SPD-Generalsekretär

Lars Klingbeil: Der heimatverbundene Kümmerer

Kai Doering16. Juni 2021
Auge in Auge mit Linda: Im Serengeti-Park füttert Lars Klingbeil Giraffen. Während der Corona-Krise hat er viel geholfen.
Auge in Auge mit Linda: Im Serengeti-Park füttert Lars Klingbeil Giraffen. Während der Corona-Krise hat er viel geholfen.
Lars Klingbeil ist nicht nur SPD-Generalsekretär, sondern auch direkt gewählter Bundestagsabgeordneter aus Niedersachsen. Wer ihn in seinem Wahlkreis begleitet, lernt viel über ihn und die SPD.

Linda frisst Lars Klingbeil sofort aus der Hand. Kaum hat der SPD-Generalsekretär der neunjährigen Giraffenkuh die Blätter entgegengestreckt, da hat Linda sie auch schon verschlungen. Kurz blicken sich die beiden noch in die Augen. Dann trottet Linda weiter.

Es ist Montagnachmittag und Lars Klingbeil ist zu Gast im Serengeti-Park, einer Mischung zwischen Tier- und Freizeitpark. Besucher*innen können das weitläufige Gelände mit ihrem eigenen Auto befahren oder an einer Führung teilnehmen, um die 1500 Tiere zu erleben. Der Serengeti-Park wurde 1974 gegründet und befindet sich in Klingbeils Wahlkreis in der der Lüneburger Heide.

„pure Panik“ und „schlaflose Nächte“

Hinter Fabrizio Sepe liegen harte Monate. „Die erste Zeit war der absolute Horror“, erinnert sich der Inhaber und Geschäftsführer des Parks an die ersten Wochen der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr. Die Anlage musste von einem Tag auf den anderen schließen, Sepe seine rund 600 Mitarbeiter*innen nach Hause schicken. Er berichtet von „purer Panik“ und „schlaflosen Nächten“ in dieser Zeit. Um immerhin etwas Geld einzunehmen, habe er sogar den Mist der Tiere als Dünger verkauft.

„Lars Klingbeil hat uns in dieser Zeit Halt gegeben“, erzählt Fabrizio Sepe. Es habe Wochen gegeben, in denen hätte beide alle zwei Tage miteinander telefoniert, auch zu eher ungewöhnlichen Tages- bzw. Nachtzeiten. Immer habe der SPD-Politiker ein offenes Ohr gehabt und nach Lösungen gesucht.

Inzwischen blicken Sepe und seine Mitarbeiter*innen wieder optimistisch in die Zukunft – und sehen die Corona-Krise sogar als Chance. „Es war eine harte Zeit, aber es sind auch schöne Strategien für die Zukunft entstanden“, sagt Fabrizio Sepe. So soll etwa ein ausgedientes Flugzeug als Restaurant umgebaut werden. Und auch vom Trend, den Urlaub eher in Deutschland zu verbringen, will der Serengeti-Park profitieren.

Gefragt wie nie

Nachfolgerin von Lars Klingbeil aus SPD-Unterbezirksvorsitzende im Heidekreis: Aynur Colpan
Nachfolgerin von Lars Klingbeil aus SPD-Unterbezirksvorsitzende im Heidekreis: Aynur Colpan

„Der Job des Politikers war während der letzten 14 Monate komplett anders“, erzählt Lars Klingbeil später. Nie zuvor hätten sich mehr Menschen mit Anliegen an ihn als Abgeordneten gewendet. Nie zuvor hätte er so viel erklären müssen wie in der Corona-Zeit. Er sagt das nicht, um sich zu beschweren – im Gegenteil. Die Arbeit im und für seinen Wahlkreis ist dem 43-Jährigen wichtig. „Lars ist im Heidekreis extrem verankert und aktiv“, sagt auch Aynur Colpan. Die 30-Jährige ist seit dem vergangenen Jahr Vorsitzende des SPD-Unterbezirks in einer Doppelspitze, als Nachfolgerin von Lars Klingbeil. Ihr Co-Vorsitzender ist der 40-jährige Landtagsabgeordnete Sebastian Zinke. Beide hat Klingbeil bewusst gefördert.

„Die Menschen hier wählen ihn, weil er vor Ort ansprechbar ist und sich kümmert“, erzählt Colpan am Rande der Eröffnung der „Wählbar“, Klingbeils Wahlkampfzentrale für die Bundestagswahl. Die ist im Bahnhofsgebäude von Soltau untergebracht. Wo früher das Gepäck abgefertigt wurde, hat seit dem Jahr 2000 die SPD ihren Anlaufpunkt. Es gibt eine Bar und Tische für Sitzungen. „Roter Bahnhof“ steht groß auf einem Schild über der Tür.

Kraft aus der Verankerung vor Ort

Lars Klinbeil bei der Eröffnung der „Wählbar“ im „Roten Bahnhof“ in Soltau
Lars Klinbeil bei der Eröffnung der „Wählbar“ im „Roten Bahnhof“ in Soltau

Während ein paar Meter entfernt auf Gleis 1 die Regionalbahn nach Bremen einfährt, schwört Lars Klingbeil die anwesenden SPD-Mitglieder, viele davon im Juso-Alter, auf den Wahlkampf ein. 2017 gewann er mit 41,2 Prozent der Stimmen den Wahlkreis erstmals direkt. „Im September wollen wir zeigen, dass das kein Zufall war und den Wahlkreis verteidigen“, sagt Klingbeil. „Dafür brauche ich eure Hilfe.“ Denn anders als vor vier Jahren muss er sich nicht nur um seinen eigenen Wahlkampf kümmern, sondern als Generalsekretär auch den der gesamten Partei koordinieren.

Trotzdem will er so viel wie möglich im Heidekreis unterwegs sein. Mit dem Haustür-Wahlkampf hat Lars Klingbeil schon vor einigen Wochen begonnen sobald die Corona-Lage es erlaubte. „Das hat bei mir die Stimmung total verändert“, erzählt er. „Ich ziehe viel Kraft aus der Verankerung vor Ort.“

Einsatz für das Panzermuseum

Vor Ort das ist für den 43-Jährigen vor allem Munster. Hier ist Lars Klingbeil aufgewachsen. Seine Grundschule liegt 500 Meter Luftlinie vom Rathaus entfernt, das Gymnasium, wo er Schülersprecher war, direkt daneben. Munster ist auch der größte Heeresstandort in Deutschland, Soldat*innen in Flecktarn prägen das Stadtbild. „Wir leben mit, durch und von der Bundeswehr“, sagt Munsters SPD-Bürgermeisterin Christina Fleckenstein. Auch sie hat im September eine Wahl zu bestehen: Zwei Wochen vor der Bundestagswahl finden in Niedersachsen Kommunalwahlen statt.

Treiben die Sanierung des Panzermuseums voran: Lars Klingbeil und Musters Bürgermeisterin Christina Fleckenstein
Treiben die Sanierung des Panzermuseums voran: Lars Klingbeil und Musters Bürgermeisterin Christina Fleckenstein

Fleckenstein und Klingbeil treffen sich im Deutschen Panzermuseum, mit mehr als 100.000 Besucher*innen im Jahr eines der am meisten besuchten Museen Deutschlands. „Wir wollen ein kritisches, multiperspektivisches Museum sein“, erklärt Direktor Ralf Raths den Ansatz seines Hauses, ein junger Mann mit Bart und Pferdeschwanz. Es gehe nicht darum, den Krieg oder die Armee zu glorifizieren. „Die historischen Panzer sind ein Kulturgut und gleichzeitig Gewaltmaschinen“, beschreibt Raths den Spagat.

Träger des Panzermuseums sind die Bundeswehr und die Stadt Munster – und das ist ein Problem. Denn die Hallen sind in die Jahre gekommen, an manchen Stellen regnet es rein. Bereits Ende 2018 hat der Haushaltsausschuss des Bundestags deshalb 19,4 Millionen Euro für das Museum bewilligt. Damit sollen neue Gebäude errichtet und ein museumspädagogisches Konzept ermöglicht werden. Lars Klingbeil war einer der Treiber. Die gleichzeitig zivile und militärische Trägerschaft des Hauses behindert aber bisher die Auszahlung.

Was kann die SPD lernen?

Auch Lars Klingbeil kommt aus einer Soldatenfamilie. Sein Vater war Unteroffizier. Er selbst hat den Kriegsdienst verweigert, wofür er in Munster beschimpft wurde. „Erst nach den Anschlägen vom 11. September, die ich in Manhattan erlebt habe, habe ich ein anderes Verhältnis zur Bundeswehr entwickelt“, erzählt Klingbeil. Das allerdings spiele bei seinem Einsatz für das Panzermuseum nur eine untergeordnete Rolle. Klingbeil möchte es vor allem als Lernort erhalten und festigen. Auch das ist ein Stück Heimat für ihn.

„Munster liebt man oder man liebt es nicht“, sagt Klingbeil und es ist klar, dass er für ersteres steht. Für die SPD hat sich die Situation in der Stadt und im sie umgebenden Heidekreis sehr gut entwickelt. Nicht nur Klingbeil gewann seinen Wahlkreis 2017 direkt, auch Munsters Bürgermeisterin Christina Fleckenstein konnte 2014 die CDU-Vorherrschaft brechen. Im September hofft sie auf eine zweite Amtszeit.  Für Aynur Colpan, die Unterbezirksvorsitzende, ist deshalb klar: „Wenn die Bundes-SPD mehr so wäre wie im Heidekreis, wäre sie erfolgreicher.“

weiterführender Artikel