Zuwanderung und deutsche Werte

Leitkultur: Warum Flüchtlingskinder deutsche Kinder sind

Raed Saleh17. Februar 2016
Flüchtlinge am Grenzübergang Oberösterreich/Deutschland
Integration beginnt dann, wenn die Leute ihre Koffer auspacken. Und sie kann nur gelingen, wenn wir klar aussprechen, in welche Werte wir eigentlich integrieren. Gastbeitrag von Raed Saleh, SPD-Fraktionsvorsitzender im Berliner Abgeordnetenhaus.

Ich bin fast jede Woche an einer Berliner Schule zu Gast. An Grundschulen fragen mich Kinder normalerweise nach mehr Spielplätzen und weniger Hausaufgaben. Seit Ende letzten Jahres haben mir die Kinder andere Fragen gestellt: Was ist ein Flüchtling? Kann es auch in Deutschland Krieg geben? Einmal haben mich sogar meine eigenen Kinder gefragt: „Papa, sind wir Flüchtlinge?“ Ich habe ihnen dann erzählt, dass mein Vater einst als Gastarbeiter nach Deutschland kam, um in einer Fabrik zu arbeiten. Eine typisch deutsche Geschichte.

Integration als gesellschaftliches Großprojekt

Die Stimmung in unserer Gesellschaft kann man nicht auf Pegida-Demos oder AfD-Parteitagen ablesen, aber an den Fragen der Kinder in den Schulen. Die Gesellschaft ist verunsichert, das politische Klima aufgeheizt. Das sind keine guten Voraussetzungen für das, was auf uns zukommt: Integration beginnt dann, wenn die Leute ihre Koffer auspacken. Die SPD muss Integration als gesellschaftliches Großprojekt vertreten, das alle angeht und allen nutzt.

Integration kann nur gelingen, wenn wir klar aussprechen, in welche Werte wir eigentlich integrieren, welches Land wir sein wollen. Deshalb brauchen wir die Debatte über unsere Leitkultur. Der Begriff stammt nicht von Friedrich Merz, sondern von Bassam Tibi, einem deutschen Politikwissenschaftler syrischer Herkunft. Tibi wollte, dass wir Migrantinnen und Migranten „nicht nur einen Pass, sondern auch eine Identität“ bieten. Mit dieser Haltung kann Deutschland eine Heimat für alle sein: Für Deutsche mit Wurzeln in aller Welt genauso wie für jene, die über Generationen hinweg bei uns verankert sind.

Diskriminierung ablehnen

Grundlage für die Debatte ist das Grundgesetz, aber Leitkultur geht darüber hinaus. Wir wollen eine Gesellschaft des Ausgleichs und der Mitte sein. Die Mitte der Gesellschaft ist genauso angewidert von Björn Höckes Hassreden in Erfurt wie von der Scharia-Polizei in Duisburg oder den frauenverachtenden Übergriffen am Neujahrsmorgen.

Leitkultur heißt, dass unsere Gesellschaft Diskriminierung ablehnt: Egal ob Frauen, Fremde, Homosexuelle, Juden oder Muslime diskriminiert werden: Nichts ist gerechtfertigt, und niemand darf Gruppen gegeneinander ausspielen. Leitkultur heißt, das Verbindende in der Vielfalt zu definieren: Die gewaltfreie Erziehung gehört genauso dazu wie die das Recht, zu glauben, aber auch das Recht, nicht zu glauben. Leitkultur kann nur verstehen, wer unsere deutsche Geschichte mit ihren Abgründen begreift – weil wir gemeinsam Verantwortung für die Zukunft tragen.

Harte Arbeit, gute Bildung, starker Sozialstaat

Das, was alle Welt positiv mit Deutschland verbindet, können wir stolz vertreten: Harte Arbeit, gute Bildung und Ausbildung und ein starker Sozialstaat gehören zu unserer Leitkultur genauso wie das bürgerschaftliche Engagement in Sportvereinen oder bei der freiwilligen Feuerwehr. Ich freue mich, wenn neue Deutsche diese „DNA“ unserer Gesellschaft verstehen und mitmachen bei der Gestaltung unseres Landes.

Vor 30 Jahren haben wir genau diese Einladung zu unseren Werten versäumt. Die Folge war, dass uns eine ganze Generation in Teestuben und Kulturvereinen verloren ging. Deshalb dürfen wir in unseren Köpfen keine neuen Schubladen zulassen. Heute sprechen wir von Flüchtlingskindern. Ich war noch mein halbes Leben lang ein Gastarbeiterkind. Die Flüchtlingskinder von heute besuchen schon jetzt in Berlin die regulären Kitas, manche können schon Deutsch. Deutschland wird ihre emotionale Heimat. Lassen wir diesmal nicht zu, dass sie noch ein halbes Leben lang Flüchtlingskind genannt werden. Es sind deutsche Kinder, unsere Kinder.

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