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Kursdebatte in der SPD: Jung und Alt eine Stimme geben

Robert Kiesel10. November 2017
Lothar Binding
Lothar Binding ist Bundestagsabgeordneter der SPD und Vorsitzender der AG 60plus.
Rund 30.000 Neumitglieder konnte die SPD im Jahr 2017 begrüßen, viele davon im Juso-Alter. Was macht das mit der Partei und wie verschieben sich die Gewichte zwischen Jung und Alt? Ein Interview mit Lothar Binding, Vorsitzender der AG 60plus in der SPD.

Herr Binding, tausende Neumitglieder und die Forderung, die SPD jünger und weiblicher zu machen. Droht älteren Parteimitgliedern das Abstellgleis?

Richtig ist, dass die Sorge ‚Ihr denkt doch nur noch an die jungen Leute‘ auch mir gegenüber geäußert wurde. Gleichzeitig empfinden viele Ältere die jungen Mitglieder aber viel mehr als Bereicherung. Es ist ein Missverständnis, Jusos und AG 60+ gegeneinander zu stellen. Wir alle sind die SPD und müssen gemeinsam dafür sorgen, das Vertrauen in unsere Partei wieder aufzubauen.

Was sagen Sie älteren Mitglieder, die befürchten, künftig nichts mehr zu sagen zu haben?

Wir sind keine „entweder oder-“, sondern eine „sowohl als auch-Partei“. Der Effekt ist zusätzlich und nicht ersetzend gedacht. Durch die vielen jungen Neumitglieder kommt etwas Gutes hinzu. Im Wahlkampf lief es dort am besten, wo Jung und Alt gut miteinander harmoniert und klug konkurriert haben, so kann jeder Wähler, jede Wählerin die richtige, seine und ihre Anlaufstelle finden. Einer mit grauen Haaren geht eher auf jemanden mit grauen Haaren zu. Eine Art Beachtungsverschiebung sehe ich aber auch. 

Was meinen Sie damit?

Die Bedeutung der sozialen Medien nimmt rasant zu. Diese werden im Moment noch deutlich eher von jungen Menschen genutzt, auch wenn Ältere viel ausprobieren. Dennoch sorgen sich viele vor dem Spiel mit dem Feuer, setzen auf seriös recherchierte Inhalte - Recherche und Abwägung machen langsam. Das Langsame wird vom Schnellen nur im Augenwinkel wahrgenommen.

Sind die Alten zu langsam, zu ängstlich oder gar beides?

Nichts von alledem. Viele der Generation 60+ sind mit einer gewissen Vorsicht ausgestattet, nicht zu verwechseln mit Angst. Sie scheuen impulsive und spontane Aktionen oder Reaktionen, weil die Irrtumswahrscheinlichkeit dramatisch ansteigt. Vom Management lernen wir zu entscheiden: effizient, mutig, durchsetzungsstark, eindeutig, vor allem aber schell - und oft falsch.

Kommen wir zu den Neumitgliedern: Warum treten die in die SPD ein?

Die meisten wollen dem erschreckend um sich greifenden Rechtsextremismus etwas entgegensetzen und deshalb die Sozialdemokratie stärken. Der Brexit, Trump, das Erstarken der europäischen Rechten waren Auslöser für viele, der SPD beizutreten- das kreuzte sich mit den klugen Äußerungen von Martin Schulz nach seiner Nominierung.

Welchen Beitrag können sie zur inhaltlichen Erneuerung der SPD leisten?

Gerade beim Thema Digitalisierung erhoffe ich mir wichtige Impulse. Wenn wir ehrlich sind, wird der Begriff in unserer Partei (wie in den Gewerkschaften) bis heute mit einer depressiven Unterschwingung behandelt. Das ist nicht zukunftsgewandt. Wir müssen das Thema zukunftsorientiert gestalten, ordnungspolitisch anpacken, Chancen erschließen. Ich habe das Gefühl, dass die Jüngeren mit einer hohen Sensibilität und optimistisch an das Thema herangehen.

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