Verkehrspolitik

Die Last im Blick: SPD-Chefin Andrea Nahles zu Gast bei LKW-Fahrern

Karin Billanitsch29. April 2019
Kurz vor dem Tag der Arbeit machte sich die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles persönlich ein Bild von den Problemen vieler LKW-Fahrer.
Kurz vor dem Tag der Arbeit machte sich die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles persönlich ein Bild von den Problemen vieler LKW-Fahrer.
Am Mittwoch ist der 1. Mai. Dann wird es voll auf Deutschlands Parkplätzen. Denn tausende LKW müssen stehen bleiben. Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles hat sich am Montag über die Situation der Fernfahrer informiert.

Am 1. Mai ab null Uhr wird sich an Deutschlands Autobahnraststätten wieder ein mittlerweile bekanntes Bild bieten: Ein Lastwagen reiht sich hinter dem anderen auf, kein Platz ist mehr frei, wenn das Fahrverbot am Feiertag beginnt. „Man findet kaum noch einen Platz, es gibt viel zu wenig Parkraum“, sagt Berufskraftfahrer Holger Büttner, 56 Jahre, es mangele etwa mancherorts an der Hygiene. Büttner fährt seine Strecken für die mittelständische Spedition Walter Schmidt GmbH & Co. KG, die im brandenburgischen Wildau ihren Sitz hat. Er tourt deutschlandweit, für die Arbeitsbedingungen in seiner Branche interessiert sich heute ein wichtiger Besuch: Die SPD-Vorsitzende Andrea Nahles ist kurz vor dem Tag der Arbeit ins Gewerbegebiet gekommen, um sich ein Bild an der Basis des Transportgewerbes zu machen. 

Spesen sollen steigen

In seinem Berufsleben auf der Straße haben Holger Büttner und seine Kollegen viel gesehen: Wie immer mehr Berufskollegen meist aus osteuropäischen Staaten wie Rumänien nach Deutschland kommen, die für Billiglöhne fahren und dadurch massiven Druck auf den Wettbewerb ausüben. Kollegen, die sich weder an Verkehrsregeln wie Tempolimit oder Überholverbote halten noch an die vorgeschriebenen Lenk- und Rastpausen. Die Situation auf den Rasthöfen ist schon aus hygienischen Gründen mancherorts unerträglich. Auch vor vielen Zentrallagern, die die Fahrer ansteuern, haben sie keinen Zugang zu den Sozialeinrichtungen.

Andrea Nahles interessiert sich auch für das scheinbar kleinste Detail: „Was kostet eine Dusche?“, fragt sie Büttner. Es sind drei Euro. 50 Cent müssen die Fahrer für die Toilette berappen – aus der eigenen Tasche. Spesen, das weiß Nahles, sind ein wichtiges Thema für die Fahrer. „Hier haben wir schon etwas erreicht, im kommenden Jahressteuergesetz werden die Regeln verbessert, darum habe ich mich gekümmert“, erzählt sie. In der kommenden Woche werde Finanzminister Olaf Scholz die Details vorstellen. So viel verrät sie schon: „Es geht ein paar Euro hoch für alle“.

Bessere Bezahlung für LKW-Fahrer

Im vergangenen Jahr hat sie sich schon einmal mit Lastwagenfahrern in Aachen zusammengesetzt: „Das war einer der Punkte, die den Fahrern gestunken haben, dass sie weniger haben als andere vergleichbare Fahrer“, sagt Nahles. Mit dem Bundestagsabgeordneten Udo Schiefner, der stellvertretender verkehrspolitischer Sprecher der SPD ist, hat sie auf diese Verbesserungen für deutsche Fahrer gedrängt – mit Erfolg. Ein weiterer Fortschritt: Die Stellen zur Kontrolle der LKW sollen aufgestockt werden.

Auf EU-Ebene hat das Europäische Parlament jüngst einen Mobilitätspaket zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen für Beschäftigte im Transportsektor verabschiedet. Dafür hat sich besonders die SPD eingesetzt. Damit können nun Rat, EU-Kommission und EU-Parlament auf Kompromisssuche gehen. Fernfahrer sollen besser bezahlt werden. Außerdem soll das Nomadentum vieler Arbeiter auf dem Asphalt, die wochenlang in den Fahrerkabinen campieren müssen, eingeschränkt werden. 

Großer Fachkräftemangel

Während die SPD-Parteivorsitzende mit Fahrern, aber auch mit der Geschäftsführerin der Walter-Schmidt-Spedition Ramona Sabelus an einem Tisch sitzt, wird ihr deutlich vor Augen geführt: „Wir haben hier ein ganz großes Problem mit Fachkräftemangel bei den Fahrern. Wir wollen deshalb die Arbeitsbedingungen für die LKW-Fahrer verbessern, um den Beruf für jüngere Leute interessanter zu machen“, betont Nahles. Es sei schwer, Leute für diese schwere Arbeit in der ,old economy' zu finden“, betont Sabelus. Professor Dirk Engelhardt, Chef der Branchenverbandes Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) spricht von einem Durchschnittsalter von mehr als 50 Jahren bei den Fahrern. Für Andrea Nahles steht fest: „LkW-Fahrer brauchen wir ganz dringend. Das ist einer der großen Engpässe im Wirtschaftssystem in Deutschland.“ Die Logistikbranche sei eine wachsende: „Wir müssen diese Lebensader der Deutschen Wirtschaft sichtbarer machen.“

Nicht zuletzt sind die Kosten für die Ausbildung, vorgeschriebene Führerschein-Module und und IHK-Prüfungen teuer und zeitaufwendig, beklagen die Fahrer. Das mache die Ausbildung wenig attraktiv für Junge. Udo Schiefner regt deshalb an, eine Arbeitsgruppe mit Experten zum Ausbildungsbild bei Berufskraftfahrern bei der SPD-Fraktion einzurichten.

Wunsch nach mehr Flexibilität

Ein weiteres Thema, das die Spediteure und Fahrer umtreibt, sind die vorgeschriebenen Lenk- und Ruhezeiten. Problematisch ist zum einen, dass Be- und Entladezeiten für den Fahrer anfallen, der ohnehin eine lange Fahrt hinter sich hat. Die Branche hofft auch auf mehr Flexibilität. Hier steht der 1. Mai als Beispiel für alle Feiertage: Manche Fahrer wären nur noch eine oder zwei Stunden von ihrem Zuhause entfernt, aber: Sie können nicht heimfahren, wegen der gesetzlichen Regelungen. Die SPD-Chefin nimmt von dem Treffen jedenfalls mit, dass sie sich mit Fahrzeiten und der Frage der Be- und Entladungen beschäftigen wird, „wie man sie so organisieren kann, dass die Leute am Ende des Tages auch noch ihre Familien sehen“.

Nach einer kurzen Fahrt oben auf dem Bock eines 40-Tonnen-Sattelzuges wird ihr auch die Einsamkeit der Fahrer bewusst: „Sie sind sehr allein.“ Mal mit einem Shuttle in ein Kino oder in die nächste Stadt fahren, das würden die Fahrer sich wünschen, erzählt Nahles. „Das ist ein Thema, da müssten wir noch einmal extra darüber nachdenken.“

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Kommentare

LKW's

Hoffentlich redet Andrea Nahles auch den Unternehmern und vor allem dem Verkehrsminister ins Gewissen.

Wieviele Unfälle passieren tagtäglich,
weil LKW's schadhafte Bremsen haben,
weil die Lenkzeiten überschritten werden,
weil die Fahrtenschreiber manipuliert werden,
weil die Fahrer in Stauenden hineinfahren und damit Massenkarambolagen produzieren,
weil die Fahrer statt sich auf den Verkehr zu konzentrieren, sehr häufig während der Fahrt Kaffee trinken, ihre Füße auf dem Armaturenbrett lagern, fernsehen etc.,

ohne dass die Politik hier einschreitet.

Wie oft landen LKW's in Wäldern, Steinbrüchen o.ä., weil die Fahrer sich ausschließlich auf den Navi konzentrieren?

Wieviele Gehwege, innerörtliche Straßen und parkende Fahrzeuge werden beschädigt und vor allem andere Verkehrsteilnehmer gefährdet oder gar verletzt, weil immer größer werdende LKW's sich durch die Innenorte quälen, weil sie die Maut prellen.

Doch die Lobby scheint gerade bei Scheuer immer ein offenes Ohr zu haben, während die Bevölkerung unter dieser einseitigen Bevorzugung dieses Transportmittels gegenüber der Bahn enorm zu leiden hat.

Herr Boettel,

Herr Boettel,

Leider ist Ihr Kommentar sehr einseitig, denn die von Ihnen angesprochenen Punkten lassen sich mal abgesehen von dem Fahrtenschreiber auch auf PKW Fahrer leiten!

Es passieren tagtäglich auch genug Unfälle mit Pkws, klar die PKW haben zwar keine Lenkzeiten dennich gibt es oft auch hier übermpdete Autofahrer!

Wie oft sind Pkws aufgemotzt mit gefährlichen Halbwissen, oft überschätzen sich Autofahrer mit der Leistung eine Pkws...

Sie führen an das LKW-Faherer während der Fahrt Kaffee trinken ja und Sie trinken bestimmt auch mal etwas während einer längeren Autofahrt sofern Sie eine Gültigefahrerlaubnis haben!

Man kann den Ball jetzt ewig immer hin und her werfen...

Das Kernproblem welches ich sehe ist einfach dieser Wahn der Menschen es darf alles nichts mehr kosten und wo wird es eingespart möglichst da wo man eh keinen Gewinn macht, nämlich bei den Transportkosten folglich auch bei der Fahrern.

Qualität wollen alle haben aber bezahlen will es keine also ganz einfach wer Scheiße zahlt bekommt auch nur Scheiße geliefert...

Ich möchte niemanden angreifen nur ich kann diese laier immer nur LKW Fahrer nicht mehr lesen es gehören alle dazu!

Super Antwort

Super Antwort

Neuer Angriff auf die Lenkzeiten

Ich darf hoffentlich beide Kommentatoren noch darauf aufmerksam machen das hier - offiziell "für die Fahrer die kurz vor zu Hause stranden" - ein weiteres Mal Lenk- und Pausenzeiten seitens der SPD angegriffen werden.

Und man verzeihe mir bitte aber das die Kosten für die Maut und steigende Betriebskosten generell nicht gerade dazu beigetragen hat das man die Fahrer als unterstes Glied in der logistischen "Nahrungskette" entlastet oder gar besser vergütet sollte offensichtlich sein.

Die im Artikel angesprochenen teuren Fortbildungen sind offenbar kein Thema. Komisch wird doch allüberall wegen der sogenannten "Digitalisierung" permanent vom Weiterbildungsbedarf geschwafelt.

Auch der andauernde Ruf nach "Güter auf die Schiene" paßt gerade in den Gegenden nicht, in denen "die Schiene" Dank Verramschung der Bahn an Privatinvestoren nicht mehr oder nicht mehr adäquat funktioniert.

Laßt die Fahrer in Ruhe, die haben mehr als zuviel Sorgen.
Europaweit gleiche Regeln für alle sollte die meisten Billigheimer aus dem Spiel bringen und zumindest einige Verwerfungen des umfassenden Politikversagens (aka "Neoliberalismus") seit dem Agenda-Sündenfall bedämpfen helfen.

Zustände !!!

Da hat der Herr oder Frau Nickel wohl den Beitrag von Herrn Boettel komplett in den falschen Hals bekommen.
Die Kritik gilt ja nicht den LKW-Fahrer/innen sonden denen die sie ausbeuten und denen die derart lasche Rahmenbedingungen und Überwachungsmodalitäten setzten, dass eine solche Ausbeutung überhaupt erst möglich wurde !! Dass Nebenbei die Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer teils extrem darunter leidet (auch weil auf dem Markt vorhandene Technik nicht zwingend in LKW eingebaut werden muß) ist mittlerweile kein Geheimnis mehr !
Oft trifft es ja auch die LKW-Fahrer/innen weil außer sterbenden Familien in zusammengeschobenen Stauenden auch die geknechteten Fahrzeuglenker der Brummis Schaden an Leib und Leben nehmen. Dass bis heute auf Deutschlands Autobahnen durch fehlendes generelles Tempolimit (ansonsten überall in Europa gibt es dieses !) förmlich zur Raserei mit den passenden übermotorisierten deutschen "Premium-Mobilen" aufgefordert wird, macht die Zustände eben nicht besser !!!

Zustände !!!

Vielen Dank, Carlo Ermark, für die Klarstellung. Wenn jemand mich bzw. meine Kommentare kennt, weiß er oder sie, wie sie gemeint sind.

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