Mecklenburg-Vorpommern

Landtagswahl: Wie die SPD der AfD Vorpommern entrissen hat

Kai Doering05. Oktober 2021
Gespräche im Strandkorb: Auch im Wahlkampf waren Manuela Schwesig und Olaf Scholz zu Besuch bei Patrick Dahlemann (Mitte) in Vorpommern.
Gespräche im Strandkorb: Auch im Wahlkampf waren Manuela Schwesig und Olaf Scholz zu Besuch bei Patrick Dahlemann (Mitte) in Vorpommern.
Bei der Landtagswahl 2016 triumphierte die AfD in Vorpommern. Diesmal konnte sie nur ein Direktmandat gewinnen. Ein Erfolg von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig und ihres Staatssekretärs Patrick Dahlemann, von dem nun andere profitieren sollen.

Vor fünf Jahren saß der Schock tief. Bei der Landtagswahl im September 2016 holte die SPD nur drei der zwölf Direktmandate in Vorpommern, halb so viele wie die CDU und genauso viele wie die AfD. Manch eine Tageszeitung riet danach davon ab, weiter auf Usedom Urlaub zu machen (wo die AfD in einem Stimmbezirk mehr als 46 Prozent der Stimmen geholt hatte), andere riefen dazu auf: „Lasst uns zu den Nazis fahren“.

Fünf Jahre später sieht das Bild komplett anders aus. Bei der Landtagswahl am 26. September errang die SPD zehn der zwölf zu vergebenden Mandate direkt. Eines ging an die CDU, ein weiteres an die AfD. „Das war ein tolles Gefühl am Wahlabend“, sagt Patrick Dahlemann und spricht von einer „Riesen-Sensation“. Dass sie möglich wurde, ist zu einem großen Teil ein Verdienst des 33-Jährigen.

Ein Botschafter für Vorpommern in Schwerin

Nach dem Vorpommern-Schock 2016 wurde Dahlemann, der seinen Wahlkreis knapp und für viele unerwartet vor dem AfD-Bewerber gewonnen hatte, vom damaligen SPD-Ministerpräsidenten Erwin Sellering zum „Vorpommern-Staatssekretär“ ernannt – ein Posten, den es bis dahin nicht gegeben hatte. Ziel war es, eine Art Botschafter Vorpommerns in Schwerin zu haben und der Region mehr Gewicht zu geben. Angesiedelt ist der Posten direkt beim Ministerpräsidenten, nach Sellerings Rückzug im Oktober 2019 bei Manuela Schwesig. „Alle Entscheidungen sind so sofort Chefsache“, sagt Dahlemann.

Doch der Einsatz der Landesregierung für die Region zwischen Rügen, Usedom und dem Landkreis Demmin ging noch deutlich darüber hinaus. „Vorpommern mitzudenken, ist Gesamtaufgabe aller Ministerinnen und Minister geworden, auch der CDU“, berichtet Dahlemann. Nur so sei es möglich gewesen, die Reaktivierung der 1910 in Betrieb genommenen und 1990 weitgehend stillgelegten Darßbahn voranzutreiben.

Zudem wurden eine „Vorpommern-Strategie“ entwickelt, bei der Bürger*innen ihre Ideen und Vorschläge zur Weiterentwicklung der Region machen konnten, und ein „Vorpommern-Fonds“ aufgelegt: In fünf Jahren flossen 15 Millionen Euro in Projekte vor Ort, von neuen Umkleidekabinen für Sportvereine bis zur Anlage eines Dorfteichs. „Es geht darum, Macher unbürokratisch zu unterstützen“, erklärt Patrick Dahlemann die Idee. Kurz vor der Wahl sei der Fonds „ratzekahl leer“ gewesen.

Der AfD die Direktmandate abjagen

Mit Geld allein sei die AfD allerdings nicht zu besiegen. „Der Staat war in den letzten fünf Jahren deutlich mehr präsent in Vorpommern“, sagt Dahlemann – und spricht damit – unbeabsichtigt – vor allem über sich selbst. Statt in seinem Büro in Schwerin zu sitzen, war der Vorpommern-Staatssekretär vor allem in der Region unterwegs, traf sich mit Bürgermeister*innen, hielt Grußworte, eröffnete Bürger*innenfeste. „Die Menschen müssen wissen, an wen sie sich wenden können, wenn sie ein Problem haben und dann auch sehen, dass sich etwas verändert“, sagt Dahlemann. Ausdrücklich lobt er auch Manuela Schwesig. „So präsent wie sie war in Vorpommern bisher kein Ministerpräsident.“

Den zweiten Baustein für das erfolgreiche Zurückdrängen der AfD sieht Patrick Dahlemann bei der SPD. „Wir haben schon vor eineinhalb Jahren angefangen, uns strategisch für die Landtagswahl aufzustellen“, berichtet er. Mit Bildungsministerin Bettina Martin, Verkehrsminister Christian Pegel, Finanzstaatssekretär Heiko Miraß und ihm traten politische Schwergewichte in den vorpommerschen Wahlkreisen an. Hinzu kamen erfolgreiche Bürgermeister aus der Region. „Der AfD die Direktmandate abzujagen, war die Hauptaufgabe“, sagt Dahlemann.

Jede Stimme für die SPD verhindert Sitze der AfD

Er selbst hat seine mit Bravour gelöst: Mit 36,8 Prozent erzielte Dahlemann das beste Direktstimmenergebnis in Vorpommern und lag damit fast neun Punkte vor Nikolaus Kramer, immerhin Vorsitzender der AfD-Fraktion im Schweriner Landtag. „Die Menschen wollen nicht, dass unsere Region an die AfD fällt“, ist Patrick Dahlemann überzeugt. Während der AfD-Mann unverhohlen mit dem Satz warb „Kramer wählen – Dahlemann quälen“, lautete dessen Botschaft: „Jede Stimme für die SPD verhindert Sitze der AfD im Schweriner Landtag.“

Vom Erfolg der Genoss*innen im Nordosten könnten auch andere profitieren. „Vorpommern kann eine Blaupause für den Rest der Republik sein“, ist Patrick Dahlemann überzeugt. In jedem Bundesland gebe es schließlich Regionen, die besondere Aufmerksamkeit bräuchten, etwa weil eine Kaserne geschlossen wurde. „Auf diese Regionen muss die Politik einen besonderen Fokus richten“, ist Dahlemann überzeugt. „Wir stehen da gern als Ansprechpartner zur Verfügung“, bietet er an.

Jetzt schon an 2026 denken

Und auch für die künftige Bundesregierung hat er ein paar Anregungen. „Der Ostbeauftragte muss als Parlamentarischer Staatssekretär mit an den Kabinettstisch“, sagt er. Nur einmal im Jahr einen „Bericht zum Stand der deutschen Einheit“ vorzulegen, reiche nicht aus. Außerdem schlägt Dahlemann vor, auf Bundesebene einen „Kümmerer-Fonds“ aufzulegen, ganz so wie den Vorpommern-Fonds. „Was wir im Kleinen gemacht haben, geht auch im Großen.“

Geht es nach Dahlemann, wird sich auch dasa Amt des Vorpommern-Staatssekretärs verändern. „Er sollte künftig auch für die deutsch-polnischen Beziehungen in Mecklenburg-Vorpommern zuständig sein“, findet er. So werde auch die „Metropolregion Stettin“ gestärkt. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig würde Dahlemann gerne auf dem Posten behalten. Das hat sie schon vor der Landtagswahl mitgeteilt. Und er würde auch gerne weitermachen. „Wir müssen jetzt schon an 2026 denken“, sagt er. Dann wird in Mecklenburg-Vorpommern das nächste Mal gewählt.

weiterführender Artikel