Stephan Weil im Porträt

Langläufer mit Wurzeln

Lothar Pollähne16. November 2012

Aus dem Rathaus will er in die niedersächsische Staatskanzlei.

Schützentermine sind in Hannover nahezu unausweichlich. Der 175. Geburtstag des ältesten Schützenvereins der Stadt ist ein Muss. Erst redet artig der Schirmherr des Vereins, Erbprinz Ernst August Junior, dann lockert Hannovers Oberbürgermeister Stephan Weil die Jubelversammlung trocken-humorvoll auf. Danach setzt er sich an den Honoratiorentisch zurück und erzählt von der Wahlkampfveranstaltung des Vortags. 

Da hat er auf Einladung des SPD-Landtagsabgeordneten Claus Peter Poppe im westniedersächsischen Neuenkirchen-Vörden am politischen Kartoffelschmaus teilgenommen und den Freunden der köstlichen Knolle erklärt, die sozialdemokratische Kartoffel sei die Bratkartoffel: „knusprig, würzig und schmackhaft“. 

Um 20 Uhr strebt Stephan Weil dem letzten Termin des Tages entgegen: dem entspannten Feierabend mit Ehefrau Rosemarie Kerkow-Weil. Als Präsidentin der Fachhochschule Hannover hat auch sie ein knappes Freizeitbudget. Gemeinsame Abende sind da etwas Besonderes. Kinderlärm haben sie nicht zu befürchten. Der 25jährige Sohn Nils lebt längst außer Haus.

Fit für Niedersachsen

Auch wenn dieser Abend bei den Schützen kein Wahlkampftermin ist, wissen doch alle Anwesenden, dass Stephan Weil als Oberbürgermeister und als Kandidat gekommen ist. Für viele ist der Schützenfreund Weil erste Wahl. Er kommt an, ohne volkstümlich daher zu kommen. Das hatten ihm viele Beobachter nicht zugetraut, als er 2006 die Nachfolge des legendären Herbert Schmalstieg antrat. Die erste Zeitung der Landeshauptstadt sprach seinerzeit von „großen Fußstapfen“, meinte zu große Fußstapfen und irrte gründlich.Eines allerdings verbindet Stephan Weil und seinen Amtsvorgänger: Beide sind Langläufer, politisch wie sportlich betrachtet. Stephan Weil hat immer seine Laufschuhe dabei, um auch vor Wahlkampfauftritten ein paar Kilometer mit Bürgerinnen und Bürgern abzuspulen. Wer sich darüber wundert, dem wird vom Kandidaten kurz und bündig beschieden: „Ich mache mich fit für Niedersachsen und die SPD macht Niedersachsen fit für die Zukunft.“ 

Das scheint bitter nötig. Unablässig weist Stephan Weil darauf hin, dass Niedersachsen von einer „Stillstandsregierung“ geführt werde. Daher führt er auch einen strikt niedersächsischen Wahlkampf und stellt die bundespolitische Bedeutung der Landtagswahl hinten an. Dass er das „Kanzleramt sturmreif schießen“ soll, wie die „Welt“ posaunte, kümmert ihn kaum. In Niedersachsen, da ist sich Weil sicher, kann nur mit niedersächsischen Themen gepunktet werden.  Also stehen Familien, Kinder und Bildung vorne. 

„Hier tun sich in Niedersachsen große, große Lücken auf“, sagt Weil, „da müssen wir dringend aufholen“.
Familienfreundlichkeit ist für Stephan Weil ein „zukunftsrelevantes“ Aufholthema. Niedersachsen ist in den vergangenen fünf Jahren ans Ende der bundesweiten Geburtenstatistik gerückt. Das ist bedrückend, aber nicht erstaunlich, denn auch bei der frühkindlichen Bildung liegt das Bundesland auf dem vorletzten Platz. 

Ohne Hannover trüge Niedersachsen bei der Versorgung mit Krippenplätzen die rote Laterne. Das soll eine von Stephan Weil geführte Landesregierung schleunigst ändern. Sein kurzfristiges Ziel: Krippenplätze für die Hälfte aller Ein- bis Dreijährigen.

Ein gelernter »Kommunalo«

Stephan Weil, der vor seiner Wahl zum Oberbürgermeister neun Jahre lang Stadtkämmerer war, nennt sich selbst einen gelernten „Kommunalo“. Kommunalpolitik ist für ihn „praktizierte Gesellschaftspolitik“. Die schwarz-gelbe Landesregierung hat nach Weils Auffassung die Distanz zwischen der Kommunalpolitik und der Landespolitik in den vergangenen Jahren arrogant gesteigert. Dass er selbst auf Distanz zu seinen kommunalen Wurzeln gehen könnte, sieht er nicht. „Ich habe mich aus dem Rathaus gerade deswegen auf den Weg in die Staatskanzlei gemacht, weil wir die Kommunen und Regionen stärken müssen“, erklärt Weil. „Das treibt mich an und deshalb werde ich mit tiefer Überzeugung eine Landespolitik mit dem Gesicht zu den Kommunen machen.“ 

Das wird nicht einfach werden, denn angesichts des demografischen Wandels stehen viele Kommunen und Kreise Niedersachsens vor existenziellen Problemen. Eine von Stephan Weil geführte Landesregierung will zügig eine Neuordnung des kommunalen Finanzausgleichs angehen. 

Weil wird wohl auch diese Aufgabe sachlich, nüchtern und offen in Angriff nehmen. Als Vorsitzender der Sozialdemokratischen Gemeinschaft für Kommunalpolitik hat er vor zwei Jahren erklärt: „SPD und Kommunen sind aufeinander angewiesen: Sozialdemokratische Gesellschaftspolitik ist ohne starke Kommunen, starke Kommunen ohne eine erfolgreiche Bundes-SPD kaum denkbar.“ 

Dieses Diktum gilt auch auf Landesebene. Für die ist Stephan Weil seit dem 27. November 2011 zuständig, als er per Mitgliederentscheid zum Spitzenkandidaten gewählt wurde. Gedrängt hat er sich nicht nach dieser Aufgabe, aber er führt sie seither kompetent und offensiv aus. Am 20. Januar 2012 wurde Weil zum Vorsitzenden der niedersächsischen SPD gewählt: mit 95,5 Prozent. Das hat ihn ein wenig gewurmt. Als bekennender Freund des Hannoverschen Erstliga-Fußballklubs, der in der Landeshauptstadt liebevoll „Die Roten“ genannt wird, hätte er gern die „96“ auf der Anzeigetafel gesehen.

Die 96er will Stephan Weil auch als Ministerpräsident im Inland wie im Ausland anfeuern. Und auch Hannovers Schützenwelt muss sich keine Sorgen machen, dass ihr Weil mit dem Abschied aus dem Hannoverschen Rathaus untreu werden könnte. Schützentermine sind in Hannover eben nahezu unausweichlich und niemand muss sonderlich hohe Einsätze wagen, um auf Stephan Weils Beteiligung am Schützenausmarsch 2013 zu wetten: als Ministerpräsident des Landes Niedersachsen.

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