Filmtipp

Kundschafter des Friedens: Zweite Chance für Stasi-Rentner

Nils Michaelis10. Juli 2017
Stasi-Rentner und BND-Frau unterwegs im Krisengebiet
„Kundschafter des Friedens“: Stasi-Rentner und BND-Frau unterwegs im Krisengebiet
Ehemalige Ost-Agenten sollen das Ansehen der Bundesrepublik retten: Robert Thalheims Komödie „Kundschafter des Friedens“ spielt mit Klischees und wirbt dafür, Gräben zu überwinden.

„Kundschafter des Friedens“ oder auch nur „Kundschafter“ wurden DDR-Spione genannt, die gegen „imperialistische“ Staaten und „Kriegstreiber“ kämpften, sei es bei Auslandseinsätzen oder auch gegen feindliche Ausländer in der DDR selbst. Aus Sicht des Regimes standen sie ideologisch wie moralisch auf der richtigen Seite, obendrein gab es für die Gelegenheit, sich eine gewisse Weltläufigkeit jenseits des Alltags im Mauerstaat anzueignen. Als ihr Staat längst abgewickelt war, bewahrten sich viele Geheimdienstler ihr Elitebewusstsein.

Von Topspionen und BND-Agenten

Vier von ihnen lernen wir in Robert Thalheims Film kennen, der jetzt auf DVD und Blu-ray erschienen ist. Ihre Talente sind so verschieden wie ihre Temperamente. Der frühere Topspion Jochen Falk (Henry Hübchen) wurde Mitte der 80er-Jahre durch einen BND-Agenten enttarnt und schlägt sich seitdem mit Ach und Krach durchs Leben. Locke (Thomas Thieme), der Logistiker, hatte seinerzeit die Hände bei Auslandsgeschäften im Spiel und und macht nun windige Kreditgeschäfte. Jaecki ist noch immer der Mann für technische Tüfteleien: Um dem kapitalistischen Konsumwahn eins auszuwischen, repariert er mit Hingabe Kleingeräte. Harry, einst als sogenannter Romeo-Agent auf weibliche Quellen angesetzt, betreibt eine Bar in einer postsowjetischen Fantasierepublik.

Kunstschafter des Friedens

Jener Landstrich am Hindukusch ist Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Alle Welt verfolgt die Wiedervereinigung von Ost- und Westkatschekistan, die in Bonn besiegelt werden soll. Für die Unterzeichnung des Vertrags soll ein BND-Agent Frank Kern (Jürgen Prochnow) den künftigen Staatschef in die Bundesrepublik schleusen. Doch die Sache geht schief, die beiden werden entführt. Ehemalige KGBler haben die Teilstaaten fest im Griff und das soll auch so bleiben. Die Bundesregierung sieht ihr Prestige bedroht. Plötzlich bekommt Falk, der die Gegend aus früheren Einsätzen bestens kennt, eine zweite Chance. Mit Locke und Jaecki fliegt er nach Zentralasien, um die Geiseln zügig nach Bonn zu bringen. Mit zum Team gehört die ehrgeizige BND-Agentin Paula Kern (Antje Traue).

Verneigung vor Agentenfilmen der 60er- und 70er-Jahre

Natürlich geht einiges schief. Die von den BND-Youngsters belächelten Stasi-Rentner haben Mühe, sich im Katschekistan von heute zurecht zu finden. Zugleich kollidieren ihre analogen Methoden mit der Vorgehensweise der jungen BND-Frau, die sich am liebsten auf Computer und Internet verlässt. Jung und Alt raufen sich zusammen, doch es kracht immer wieder. Darin liegt viel Komik. Die früheren Spitzenkräfte MfS lassen Paula Kern immer wieder spüren, dass sich noch immer für die Größten halten, landen aber immer wieder schmerzhaft auf dem Boden der Tatsachen. Obendrein verbindet Paula, Jochen und Frank eine Vergangenheit, die Zug und Zug enthüllt wird und dem Ganzen zusätzlich Dynamik verleiht. In einem Luxushotel kommt es zum Showdown mit der gegnerischen Seite.

Drehbuch, Ausstattung und Besetzung machen deutlich, dass Regisseur Robert Thalheim  mit seinem Film nicht nur eine Geschichte erzählen will, die an einigen Stellen durchaus lustig ist, sondern noch auf eine ganz andere Wirkung abzielt. Besonders die Szenen im Hotel sind mit ihrem strahlenden Glamour und den durchtriebenen Aktivitäten im Verborgenen eine Verneigung vor den klassischen Agentenfilmen der 60er- und 70er-Jahre, aber auch vor retrolastigen Heist-Movies wie „Ocean's Eleven“. Dass eine Reihe führender Defa-Schauspieler, die sich nach 1990 neu sortieren mussten, in die Rolle von abgehalfterten Spionen schlüpfen, unterstreicht den Aspekt „zweite Chance“, auch wenn sich Gwisdek und Co. längst wieder etabliert haben.

Generationenkonflikt und Ost-West-Reibereien

Damit nicht genug, will der 1974 in West-Berlin geborene Filmemacher mit dem pointierten Blick auf Geheimdienstler die Umbrüche und Verlusterfahrungen der realen Ex-DDR-Bürger bewusst machen. Generationenkonflikt, Ost-West-Reibereien und die Hoffnung auf deutsch-deutsche Versöhnung: Das ist ziemlich viel Kontext und Bedeutung für ein 90-Minuten-Lustspiel. Daher wirkt der Film manchmal auch überfrachtet und die Handlung konstruiert. Sympathisch ist hingegen, dass sowohl „Ost“ als auch „West“ sowie „Jung“ und „Alt“ ihr Fett weg kriegen, also absolut ebenbürtig sind. Nicht zuletzt erleben wir einen großartiges Ensemble, allen voran Antje Traue im Wechselspiel mit Henry Hübchen. Gerade Hübchen zeigt sich dabei durchgängig in Hochform. Sozusagen ganz der Alte!

Info: „Kundschafter des Friedens“ (Deutschland 2017), ein Film von Robert Thalheim, mit Henry Hübchen, Antja Traue, Michael Gwisdek, Winfried Glatzeder, Thomas Thieme, Jürgen Prochnow u.a., 90 Minuten. Als Extra bieten DVD und Blu-ray, die jetzt erschienen sind, unter anderem ein Interview mit den Hauptdarstellern Henry Hübchen, Michael Gwisdek und Thomas Thieme.

 

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