CO2-Preis

Klimaschutz: Lasst das mal den Markt machen!

Frederik Traut09. Oktober 2019
Frederik Traut hält CO2-Bepreisung aus sozialen Gesichtspunkten für keine gute Idee.
Frederik Traut hält CO2-Bepreisung aus sozialen Gesichtspunkten für keine gute Idee.
Das Klima gehört uns allen. Warum sollte seine Nutzung am Einkommen hängen? Zeit für einen Systemwechsel.

Auf Demonstrationen von Fridays for Future liest man immer wieder die Forderung nach einem Systemwechsel. Dennoch sind die meisten Antworten auf die Klimakrise konventionell. Sie könnten aus einem klassischen Lehrbuch für Wirtschaft stammen: Steuern, die genau so hoch gesetzt sind, dass nur noch eine bestimmte Menge CO2 ausgestoßen wird. Alternativ werden Emissionsrechte an Firmen ausgegebene und dann untereinander gehandelt – quasi ein Quote.

Konsum soll so teurer und so vor allem die klimaschädlichsten Produkte unattraktiver werden. Was das aber eigentlich heißt: Wer mehr hat (vor allem Geld), der darf mehr verschmutzen. Umweltverschmutzung wird zum Wirtschaftsgut und kann gekauft werden wie die Dose Kaviar. Das trifft materiell Schwächere ungleich härter als Reichere.

Sparer vs. Kosmopoliten

Im Konsumverhalten unterscheiden sich diese beiden Gruppen grundsätzlich. Es gibt Menschen, die zahlen einen Flug aus dem monatlichen Budget. Ein Preisanstieg wird sie kaum von ihrem großen Hobby Reisen abhalten. Andere sparen das ganze Jahr auf eine Reise mit der Familie. Selbst ein Preisanstieg von ein paar Euro pro Flug kann schon bedeuten, dass der Nebenjob nicht mehr reicht, um die ganze Familie in den Urlaub mitzunehmen.

Eine Klimaprämie aus den Steuereinnahmen kann das vielleicht abmildern, aber schon allein die zeitliche Verzögerung in ihrer Auszahlung wird das Konsumverhalten ändern. Die aktuellen Modelle benachteiligen materiell Schwächere. Dass sich jemand einschränken muss, ist unbestritten. Dass es nicht die kosmopolitischen Vielflieger sein werden, ist einfach vorherzusehen.

Die Umwelt als Konsumgut?

So ist das halt. Wer mehr hat, darf mehr konsumieren, die Umwelt stärker belasten. Aber ist unsere Umwelt ein ganz normales Gut, wie ein Auto oder ein Stück Land? Was ist der Grund, dass sie über Geld verteilt wird?

Wir sind alle gleich geboren. Warum sollten einige mehr von der Umwelt nehmen dürfen als andere? Das wäre in etwa so, als würde der Staat seinen Landbesitz basierend auf dem jeweiligen Kontostand an seine Bürger verteilen.

Grundsätzlich mag es gute Gründe für Unterschiede bei Löhnen, vielleicht sogar Vermögen und Besitz geben. Beim Recht, die Umwelt zu verschmutzen, ist das sicher nicht der Fall.

Marktwirtschaft als Alternative

Geben wir jeder Bürgerin und jedem Bürger ihren Anteil an der Umwelt. Wenn ich die Umwelt verschmutzen möchte, muss ich dafür meinen eigenen Anteil aufbrauchen. Für jeden weiteren „Verbrauch“ muss ich die Rechte anderer kaufen, die weniger verschmutzen. Auch das ist einfachste Ökonomie. Aber sie stellt einen Systemwechsel dar, denn sie behandelt Menschen gleich.

Bleiben wir beim Flugbeispiel: Wir legen jährlich eine Obergrenze für Flugmeilen fest. Vielleicht beginnen wir mit den aktuell geflogenen Meilen und senken diese langsam ab. Diese Obergrenze wird zwischen allen Menschen gleichmäßig aufgeteilt.

Bei der Flugbuchung bezahle ich dann nicht nur mit Geld, sondern auch mit Flugmeilen. Wenn ich mir nun keinen oder nur einen kurzen Flug leisten kann, habe ich Meilen übrig. Als Vielflieger muss ich Meilen dazu kaufen von denjenigen, die nicht oder wenig fliegen. Gleiches gilt für Firmen, die ihre Belegschaft um den Globus schicken. Die Verschmutzer entschädigen diejenigen, die die Umwelt schonen. Oder sie fliegen eben weniger.

In kürzester Zeit werden sich Geschäftsmodelle bilden, die Meilen aufkaufen und an McKinsey etc. weitergeben. Auch könnte ein einfaches Ebay-ähnliches System den Kauf und Verkauf von Meilen effizienter machen. Warum nur auf Lösungen des letzten Jahrhunderts vertrauen, wenn wir die Digitalisierung haben?

Man muss nicht bei Flügen aufhören

Dieses System kann auf viele Bereiche ausgedehnt werden. Der CO2-Ausstoß aller möglichen Güter kann bestimmt werden und die Verschmutzungsrechte würden eine Art Zweitwährung darstellen. 250 Gramm Käse kosten dann nicht nur drei Euro, sondern auch noch Zertifikate für zwei Kilogramm CO2-Ausstoß. Letzteres wird also nicht vorher per Steuer eingepreist – der Klimaverbrauch wird ausgewiesen und direkt beglichen.

Entweder man hat dann Verschmutzungszertifikate an der Kasse dabei oder man kauft über den Händler direkt die entsprechende Summe an Zertifikaten. Auch Sparen und Kredite sind denkbar. Eigentlich ist das ganze System kaum anders als ein Einkauf per Kreditkarte heute.

Problematisch ist eine mögliche Überwachung des Konsumverhaltens. Aber man könnte schlicht Verschmutzungszertifikate als Banknoten ausgeben. Damit ist die Überwachbarkeit nicht höher als bei normalem Bargeld. Jeder Mensch würde einmal im Monat solche Zertifikate überwiesen bekommen, fast wie ein Grundeinkommen – aber eben der Anteil am Gemeinschaftsgut Umwelt.

Ein radikaler Systemwechsel

Diese Idee würde einen radikalen Systemwechsel bedeuten. Menschen würden ihren Anteil an der Umwelt aufgrund ihres Menschseins erhalten, nicht als Resultat ihres Einkommens, Erbes, Vermögens. Der restliche Markt bliebe praktisch unangetastet, aber der Druck, CO2-Emissionen durch Innovationen oder Verhaltensänderungen zu reduzieren, würde massiv zunehmen. Viel mehr als bei einer niedrigen CO2-Steuer.

Das würde Umgewöhnung erfordern. Es wäre wohl nur europäisch möglich. Und es erfordert viel Phantasie. Auch ist dieses Modell kein Allheilmittel und erfordert natürlich weitere, kollektive Anstrengungen. Aber es wäre eine nachhaltige Lösung, die soziale und ökologische Probleme gleichzeitig angeht.

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Kommentare

Grenzen des Marktes für Grenzen des Wachstums !

Dass es der Markt alleine nicht richtet, sondern dieser damit er den gesellschaftlichen Auftrag erfüllen kann, an entscheidenden Punkten ganz eng gesetzte Rahmen benötigt und begleitende Ordnungsmaßnahmen, ist eine Lehre der Geschichte der wir uns nicht entziehen sollten. Der Markt allein kennt keine Werte und keine Moral und keine Grenzen bei der Ausbeutung von Mensch, Tier und Ressourcen und macht auch nicht vor der Zerstörung unserer Lebensgrundlagen und Werte halt. Ohne Markt geht es wohl auch nicht, damit Wettbewerb erhalten bleibt. Aber der Wettewerb sollte so politisch gesteuert werden, dass es nicht nur um billiger und schneller geht, sondern dass Qualität, Nachhaltigkeit und nicht zuletzt menschliche Zuwendung als Grundvoraussetzung für alle erhalten bleiben. Beipiele wie es funktionieren kann liefert die Postwachstumsgeseschaft. Darüber kann sich wer will auch bei der Universität Jena erkundigen:
https://www.postwachstum.de/
http://www.kolleg-postwachstum.de/Ver%C3%B6ffentlichungen-p-15.html

Und diesem sehr interessanten

Und diesem sehr interessanten Beitrag hinzufügen möchte ich noch diese Warnung vor Extinction Rebellion von Jutta Ditfurth:
https://www.morgenpost.de/berlin/article227298259/Jutta-Ditfurth-bewerte...

Jutta von Ditfurt

Für WAS steht denn diese Frau ? Was der nicht in den egozentrischen Kram passt wird doch von ihr mittlerweile generell als esotherisch, rechts, querfront etc. pp abqualifiziert. XR werde ich beobachten und mir dann eine Meinung bilden. Warum hat den Frau von Ditfurt so einen priviligierten Medienzugang ? Weill sie systemkritisch ist oder weil sie der Spaltkeil von alles was den Anschein hat links zu sein ist ?

Klimaschutz: Lasst das mal den Markt machen

Der von Frederik Traut gemachte Vorschlag ist kein Systemwechsel. Richtig ist, dass Klima-, Umwelt-, Naturschutz existenziell alternativlos sind - zwingend und rasch gewährleistet werden müssen. Und dies muss zwingend sozial gerecht und solidarisch geschehen, sonst scheitert das Ganze. Die Einzelmaßnahmen, die Traut vorschlägt, bewegen sich alle innerhalb des kapitalistischen Systems, welches wesensgemäß als eingeschriebene DNA das Konkurrenzprinzip, den wirtschaftlichen Wachstumszwang, die Profitmaximierung und dem folgend die Kapitalakkumulation sklavisch in sich trägt. Dieses System kann nachhaltigen Umwelt-, Klima-, Naturschutz nicht leisten. Wachstumszwang und Nachhaltigkeit schließen sich aus! Die Maßnahmen sind gut gemeint, können Zeit für die Lösung des Problems erkaufen, führen aber letztlich nicht zum Ziel. Sie sind nicht mehr als Grün-kapitalistische-Stellschrauben-Politik zur Gewissensberuhigung. Das ist besser als NICHTS! Aber - wer Umwelt, Klima, Natur retten will - und das müssen wir - muss das kapitalistische System verlassen und mindestens eine ökologisch-soziale Transformation - besser eine ökosozialistische Ökonomie einführen. Suffizienz ist das oberste Gebot!

Also mit anderen Worten: den

Also mit anderen Worten: den Himmel auf Erden schaffen. Leider sind alle Experimente dieser wohlklingenden radikalistischen Tabula-Rasa-Art bisher immer in der Hölle auf Erden geendet.

Suffizienz ist nicht das oberste Gebot, sondern ein anderes Wort für eine Armutsökonomie.

Armutsökonomie / Hölle auf Erden

Bevor man Suffizienz als Armutsökonomie denunziert, sollte man z.B. die nachfolgend genannten Bücher aufmerksam lesen:

Ökoroutine Damit wir tun, was wir für richtig halten / Michael Kopatz / oekom-Verlag und Wuppertal-Institut, 2016/2018

Wohlstand ohne Wachstum Grundlagen für eine zukunftsfähige Wirtschaft / Tim Jackson / oekom-Verlag und Heinrich-Böll-Stiftung, 2017

Die Hölle auf Erden wird es geben, wenn der Klima-, Umwelt-, Naturschutz weiterhin nicht ernsthaft betrieben wird!

Die Öko-Fritzchen sind mir

Die Öko-Fritzchen sind mir nun mal suspekt. Denn "Suffizienz" drückt sich um die Umverteilungsfrage herum.

Einen Buchtipp habe ich aber auch: https://www.vsa-verlag.de/nc/buecher/detail/artikel/vom-kapitalismus-ohn...

Umverteilungsfrage

Nein! Suffizienz drückt sich gerade nicht um die Umverteilungsfrage herum. Denn bei der Suffizienz geht es um ein vernünftiges, sozial gerechtes, solidarisches GENUG, dass gesamtgesellschaftlich den ökologischen Anforderungen
entsprechen muss! Das bedeutet: Wer m e h r als GENUG hat, muss abgeben, an die, welche nicht noch nicht das angemessene Maß von GENUG erreicht haben. Und genau das ist Umverteilung im sozial gerechten, solidarischen Sinne!

Umverteilungsfrage

muss natürlich heißen: ... muss abgeben, an die, welche noch nicht das angemessene Maß von GENUG erreicht haben.

Man könnte auch mit Ghandi kommen

"There is enough for everyones need but not for everyones greed."
Es ist genug für jedermanns Bedürfnisse da aber nicht für jedermanns Gier.

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit aber stattdessen werden Maximalverschmutzer weiterhin geschützt, Profite die auf Umweltschädigung besieren ebenfalls und für einen Pseudo-Umweltfetisch darf dann der Endverbraucher sinnlose Tribute entrichten die keinerlei steuernde, geschweige denn umweltwirksame Gegenleistung erwarten lassen.

Das Problem ist, das die Definition von "genug" eben ausnahmslos für alle gelten muß.
Das bei einer Politkaste durchzusetzen die sich nicht einmal eine Diätensteigerung trotz seit Jahren sinkender Reallöhne abringen mag ist illusorisch.
Weniger sinnlosen Mist produzieren bedingt den Abschied - wenn nicht sogar die strafbewehrte Bekämpfung -von geplanter Obsoleszenz, damit aber auch die Reduzierung der wöchentlichen Arbeitszeit bei gleichbleibender Kaufkraft.

Dazu müsste man wohl genau das tun was die Politik nicht einmal ansprechen will: frei erfundenes Geld abschöpfen (Finanztransaktionssteuer) und damit Investitionen in Realwerte attraktiver machen als "Investitionen" in Luftschlösser und Lügen.

Karl-Georg Zinn

Karl-Georg Zinn ist ein wirklich guter respektabler Autor.