talenten, aber weit weg von der Studenten-Jugendbewegung, die sich nach 1965 weltweit ausbreitete. Im Grunde war der
Auslöser des Jugendprotestes der Vietnamkrieg und in Deutschland die vergessene Auseinandersetzung mit der Nazi-Zeit und die erstarrte späte Adenauer Ära. Bei beiden Themen war die SPD nicht sehr
offen für die Diskussionen, zumal seit 1966 eine große Koalition regierte.

Keine APO-Führer

Eine Fehleinschätzung führt zu einem falschen Urteil. Die führenden künftigen Jungsozialisten waren keine APO-Führer, die in die SPD drängten. Die Sache war umgekehrt. Es waren Mitglieder der
SPD, in der Regel Anfang der sechziger Jahres eingetreten, die unter der öden mangelnden Offenheit und der pragmatischen Langeweile der SPD litten.

Alles sucht eine Ideologie. Die Jungsozialisten von 1969 waren keine Marxisten, manche taten nur so. Beispielsweise war Gerhard Schröder der Führer einer Opposition von Links gegen die
Bundesvorstände Voigt/Roth, aber er nahm es niemals wirklich ernst.

Typisch war: Die Vorbereitung des Bundeskongresses der Jusos in München 1969 wurde in Oberhausen veranstaltet, das damals noch ein Ruhr-Arbeiter Stadt war. Dort wurde alles ausgeklüngelt. Der
Einladende war der damalige IG-Metallvorsitzende und spätere Finanzminister von NRW, Heinz Schleußer und der Chef de Volkshochschule in Oberhausen, Manfred Dammeyer. Die Stimmung wenige Wochen
vor dem Münchner Kongress Dezember 1969 war rabiat.
jusos-tübingen.de

Öffnung zu Achtundsechzigern

Eine Öffnung zur Achtundsechziger Jugendbewegung war angesagt. Niemals zuvor und später gab es so viele Parteieintritte von Jungen Leuten. Aber: Die Behandlung der Vorgänger und vieler älterer
Sozialdemokraten war nicht zimperlich. So wurde der bisherige Vorsitzende abgewählt, obgleich er zurückgetreten war. Man wollte also - sicher menschlich unschön - die Änderung auch persönlich
exekutieren. Die Leidenschaft hatte alle Delegierte erfasst.

Aber unabhängig von diesen wenig erfreulichen Begleiterscheinungen war der Münchener Kongress der Jungsozialisten im Dezember 1969 eine Art Wende in der Öffnung der SPD gegenüber den
protestierenden jungen Generation. In jeder Stadt oder mittelgroßen Gemeinde zwischen Flensburg und Rosenheim entstanden Juso-Gruppen. Natürlich war der Prozess nicht ohne heftige Konflikte. Eine
ganze Führungsgeneration der SPD trat erstmals in München in Erscheinung, so unterschiedlich sie später wurde: Karsten Voigt, Norbert Gansel, Hans Eichel, Klaus-Uwe Benneter, Heidemarie
Wieczoreck-Zeul, Loke Mernizka, Gerhard Schröder, Hermann Scheer, (alle Nichtgenannten mögen mir verzeihen), usw .

Natürlich war manches Spinnerei und Verbalradikalismus, aber die Mitgliederentwicklung der SPD war höher als jemals zuvor und danach. Dabei spielte der große Konflikt um die Ostpolitik von
Willy Brandt natürlich eine gewaltige Rolle. Es gab etwas wofür es sich zu streiten lohnte.


Wolfgang Roth war 1969 bis 1972 stellvertretender und von 1972 bis 1974 Bundesvorsitzender. Er war Mitglied im Parteivorstand der SPD und arbeitete viele Jahre als Vizepräsident der
Europäischen Investitionsbank in Luxemburg.

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