Lebenslinien: Vom Wachsen einer Pionierpflanze

Doreen Tiepke16. September 2009

Gerda Lerner wuchs im Wien der 1920er Jahre in einer gutbürgerlichen Familie auf. Sehr ausführlich beschreibt sie die ersten Jahre ihrer Kindheit. Sie weist auf die Stationen hin, die so
ungemein wichtig für ihr späteres politisches Denken waren. Unzweifelhaft gehören dazu die Ereignisse um den Generalstreik im Februar 1934. Als Reaktion auf Verhaftungen und Razzien bei
Sozialdemokraten, die die Dollfußregierung anordnete, brachen Unruhen in Wien aus, die letztlich blutig niedergeschlagen wurden.

Ganz in der Nähe des Wohnhauses der Familie befand sich der Karl-Marx-Hof, in dem vor allem Arbeiterfamilien lebten. Zu den prägenden Erinnerungen für Gerda Lerner gehört, dass dieser Hof von
der Regierung brutal zusammengeschossen wurde, obwohl Frauen und Kinder dort lebten. "Fast siebzig Jahre sind seit jenen Tagen im Februar vergangen, und Kinder in Europa und Asien haben so viel
mehr durchgemacht als ein paar relativ harmlose Tage des Bürgerkriegs mit Maschinengewehren und Haubitzen. … Aber für mich begann alles an jenem Tag, und es blieb für immer in meinem Gedächtnis
haften."

Niederschmetternd in Bezug auf dieses Ereignis war für sie, dass der Geburtstag des Vaters, der genau in diese Zeit fiel, gefeiert wurde und zwar auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin. Die
Mutter, die versuchte, sich dem zu entziehen, fügte sich letztlich. Generell lebte Gerdas Beziehung zu den Eltern von Konflikten. Deren Ehe war eher ein Arrangement und für das sensible Kind, das
zwischen Gouvernanten hin und her gerissen war, kein festes Familiengefüge.

Flucht und Überleben

Die niedergeschlagene Februarrevolution bildete eine Zäsur in Gerda Lerners Leben. Sie, die für die "Roten" war, musste nun lernen, ihre wahre politische Meinung zu verbergen. Daraus Wuchs
zugleich ihre kommunistische Haltung. Später, im Amerika der so genannten McCarthy Ära, würden die Gefühle der Ohnmacht wieder aufsteigen. So wie im Wien der 1930er Jahre, musste sie im Amerika
der 40er und 50er Jahre mit ihrer wirklichen politischen Meinung hinterm Berg halten, um sich und andere nicht zu gefährden. Dazwischen lagen Jahre der Flucht und des Leids.

Nach dem "Anschluss" Österreichs an Hitlerdeutschland 1938 zerfiel die Familie. Der Vater flüchtete nach Lichtenstein, wo er sich schon ab den frühen 30er Jahren wohlweislich eine zweite
Existenz als Apotheker aufgebaut hatte. Die Mutter und Gerda wurden von den Nazis ins Gefängnis gesteckt. Diese Zeit der absoluten Bedrohung für ihr Leben war selbstverständlich prägend für die
damals 17-Jährige: "Ich wusste nur, dass für mich als Jüdin keine Gesetze mehr existierten, die mich schützten. Irgendjemand hatte mich ergriffen, in diese Zelle gestopft und den Schlüssel
weggeworfen. Womöglich musste ich für immer hier bleiben. Wenn die Perspektive eine derartige ist, gekennzeichnet von völliger Gesetzlosigkeit, willkürlicher Macht auf der einen Seite und
demütigender Machtlosigkeit auf der anderen, dann kann man nur durch Hoffnung überleben oder sich mit der Wahrscheinlichkeit des eigenen Todes abfinden. Ich tat beides."

Neuanfang

Sie überlebte und konnte mit Mutter und Schwester das Land verlassen. Allerdings um den hohen Preis, den sie mit allen anderen Emigranten der damaligen Zeit teilte: die Entwurzelung, den
Verlust der Heimat und die Aussicht auf eine ungewisse Zukunft, sowie die Angst um alle Familienangehörigen die sich nicht retten konnten.

Gerda Lerner war eine ausgezeichnete Schülerin. Unter normalen Umständen hätte sie studieren können. Nun kam sie mit Müh und Not nach Amerika und begann dort neu. Doch schwerer als alles
andere wog das Auseinanderreißen der Familie. Von ihrer Mutter trennte sie sich nicht im Guten. Wie der Rest der Familie blieb diese in Europa. Sie sahen sich nicht wieder. Der Vater und die
jüngere Schwester blieben in Lichtenstein. Zwangsläufig entwickelte sich zur fünf Jahre jüngeren Schwester ein eher distanziertes Verhältnis.

In Amerika heiratete sie, um bleiben zu können, doch die Ehe verlief unglücklich. Erst ihr zweiter Mann, Carl, wurde für sie zu einem beständigen Partner, mit dem sie zwei Kinder hatte und
sich ein ausgefülltes Leben in gesellschaftlicher und politischer Verantwortung aufbaute. Hier wurde sie zur Kämpferin für die Rechte der Frauen, zur einer der ersten Feministinnen.

Die Autobiografie endet, wo viele beginnen: beim Anfang der Karriere. Sie jedoch wollte "nur" erzählen, wie es dazu kam. Manchmal käme es ihr vor, als habe sie endlich von ihrem Vater gelernt,
"das Leben so zu nehmen, wie es ist, mit den Lügen, mit der Korruption und den Illusionen, es anzunehmen, und es zu leben ohne anderen Menschen Schaden zuzufügen. Das habe ich getan, wenn auch
nicht so gut, wie ich es hätte tun sollen."

Ein großartiges Buch, schade nur dass die Übersetzung an der einen oder anderen Stelle etwas holpert. Und auf einen kleinen Schönheitsfehler ist in Gerda Lerners politischer Autobiografie
hinzuweisen: Sie schreibt, dass ihre Großmutter in Breslau geboren wurde, "einer Stadt in der heutigen Slowakei, die damals noch zum deutschen Reich gehört." Breslau, heute Wroclaw, liegt nicht
in der Slowakei, sondern in Polen. Richtig ist, dass Breslau bis 1945 zum deutschen Reich gehörte und zwar als Hauptstadt von Niederschlesien.


Doreen Tiepke




Gerda Lerner: Feuerkraut. Eine politische Autobiografie, Czernin Verlag, 2009, 517 S., 27,00 Euro, ISBN: 978-3-7076-0290-6


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