Neuer Finanzsskandal

Wenn die Kirche sich verzockt

Bernhard Spring20. Juli 2011

Es dürfte so manchen braven Katholiken irritiert haben, dass im Frühjahr in den Gemeinden des Bistums Magdeburg um Spenden für den bevorstehenden Papstbesuch geworben wurde. Immerhin macht
Papst Benedikt im September auf seiner inzwischen dritten Deutschlandreise einen großen Bogen um das Bistum. Und gerade bedürftig ist er wohl auch nicht: Zwar bezieht er als Staatsoberhaupt des
Vatikans kein festes Gehalt, doch eine Dienstreise wird sich der Zwergstaat, dessen Vermögen auf bis zu 12 Milliarden geschätzt wird, doch noch leisten können.

45 Millionen Euro in den Sand gesetzt

Aber dieser seltsame Spendenaufruf ist nichts im Vergleich zu dem Finanzskandal, der das Bistum in diesen Tagen erschüttert: Die kircheneigene Gero-Aktiengesellschaft soll durch
risikoreiche Geschäfte mindestens 45 Millionen Euro in den Sand gesetzt haben.

Viele der 90.000 Katholiken im Bistum kannten die Gero-AG bislang überhaupt nicht und wusste nichts von Beteiligungen an Schiffen oder am Biopark Gatersleben. Nun müssen sie sich die Frage
stellen, wie verantwortlich die Kirchenleitung in Magdeburg eigentlich mit ihren Geldern umgeht. 45 Millionen sind kein Pappenstiel angesichts der schwindenden Mitgliedzahlen in den Gemeinden und
einem Gesamthaushalt des Bistums von 28 Millionen - zu mehr als der Hälfte aus staatlichen Zuschüssen und Transferleistungen westdeutscher Bistümer bestritten!

Das Bistum redet sich heraus

Umgekehrt wehrt das Bistum ab, dass doch der Finanzskandal so neu nicht sei, immerhin bemühe man sich schon seit gut drei Jahren um Schadensbegrenzung. Seitdem arbeitet das Bistum an einer
Umwandlung der Gero-AG in eine GmbH, die sich nur noch mit der Verwaltung kircheneigener Grundstücke beschäftigen soll. Hier wurde - dieser Eindruck soll vermittelt werden - also inzwischen eine
Lehre gezogen: Finger weg vom Geldgeschäft.

Doch wie konnte es überhaupt zu solchen windigen Geschäften kommen und wie lassen sie sich in Zukunft vermeiden?

Wenn Kleriker Monopoly spielen

Ganz offensichtlich ist selbst dem damaligen Bischof Leo Nowak (1994-2004) die Kontrolle der Gero-AG entglitten: Er habe "offenbar gemeinsam mit seinen engsten Mitarbeitern einigen
handelnden Personen zu sehr vertraut", heißt es in einer öffentlichen Stellungnahme und soll bedeuten, dass die eigentliche Schuld bei dem damaligen Alleinvorstand der Gero-AG, Norbert Diehl,
nicht aber bei den Kirchendienern zu suchen sei.

Nach Recherchen der "Welt" zeigen die nackten Zahlen hingegen ein anderes Bild: Das Bistum selbst habe 15 Millionen Euro bei der später gescheiterten Biotech-Firma Meltec (Magdeburg)
investiert und verloren. Die kircheneigenen Anteile an der Firma wurden erst im Nachhinein auf die Gero-AG übertragen. Zudem hätte das Bistum auch in anderen Fällen die Initiative für
Investitionen durch die Gero-AG ergriffen, sodass die Frage nach der Schuld kaum noch zu beantworten sei. Ein Klüngel aus Vorstand und Klerikern hat hier wohl Monopoly gespielt.

Schadensbegrenzung lautet nun die Devise - und hier kommt es auf die richtige Vermittlung an: Der amtierende Bischof Gerhard Feige und der Generalvikar Raimund Sternal zeigen sich betroffen
und fühlen sich getäuscht. Gegen die maßgeblichen Köpfe der Gero-AG wurden inzwischen Zivilverfahren eröffnet. Wo Glauben allein nicht mehr weiterträgt, muss die Justiz überzeugen.

Es darf weiter gezockt werden

Und das Domradio (Köln), der "gute Draht nach oben", wie es sich bewirbt, sieht eine Medienhetze drohen, da ja die Verfehlungen bereits seit Jahren bekannt und erst jetzt aufgebauscht
würden. Auch das ist eine Form der Schadensbegrenzung. Schuld: ja. Aber die anderen haben noch mehr Schuld.

Und auch die Seelsorge darf zuletzt nicht fehlen, und so tröstet Bischof Feige in einem Schreiben an seine Gemeinden über den schmerzlichen Verlust des Kirchenkapitals hinweg: Das Bistum
"ist nicht insolvent." Es darf also noch weitergezockt werden.