Krieg in Syrien

„Die letzten Männer von Aleppo“: Ganz normale Helden

Nils Michaelis17. März 2017
Auge in Auge mit dem Tod: Khaled, einer der Retter von Aleppo im Film „Die letzten Männer von Aleppo“.
Syrien versinkt in der Gewalt, doch eine Gruppe freiwilliger Helfer kämpft für Menschlichkeit. „Die letzten Männer von Aleppo“ ist ein erschütterndes Porträt der sogenannten Weißhelme.

Ihre Arbeit ist der Tod. Und der kommt meist aus der Luft. Routiniert blicken Khaled und Mahmoud in den Himmel über Aleppo, als wieder mal ein Jet vorbeifliegt. Die beiden Männer gehören zu den Weißhelmen, jenem Syrischen Zivilschutz, den einfache Bürger vor vier Jahren in der umkämpften Stadt aufgebaut haben. In wenigen Augenblicken werden irgendwo Bomben explodieren. Wie so oft werden die freiwilligen Helfer mit ihrem klapprigen Transporter durch die Stadt rasen, um Überlebende und Leichen aus den Trümmern zu befreien und ins Krankenhaus zu bringen.

Syrien und Aleppo: In der Hölle an das Leben glauben

Syrien verblutet, doch nur spärlich gelangen Bilder von dieser Tragödie ins Ausland. Ganz zu schweigen von gesicherten Informationen. Laut UN-Angaben haben Assads Truppen und ihre russischen Verbündeten zwischen Juli und Dezember 2016 täglich Angriffe auf den von Rebellen gehaltenen Ostteil Aleppos geflogen, besonders häufig wurden Schulen und Krankenhäuser getroffen. Wie leben die Menschen mit den täglichen Schrecken des Krieges? Wie gelingt es, Zivilisten zu schützen, die von ihrer eigenen Regierung terrorisiert werden? Kann man in dieser Hölle überhaupt noch an das Leben glauben?

Antworten auf diese Fragen bewegten sich bislang meist im Spekulativen. Das will der Dokumentarfilm „Die letzten Männer von Aleppo“ ändern. Zwei Jahre lang, bis Ende Dezember vergangenen Jahres, begleiteten Kameraleute des oppositionellen Aleppo Media Center, das tagtäglich die Kriegsgräuel in der einstigen Wirtschaftsmetropole dokumentiert, die Weißhelme bei ihrer Arbeit. Der syrische Regisseur Feras Fayyad hat daraus eine überwältigende Erzählung montiert, die in all ihrer Tragik auch Hoffnung stiftet. Und die zugleich zeigt, wie die Helfer immer wieder dem Tod ins Auge blicken. 158 sollen seit 2013 im Einsatz ums Leben gekommen sein – darunter auch einige Weißhelme, die vor der Kamera zu sehen sind.

Unfreiwillige Helden

Insofern ist dieser Film eine Heldengeschichte, wenngleich die drei Männer, die im Mittelpunkt stehen, eher unfreiwillig in diese Rolle geschlüpft sind. Männer, die aus völlig anderen Berufen kommen. Als die Gewaltexzesse vor bald sechs Jahren begannen, wollten sie sich weder auf die Seite von Diktator Assad schlagen noch einer der Milizen anschließen. Sie leben ihren Traum von der Freiheit, riskieren für andere ihr Leben, sorgen sich um die Familie, sehen sich aber nicht als Helden.

Den meisten Raum nimmt Khaled ein. Nachdem er ein Baby aus einem Schuttberg befreit hatte, ging das Video um die Welt. Einerseits reibt sich der Vater von zwei kleinen Töchtern als Helfer in seiner Stadt auf und kann sich nichts anderes vorstellen. Andererseits zermürbt ihn der Gedanke, seinen Lieben könnte etwas zustoßen. Doch wie so viele andere in die Türkei zu flüchten ist für den stämmigen Mann genauso undenkbar wie eine Aussöhnung mit Assad.

Kinderleichen und abgetrennte Körperteile

Was die Faktenlage betrifft, lässt der Film einige Frage offen. Im vergangenen Jahr wurden die Weißhelme mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Gleichzeitig werden immer wieder Gerüchte laut, sie würden mit islamistischen Kämpfern zusammenarbeiten. Fest steht, dass sie nur in von Rebellen kontrollierten Gebieten operieren können. Das macht die Weißhelme und ihre Einrichtungen immer wieder zur Zielscheibe des Regimes, etliche der mittlerweile rund 3.000 Köpfe starken Organisation hat der Geheimdienst verschleppt.

Doch dieser Film will nicht hinterfragen oder erklären. Er setzt auf die Wucht der Unmittelbarkeit, schaut dorthin, wo die Weltöffentlichkeit kaum hinschauen kann oder will, katapultiert die Zuschauer mitten hinein ins Chaos von Aleppo, das zugleich als universale Anklage jeglicher Gräuel an Zivilisten dient. Die schonungslosen Bilder sind schwer zu ertragen. Immer wieder werden von Staub bedeckte Kinderleichen unter den Schreien ihrer Eltern abtransportiert. Körperteile liegen herum. „Das Krankenhaus hat nach dem Bein gefragt“, heißt es lapidar, als sich Khaled und die anderen am Ende des Tages über die Menschen unterhalten, die sie retten konnten oder nur zum Sterben in die Klinik gebracht haben.

Lernen, mit dem Tod zu leben

Die Weißhelme haben gelernt, mit dem alltäglichen Sterben zu leben. Das lässt sich nur aushalten, wenn man gleichzeitig das Leben feiert. „Sagt mir Bescheid, wenn es sechs Uhr ist, ich muss zu einer Hochzeit“, sagt Mahmoud, während er in den Resten eines Hauses nach Überlebenden buddelt. Fayyad, der in einem syrischen Geheimdienstknast gefoltert wurde und ins Ausland entkam, zeigt aber auch, wie fragil und bedroht jede Auszeit vom Krieg ist.

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