Wahlkampf

Landtagswahl in Sachsen: Martin Dulig setzt auf eine Trotzreaktion

Kai Doering16. August 2019
Das Ohr am Bürger: SPD-Spitzenkandidat Martin Dulig in Chemnitz
Das Ohr am Bürger: SPD-Spitzenkandidat Martin Dulig in Chemnitz
Am 1. September wird in Sachsen ein neuer Landtag gewählt. Für SPD-Spitzenkandidat Martin Dulig ist es „die schwierigste Wahl der letzten 25 Jahre“. Im Wahlkampf setzt er auf direkte Gespräche – und hofft auf eine Trotzreaktion.

Das Podest steht bereit, aber der Kandidat stellt sich nicht darauf. Er will mit seinen Zuhörern auf Augenhöhe sein. „Mein Name ist Martin Dulig und ich bin Spitzenkandidat der SPD bei der Landtagswahl am 1. September.“ Die Worte werden über einige Boxen verstärkt. Neugierig drehen sich Passanten um, einige bleiben stehen. Ein paar Meter weiter rattert eine Straßenbahn vorbei. Hinter einigen Bäumen ragt der „Nischl“, die große Karl-Marx-Büste, die der Stadt zu DDR-Zeiten ihren Namen gab, in die Höhe.

Dulig: Es ist nicht egal, wer in Sachsen regiert

Es ist ein warmer Nachmittag Anfang August in der Innenstadt von Chemnitz, noch drei Wochen bis zur Landtagswahl. Die Menschen tragen kurze Hosen und T-Shirts, Martin Dulig einen hellgrauen Anzug und keine Krawatte. „Fünf Minuten Dulig“ heißt das Format mit dem der 45-jährige Vorsitzende und Spitzenkandidat der sächsischen SPD im Wahlkampf unterwegs ist. An diesem Tag macht er in der drittgrößten Stadt Sachsens Station. Dulig hält eine kurze Rede – ohne Manuskript und Pult – danach kann jeder, der möchte, mit ihm ins Gespräch kommen.

SPD-Spitzenkandidat Martin Dulig in Chemnitz

„Wir haben bewiesen, dass es nicht egal ist, wer regiert“, blickt er auf die vergangenen fünf Jahre als Juniorpartner der CDU zurück. „Wir haben Schluss gemacht mit der Sparpolitik“, erinnert der stellvertretende Ministerpräsident. Auch für die kommenden fünf Jahre haben Dulig und die sächsische SPD viel vor. So soll der Verkehr mit Bussen und Bahnen ausgebaut und die Tarifbindung gestärkt werden. Hort und Kitas sollen kostenfrei werden und Kinder in einer Gemeinschaftsschule länger gemeinsam lernen. So steht es im Regierungsprogramm, das die SPD unter das Motto „Es ist dein Land“ gestellt hat.

„Als sechsfacher Vater und bald vierfacher Großvater liegt mir das Wohl der Kinder besonders am Herzen“, sagt Martin Dulig in der Chemnitzer Fußgängerzone und wirbt zum Schluss: „Bitte gehen Sie wählen und geben Sie beide Stimmen der SPD.“ Bei einer Rentnerin, die ihr Rad vorbeischiebt, stößt er damit auf offene Ohren. „Es ist wichtig, dass die SPD die Oberhand gewinnt“, sagt sie. „Ich hoffe, dass SPD, CDU und Grüne nach der Wahl eine Regierung bilden können und die AfD außen vor bleibt.“

Das industrielle Herz Sachsens soll weiter schlagen

Eine Regierung, an der die AfD beteiligt ist, dürfte auch ein Horrorszenario für Industrie-und-Handels- sowie die Handwerkskammer sein. Mit dem Projekt „J-Team“ – wobei das J für „Job“ steht – werben die Chemnitzer Kammern in Polen, Rumänien, Ungarn und Tschechien um Fachkräfte. Es gehe darum, „den Standort Chemnitz zu vermarkten“, erklären die Verantwortlichen Martin Dulig nach seinem Auftritt in der Fußgängerzone. Die Botschaft laute: „In Chemnitz gibt es gute Jobs, aber auch ein gutes Leben.“

„An der Frage der Fachkräfte wird sich die Zukunft unserer Unternehmen entscheiden“, sagt Martin Dulig, der auch sächsischer Wirtschaftsminister ist. An der Kampagne gefällt ihm auch, dass sie an „historische Verbindungen aus DDR-Zeiten anknüpft“. Das könne den Austausch erleichtern und dafür sorgen, dass das „industrielle Herz Sachsens“ weiter kräftig schlage und Herausforderungen wie Strukturwandel und Digitalisierung meistere.

„Diese zeitgleichen Veränderungsprozesse verunsichern die Menschen“, weiß Dulig. Gerade in Ostdeutschland gebe es „ein gewisses Misstrauen“, weil die Menschen hier nach der Wiedervereinigung „bereits eine Transformation erlebt haben“. Auch deshalb werben Dulig und die sächsische Integrationsstaatsministerin Petra Köpping seit Monaten dafür, „Nachwendeungerechtigkeiten“ aufzuarbeiten. Eine Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung soll zudem dafür sorgen, dass die Altersarmut in Ostdeutschland nicht explodiert. „In Sachsen würden schon heute 240.000 Menschen davon profitieren“, rechnet Martin Dulig vor.

Die schwierigste Wahl der letzten 25 Jahre

Küchentisch von SPD-Spitzenkandidat Martin Dulig in Chemnitz

Am Abend sitzt er an einem Tisch, der vor einigen Jahren noch bei Familie Dulig in der Küsche stand. In der Platte sind tiefe Kratzer und ein großer Brandfleck, den ein Kochtopf hinterlassen hat. Bereits im letzten Landtagswahlkampf war Dulig mit dem Möbelstück quer durch Sachsen unterwegs und hat die „Küchentisch-Tour“ auch als stellvertretender Ministerpräsident fortgesetzt. An diesem Abend steht der Tisch im „Luxor“, einem Veranstaltungsort, an dem sonst Konzerte und Vorträge stattfinden. Neben Dulig haben die Chemnitzer Landtagsabgeordnete Hanka Kliese und Bundesfinanzminister Olaf Scholz Platz genommen. Er hat Dulig bereits während des gesamten Tages begleitet und sagt jetzt: „Ich habe Martin sehr bewundert, weil er sich einfach in die Fußgängerzone gestellt und eine Rede gehalten hat, obwohl ihn niemand darum gebeten hat.“ Dann geht es los.

Zu den drei Politikern setzen sich immer wieder Interessierte aus dem Publikum, die Fragen stellen oder Kommentare abgeben können. Das Motto lautet schließlich: „Wir bringen den Tisch, Sie die Themen.“ Es geht um die schlechte Bahnanbindung in Chemnitz, die Arbeit der großen Koalition in Berlin und natürlich die Landtagswahl – „die schwierigste Wahl der letzten 25 Jahre“, wie Martin Dulig betont.

„Es geht nicht um Parolen, sondern um Grundüberzeugungen“, sagt er. Und: „Ich habe den Anspruch, dass die SPD auch nach der Wahl gestaltet.“ Bei Umfrageergebnissen im einstelligen Bereich könnte es damit allerdings schwierig werden. Am Küchentisch in Chemnitz hat Martin Dulig deshalb einen Wunsch: „Ich wünsche mir eine Trotzreaktion, die Zuversicht heißt.“

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Kommentare

Verstoß gegen Netiquette

Der Beitrag wurde gelöscht, da er gegen Punkt 6 unserer Netiquette verstieß.

https://www.vorwaerts.de/seite/netiquette

Scholz verhindert sozial abgefederten Strukturwandel

Ob ausgerechnet Olaf Scholz , die personifizierte "schwarze Null" für zukunftsweisende politische Erneuerung stehen kann, das sollte jede/r Genoss/in mit dem eigenen Gewissen und genauen Hinsehen ausmachen !
Momentan macht Genosse Olaf dadurch Schlagzeilen, dass er die notwendigen Mittel für den dringend erforderlichen sozial- und klimagerechten Strukturwandel in den Braunkohlerevieren verweigert !
Da könnte es bei einigen aus Protest auch bei den Landtagswahlen eine Trotzreaktion in die falsche Richtung (nach rechtsaußen!) geben!!!
Ruft den Olaf Scholz mal zum Rapport !!!

https://www.spiegel.de/wirtschaft/olaf-scholz-verweigert-geld-fuer-den-s...

nun auch

in der Begrifflichkeit.

das ist Abstiegskampf pur, wie in der Bundesliga am 30. Spieltag- wenn nicht mehr hilft.... Frag nach bei Doll

Die SPD verzwergt sich, einmal mehr- und böse Zungen behaupten- dies geschieht zu Recht und ist der Situation völlig angemessen

Sachsen

von 23 Wahlkreisen im Königreich Sachsen gingen 1912 19 an die SPD. (Na gut der Noske war auch dabei).

Die AfD ist wirtschaftsfreundlich!

Zitat: "Eine Regierung, an der die AfD beteiligt ist, dürfte auch ein Horrorszenario für Industrie-und-Handels- sowie die Handwerkskammer sein."

Die AfD ist wirtschaftsfreundlich. In der SPD träumen immer noch junge Genossen, wie der Juso-Chef Kühnert unlängst demonstriert hat, von einer Staatswirtschaft. Er will sogar Automobilkonzerne verstaatlichen.

Für mich als naturwissenschaftlich-technisch orientiertem Menschen ist die AfD die richtige Partei.

Das für mich wichtigste politische Thema, die massive Einwanderung aus Afrika und dem Nahen Osten, wird im Artikel nicht angesprochen.

Joachim Datko - Ingenieur, Physiker

Zu kurz gedacht !

Wer das Programm der AFD liest und die Aussagen ihrer Protagonisten wahrnimmt, erkennt, dass gerade die AFD nationale und globale Ungerechtigkeiten verstärken will. Allein dass entgegen aller wissenschaftliche Beweise der eindeutig sichtbare menschengemachte Klimawandel geleugnet wird, statt ihm mit schnellen wirksamen Gegenmaßnahmen etwas entgegenzusetzen bzw. mit Strategien die Klimafolgen abzuschwächen, nimmt sogar Druck aus dem Kessel, den die noch amtierende aktuelle Groko-Regierung braucht um endlich Maßnahmen zu ergreifen. Somit ist die AFD mehr daran beteiligt Fluchtursachen zu verschärfen als umgekehrt ! Wer in´s AFD-Programm schaut merkt auch schnell, dass diese Partei überhaupt nicht bereit ist ein gerechteres Steuer und Sozialsystem zugunsten der Geringverdiener einzuführen ! Dann lieber Druck damit GROKO beendet wird und SPD/Neu mit diesbezüglicher klarer Kante als Option bereitsteht !

"Die richtige Partei"

Was hält ein Physiker/Ingenieur davon, dass die EU wieder in Nationalstaaten zerfallen soll. Selbst die EU ist nur der Wurmfortsatz Asiens (+Russland), die Einwohnerzahl der Bundesrepublik kaum mehr als der Standardfehler bei der indischen Volkszählung; selbst 500 Millionen EU-Bürger beeindrucken einen Staat wie China nicht sonderlich. Und eine in Nationalstaaten zerfallene EU bringt sofort wieder die "deutsche Frage" auf den Tisch – kann all das ein vernünftiger Mensch wirklich wollen?
Innenpolitisch wird die NS-Zeit zum "Fliegenschiss der Geschichte", in den Schulen nach unliebsamen Lehrern gsucht, die Kunst domestiziert, die Lügenpresse abgeschafft, werden die Flüchtlinge für alles verantwortlich gemacht und die Vertreter der Willkommenskultur verfolgt, wird (langfristig) die Demokratie abgeschafft - kann das ein vernünftiger Mensch wirklich wollen?

Ich bin allein auf weiter Flur - Sozialdemokratische Nabelschau!

Stell Dir vor es ist Wahlkampf, aber keine[r] äußert sich. Es ist schon erstaunlich, dass sieben Paare und drei Einzelkandidaten sich zur Wahl zum Bundesvorsitz stellen, aber mit keinem Wort die Landtagswahl in der Wiege der Sozialdemokratie in Sachsen unterstützen. Die einen spüren die Schwäche der SPD in ihren Eingeweiden, die anderen lamentieren über das Wahlprozedere. Wieder andere verkünden großspurig ihren Verzicht. Ergänzt wird dies von altrömischer Rhetorik, von dem Eindruck einer plebiszitärer Ahnung gedrängt worden zu sein.

Kein Charisma, keine Aussöhnung der zerstrittenen Flügel, keine selbstkritische Versöhnung mit der eigenen Parteigeschichte, keine utopische Parteinahme. Martin Dulig und sein Team haben alle Hände voll zu tun, allein auf weiter Flur zu sein. Die landestypischen Eigenheiten interessiert die Kandidat[inn]en offensichtlich ebenso wenig wie das Aufkommen von teutomanischen Rechtsausläufern in der sächsischen Gesellschaft. Als würde es die deutsche Gesellschaft und damit die Sozialdemokratie in Gänze nicht treffen. Kompetenz vor Prominenz zählt nicht. Menschen, welche die SPD seit 20 Jahren sich selbst entfremdet, wollen weiter so die Zukunft gestalten?

Neustart wäre die beste Wahlkampfhilfe !!!

Nahezu unbestritten, auch unter uns Genoss/innen, dürfte wohl der Umstand sein, dass die mit Abstand wertvollste Wahlkampfunterstützung für die Genoss/inn/en in Sachsen, Brandenburg und Thüringen tatsächlich eine kurzfristige eindeutige Absage an den Fortbestand der für Partei und unser Land gefährlichen Groko wäre !!!
Dann benötigten wir nicht einmal die von Vorstands-Kandidat Karl Lauterbach geforderte kurzfristige Abstimmung über die Aufkündigung des gefühlt nie endenden Dramas ! Wenn die Akteure auf der Grokobühne selbst nicht den Mut aufbringen den Schlussstrich zugunsten zukunftsfähiger neue Optionen zu ziehen, so sollten wir zumindest die Vorstands-Kandidat/nn/en unterstützen die sich eindeutig für einen politischen Neustart Richtung Gemeinwohl, gleichwertige Lebensverhältnisse, Nachhaltigkeit, Daseinsvorsorge, Genossenschaftswesen und Bürgerprojekte abseits vom extrem ausufernden reinen Gewinnmaximierungsprinzip einsetzen !!!