Filmtipp

„Das ist unser Land“: Ein nettes Gesicht für die Demagogen

Nils Michaelis25. August 2017
Überraschungskandidatin Pauline (Émilie Dequenne) soll den Populisten zum Erfolg verhelfen.
Überraschungskandidatin Pauline (Émilie Dequenne, rechts) soll den Populisten zum Erfolg verhelfen.
Märchenhafter Aufstieg in einer schwierigen Gegend: Eine Krankenschwester wird zur Spitzenkandidatin der Rechtspopulisten ausgerufen. Das französische Drama „Unser Land“ erzählt davon, mit welchen Tricks Rechtspopulisten verunsicherte Kleinstadtbewohner manipulieren.

Aus stolzen Arbeitern wurden frustrierte Arbeitslose. In Kleinstadtstraßen, wo früher Läden und Restaurants brummten, breitet sich der Leerstand aus. Hier, im äußersten Norden Frankreichs, wo vor Jahren Kohleminen reihenweise dichtgemacht wurden, fühlen sich viele abgehängt. Es ist eine jener Regionen, wo die Verheißungen der Globalisierung wie Drohungen aufgefasst werden. Ein gutes Terrain für politischen Extremismus, zumal von rechts.

Ein verlockendes Angebot

Hier bleiben einem nur zwei Möglichkeiten: Man gibt auf oder man beißt sich durch. So auch Pauline. Die junge Krankenschwester und alleinerziehende Mutter reibt sich auf zwischen ihrem Knochenjob in der häuslichen Pflege und der täglichen Herausforderung, den Alltag mit zwei Kindern und einem kranken Vater zu organisieren.

Doch eines Tages öffnet sich ihr die Tür zu einem neuen Leben. Sie soll als Bürgermeisterkandidatin antreten. Und zwar für eine rechtspopulitische Partei, der nichts weniger als eine nationale Revolution vorschwebt. Deren Strippenzieher setzen auf eine einfache Frau von der Basis, mit der sich Sympathien erobern lassen. Pauline weiß nicht wie, wie ihr geschieht, stammt sie doch aus einer Familie, wo ein kommunistischer Vater den Ton angibt.

Reale Vorbilder

Die Adaption von Jérome Leroys Roman „Der Block“ hat viel mit dem realen Frankreich zu tun. Vorbild für das rechte Bündnis, das Pauline auf den Schild hebt, sind natürlich der Front National und dessen Vorsitzende Marine Le Pen. Um das zu betonen, hätte es allerdings keiner karikaturhaften Parteichefin bedurft, deren blonde Betonmähne und ruppiges Auftreten überdeutlich an die Tochter des Front-National-Gründers Jean-Marie Le Pen erinnert. Kein Wunder, dass sich ein FN-Parteivize darüber beklagte, dass der Film in Frankreich mitten im Präsidentschaftswahlkampf anlief, kratzt der Film doch gründlich an der bürgerlichen Fassade der rechten Verführer.

Pariser Komplott

Pauline hat den Traum von einem besseren Leben – für sich selbst, aber auch für die Menschen in ihrer Kleinstadt – noch nicht komplett aufgegeben. Deshalb fallen die Einflüsterungen des Arztes und Honoratioren Philippe Berthier, sich vor den Karren seiner Partei spannen zu lassen, am Ende doch noch auf fruchtbaren Boden.

Der zähe Prozess, ihren Unglauben und Widerwillen zu überwinden, macht Émilie Dequenne als Pauline so glaubwürdig. Dazu tragen auch ihr naiver Enthusiasmus und ihre Blindheit für den Umstand bei, dass der RNP sie nur als Marionette einzusetzen gedenkt. Es ist ein Komplott der Parteieliten aus dem verhassten Paris gegenüber den Intentionen ihrer Kandidatin, aber auch gegenüber den Hoffnungen der ausgebrannten Provinzler, deren Stimmen eingesammelt werden sollen. Wie so oft bei Populisten, die sich als vermeintlicher Anwalt der kleinen Leute ausgeben.

Rechtspopulisten in der Grauzone

Die Stärke von „Unser Land“ liegt allerdings weniger darin, politische Ränkespiele subtil aufzubereiten. Rollenverteilung und Dramaturgie sorgen dafür, dass die politischen Hintergründe wie in ein Korsett gepresst erzählt werden. Der Erkenntnisgewinn, aber auch die ästhetische Raffinesse bleibt sehr begrenzt. Wesentlich eindringlicher sind die Szenen, die beschreiben, wie und warum sich rechte Demagogie in einem strukturschwachen Gebiet verfängt, wie sich scheinbar unüberwindbare ideologische und Millieugrenzen auflösen und alles zu einer Grauzone wird.

Auch die führenden Köpfe des RNP bewegen sich in einer solchen. Nach außen vermeiden die vorgeblichen Saubermänner und -frauen rassistische Äußerungen, sind tatsächlich aber mit rechten Rollkommandos verstrickt. Ein weiterer Aspekt, der einem von Rechtspopulisten im echten Leben vertraut ist. Unfreiwillig sorgt Pauline dafür, dass die braune Schmuddel-Vergangenheit die strahlende Kampagne des RNP bedroht. Doch die Parteigranden sind mit ihren Ideen noch lange nicht am Ende.

Beunruhigende Wirkung

Dieses Drama ist vor allem eine gelungene Milieustudie, das seine Intensität nicht zuletzt aus starken Figuren gewinnt. Neben Pauline ist dies vor allem jener Philippe Berthier, der facettenreichste aller Charaktere. Einerseits ein aufrichtiger väterlicher Freund für Pauline, ist er zugleich ein eiskalter und brutaler Stratege, wenn auch stets höflich und den Menschen zugewandt auftretend. André Dussollier verkörpert diese Extreme in einer einheitlichen Tonalität, sodass der Arzt fast schon sympathisch anmutet. Das macht ihn so beunruhigend. Was sich auch von der Leichtigkeit sagen lässt, mit der in dieser Geschichte moralische Dämme brechen.

Info: „Das ist unser Land“ („Chez Nous“, Frankreich/Belgien 2017), ein Film von Lucas Belvaux, mit Émilie Dequenne, André Dussollier, Guillaume Gouix, Catherine Jacob u.a., 118 Minuten. Jetzt im Kino

weiterführender Artikel