Vor 60 Jahren

Wie Konrad Adenauer die Anti-Atom-Bewegung auslöste

Klaus Wettig12. April 2017
Nein zu Atomwaffen: Eine Gruppe Atomwissenschaftler, fast alle Unterzeichner des "Göttinger Manifestes", trafen sich nach einer Sitzung des Ausschusses für Kernphysik in Godesberg zu einem privaten Gespräch. Zu sehen sind (v.l.n.r.): Ernst Carl Gerlach Stückelberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, Otto Haxel, Hans Kopfermann, Willibald Jentschke, Unbekannter (mit Brille) und Fritz Bopp.
Nein zu Atomwaffen: Eine Gruppe Atomwissenschaftler, fast alle Unterzeichner des "Göttinger Manifestes", trafen sich nach einer Sitzung des Ausschusses für Kernphysik in Godesberg zu einem privaten Gespräch. Zu sehen sind (v.l.n.r.): Ernst Carl Gerlach Stückelberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, Otto Haxel, Hans Kopfermann, Willibald Jentschke, Unbekannter (mit Brille) und Fritz Bopp.
Vor 60 Jahren, im April 1957, verursacht eine Bemerkung Bundeskanzler Konrad Adenauers über eine atomare Bewaffnung der Bundeswehr ein politisches Erdbeben: Achtzehn Atomexperten, die „Göttinger Achtzehn“, protestieren energisch. Es ist die Geburtsstunde der deutschen Anti-Atom-Bewegung.

Seit dem Abwurf von Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 durch die Vereinigten Staaten bewegte die Produktion und der Einsatz von Atomwaffen die politische Welt. Nachdem auch die Sowjetunion seit 1948 über die Bombe verfügte und weitere Bombenbesitzer hinzutraten, entstand bei jeder größeren militärischen Auseinandersetzung die Frage: Werden atomare Waffen eingesetzt?

Bekommt die Bundeswehr Atomwaffen?

Es überrascht deshalb nicht, dass in den heftigen Debatten über die Wiederaufrüstung in den 1950er Jahren auch nach einer möglichen atomaren Bewaffnung gefragt wurde. Zunächst standen die einfachen Probleme im Vordergrund: Uniformen, Kasernen, konventionelle Waffen, denn nach der vollkommenen Abrüstung musste alles neu mit Hilfe der Nato-Partner angeschafft oder entwickelt werden.

Überraschend verlagerte sich die Aufrüstungsdiskussion, nachdem im Januar 1957 die erste Bundeswehr-Einheit aufgestellt worden war, auf die atomare Aufrüstung. Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) sprach in einer Pressekonferenz am 5. April 1957 über atomare Waffen für die Bundeswehr und bezeichnete sie als eine „Fortentwicklung der Artillerie“ und „beinahe normale Waffen“. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

Die Göttinger Achtzehn gegen Konrad Adenauer

Am 12. April verbreiteten alle Tageszeitungen den Protest von 18 Atom-Experten, den „Göttinger Achtzehn“, die Adenauers Urteil bestritten. Sie lösten eine weltweite Debatte aus, die das Unbehagen der Kernphysiker mit der von ihnen entwickelten Waffe ausdrückte.

Für die deutsche Diskussion ist das „Göttinger Tageblatt“ ein plastisches Beispiel. Während am Tag vor dem 12.4. der Aufmacher noch „Sonntagsruhe soll erhalten bleiben“ lautete, bestimmte die Auseinandersetzung zwischen den „Göttinger Achtzehn“ und der Bundesregierung danach die Schlagzeilen. Der Kommentar ist zunächst ratlos, auch die Bundesregierung ringt um eine Antwort.

Nobelpreisträger melden sich zu Wort

Die Göttinger Achtzehn, unter denen die Prominentesten die Nobelpreisträger Otto Hahn, Max Born, Max von Laue und Werner Heisenberg sind, aber auch der angesehene Carl-Friedrich von Weizsäcker, lehnten jede Mitwirkung am Bau von Atomwaffen ab und forderten für die Bundeswehr den Verzicht auf Atomwaffen. An einer friedlichen Nutzung der Kernenergie wollten sie weiterhin mitwirken.

Um das zustimmende Echo auf das Göttinger Manifest zu begrenzen, bat die Bundesregierung einen Dialog an. Der führte am 17. April nicht zu einer Einigung. Übereinstimmung wird nur in dem Aufruf zur weltweiten Abrüstung erzielt.

Bundesregierung gewährt Scheindialog

Bald nach dem Meinungsaustausch der Wissenschaftler mit Adenauer bewies die Öffentlichkeitsarbeit der Regierung ihre Überlegenheit gegenüber der Medienpräsenz der „Göttinger Achtzehn“. Sie verloren nicht an Zustimmung, doch jetzt kamen in den Medien die Bundesregierung und ihre Unterstützer zu Wort und zum Grundtenor wurde: „Die Wissenschaftler sind doch sehr unpolitisch.“

Allenfalls in der Atomdebatte am 10. Mai im Bundestag wurde der Ton noch einmal schärfer, als der SPD-Verteidigungsexperte Fritz Erler fragte, was man denn noch mit Atomwaffen verteidigen wolle, wenn die gleichen Waffen dafür sorgen, dass es nichts mehr zu verteidigen gebe.

CDU und SPD mobilisieren gegeneinander

Die Atomdebatte reichte nicht aus, um die Adenauer-Regierung zu einer Kurskorrektur zu bewegen. Durch das überwältigende Wahlergebnis der Bundestagswahl 1957 fühlte sie sich in ihrer Politik bestätigt.

Doch Ruhe gab es in der Atomdebatte nicht. Für die neue Wahlperiode warben CDU und SPD Sachverstand ein. Die CDU schickte über die niedersächsische Landesliste Pascual Jordan, einen früheren Freund Werner Heisenbergs in den Bundestag, für die SPD gewann der Kernphysiker Karl Bechert den Wahlkreis Waldeck. Und die SPD startete im Frühjahr 1958 mit den Gewerkschaften die Bewegung „Kampf dem Atomtod“, die hunderttausende mobilisierte.

Die Bewegung gegen Atom stagniert

Auch in Göttingen wurde demonstriert: Am 2. Juli protestierten 2.000 Göttinger mit einem Schweigemarsch gegen die atomare Bewaffnung. Die Länder Bremen und Hamburg wollten Volksabstimmungen über Befragungsgesetze zu Atomwaffen erreichen, was ihnen das Bundesverfassungsgericht untersagte.

Auf dem Stuttgarter SPD-Parteitag 1958 sollte mit der Aufführung der „Göttinger Kantate“, die der Autor Günter Weisenborn im Stil des Agitprop-Theaters verfasst hatte, ein neuer Schub erreicht werden. Erwin Piscator, der Altmeister des politischen Theaters, inszenierte. Die Mobilisierung stagnierte jedoch, sodass SPD und Gewerkschaften 1959 ihre Mitarbeit einstellten. In der Ostermarsch-Bewegung lebte die Kampagne gegen Atomwaffen aber weiter.

Das große Comeback der Anti-Atom-Bewegung

Zwei Jahrzehnte später gewann ab den 1970er Jahren die Anti-Atom-Bewegung überraschend neue Kraft, als sie sich gegen die Gefährdung der Kernenergie wandte. Mit dem Kampf gegen die Raketenstationierung der NATO in den 1980er Jahren wurde sie zu einer Volksbewegung. Die Gründung der „Grünen“ und deren politischen Erfolge sind ohne die „Göttinger Achtzehn“ nicht denkbar.

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