Filmtipp

„Über Leben in Demmin“: Kriegskinder berichten über die Todessehnsucht

Nils Michaelis23. März 2018
Das Chaos kurz vor Kriegsende lässt die Zeitzeugen nicht los
Die Nazis von heute missbrauchen ein grausames Kapitel aus der Endzeit des NS-Staates: Der atmosphärisch dichte Dokumentarfilm „Über Leben in Demmin“ erzählt vom langen Schatten des größten Massenselbstmords im Zweiten Weltkrieg.

Im Frühjahr 1945 bricht in Demmin der kollektive Wahnsinn aus. Mütter binden sich ihre Kinder um den Bauch und gehen ins Wasser. Großeltern nehmen Gift. Tanten und Schwestern schneiden sich die Pulsadern auf. Viele ältere Menschen in der kleinen Stadt in Vorpommern können solche Geschichten von einer epidemieartigen Todessehnsucht erzählen.

Missbrauchte Katastrophe

Als Einheiten der Roten Armee Demmin heranrücken, sagten sich viele Demminer: Bloß nicht den Russen in die Hände fallen! Die Propaganda der Nazis, aber auch Meldungen über tatsächliche Gräueltaten von Stalins Soldaten in Ostpreußen zeitigen eine grauenvolle Wirkung. Während Leichen im Wasser treiben oder an Wohnzimmerdecken baumeln, gehen weite Teile der Stadt auf bis heute ungeklärte Weise in Flammen auf.

Zu DDR-Zeiten war das Thema tabu und auch nach 1989 kam die Debatte darüber nur punktuell in Schwung. Arbeitslosigkeit und Abwanderung drängten das Thema in den Hintergrund. Umso bereitwilliger schlachteten Neonazis von außerhalb das Thema aus. Bis heute veranstalten sie einmal im Jahr einen gespenstischen Gedenkmarsch für die mehr als 620 Menschen, die im Zuge des Massensuizids, aber auch durch Übergriffe der Sowjetarmee ihr Leben ließen. Verübt von Soldaten, die eigentlich nur durch Demmin durchmarschieren wollten, am Ende aber dort festsaßen, weil Wehrmacht und SS sämtliche Brücken gesprengt hatten.

Mit der Vergangenheit alleingelassen

Auch in anderen Teilen Deutschlands suchten die Menschen einen Ausweg im Freitod, als die Alliierten nahten. Doch das Geschehen in Demmin besitzt eine besondere Dimension des Schreckens. Was bedeutet es, wenn Menschen über dieses schwere traumatische Erlebnis jahrzehntelang nicht reden durften, wollten oder konnten? Dieser Frage ging der Dokumentarfimer Martin Farkas nach. Drei Jahre lang reiste er immer wieder in den Nordosten der Republik und hörte sich die Geschichten der Alten an, traf aber auch viele jüngere Bewohner. Dabei kamen erstaunlich differenzierte, aber auch nachdenklich stimmende Aussagen zum Treiben der Neonazis zustande. Ihm ging es darum, zu verstehen, wie die Vergangenheit das Leben der Demminer bis heute prägt. So entstand ein Psychogramm eines Landstrichs, der auch mit seiner Vergangenheit alleingelassen wurde.

In nüchterner nordddeutscher Sprachfärbung berichten die Interviewpartner, die bei Kriegsende Kinder oder Heranwachsende waren, von zum Teil unglaublichen Geschehnissen, die sie selbst erlebt oder von denen sie gehört haben. Eine ältere Frau schildert, wie sie sich der Aufforderung der Großmutter widersetzte, sich zu ertränken. „Nein, Mutti, ich bin doch noch so jung, ich möchte noch ein bisschen leben“, sagte sie zu ihrer Mutter. Viele ihrer Altersgenossinnen gingen bereitwillig in den Tod. Seinerzeit herrschte die Auffassung vor, eine vergewaltigte Frau sei keine vollwertige Frau mehr.

Gleichgültige Jugend

Viele Erzählungen drehen sich aber auch darum, wie schwierig es für viele Menschen bis heute ist, das Thema anzusprechen. Nicht nur, weil es viel Kraft kostet, sich dem eigenen Trauma zu stellen, sondern auch, weil die Nachgeborenen davon nichts hören möchten. So berichtet eine Frau, während sie im Sessel ihres Heimzimmers kauert: „Immer, wenn ich anfing zu erzählen, sagte meine Tochter: ,Och, Mutti, hör doch auf. Die wachsen doch heute ganz anders auf‘.“

Farkas wollte verstehen, wie Demmin seit jenen Tagen des Todes zu dem geworden ist, was es ist. Sein Film gibt den Zeitzeugen, die seitdem eine schwere Last tragen, breiten Raum, ohne eine Urteil zu fällen. Zwischendurch werden einige wenige historische Fakten eingeblendet. Warum kam es gerade in Demmin zu dieser hohen Zahl von Suiziden? Wie fanatisch waren die Demminer? Dies wären Fragen für eine Analyse, die der Film, ebenso wie eine vertiefende Einordnung des Geschehens, vermissen lässt. Derlei ist in Florian Hubers Studie „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt“ nachzulesen. Wohl aber macht Farkas, jenseits von Klischees, exemplarisch deutlich, wie schwierig der Umgang mit der NS-Vergangenheit, zu der auch persönliches Leid zählt, für viele Deutsche bis heute ist.

Info: „Über Leben in Demmin“ (Deutschland 2017), ein Film von Martin Farkas, 90 Minuten.

 

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