Flüchtlingsdebatte

Kinder auf der Flucht: Lieber sterben als zurückgehen

Paul Starzmann17. März 2016
In der Kette aus Not, Flucht und Abschiebung sind sie die Schwächsten: Über 30.000 Minderjährige haben im vergangenen Jahr in der Bundesrepublik Schutz gesucht. Das Buch „Einfach nur weg“ erzählt vom Schicksal der geflüchteten Kinder.

Sie wolle lieber sterben als „zurückzugehen“, sagt Yamina, 20 Jahre alt, die mit ihren beiden minderjährigen Nichten in Deutschland Zuflucht gefunden hat. Mit „zurück“ meint sie nicht nur ihre Heimat, das von Krisen geplagte Land Guinea in Westafrika. „Zurück“ bedeutet für Yamina und ihre Nichten die Abschiebung nach Portugal, als EU-Mitglied ein „sicherer Drittstaat“ – „die Hölle“, wie Yamina sagt. Sie lebte dort ohne Versorgung, ging auf den Strich, um für sich und ihre Nichten die Fahrt nach Deutschland zu finanzieren. Jetzt soll sie zurück nach Portugal, der Bescheid vom Ausländeramt ist schon da. Der deutsche Rechtsstaat will es so, gedeckt vom Dublin-II-Abkommen der EU.

Flucht als einzige Chance

Für ihr Buch „Einfach nur weg – Die Flucht der Kinder“ hat die Journalistin Ute Schaeffer die Geschichten minderjähriger Flüchtlinge gesammelt. Für viele ist Flucht die einzige Chance, zu überleben. Zum Beispiel der junge Ali aus Sierra Leone, der sich auf eine monatelange Odyssee durch die Sahara begibt, nachdem seine Mutter an Ebola gestorben war. Oder Mohammed, ein Junge aus der syrischen Stadt Kobane, der zunächst vor dem „Islamischen Staat“ in die Türkei flieht – für Kurden „keine gute Umgebung“, wie er sagt. Also schlägt er sich allein bis nach Deutschland durch.

Viele Menschen, die sich hierzulande als „Asylkritiker“ verstehen, scheint das Schicksal dieser Flüchtlinge kalt zu lassen. „Dinge, die abstrakt sind, konkret machen,“ wolle sie deshalb mit ihrem Buch, sagt die Journalistin Schaeffer. Den Einzelnen „erkennbar“ zu machen, erklärt Kanzleramtschef Peter Altmaier bei der Buchpräsentation am Mittwoch in Berlin, könne die Hilfsbereitschaft für Menschen in Not steigern.

Altmaier: Keine Grenzschließung

Die Entscheidung der Kanzlerin vom September 2015, in Ungarn gestrandete Menschen nach Deutschland einreisen zu lassen, sei richtig gewesen, so Altmaier – aus humanitären und geostrategischen Gründen. Grenzschließungen seien keine Lösung, Europa könne sich nicht „nach dem Motto des Biedermeier“ zurückziehen.

Was seine Vorstellung von „Integration“ betrifft, geht Altmaier auf Konfrontation zum rechten Flügel der Union. Während Markus Söder von der CSU eine multikulturelle Gesellschaft offen ablehnt, sieht der Kanzleramtsminister die Zuwanderung als Chance für Deutschland. Integration heiße nicht, dass Migranten ihre Kultur „an der Garderobe abgeben“ müssten. Wichtig sei es, den Zuwanderern die deutsche Sprache beizubringen. Aus eigener Auslandserfahrung wisse er, eine Fremdsprache zu lernen sei eine „Bereicherung für einen selber und alle um einen herum.“

Motivation bei jungen Flüchtlingen hochhalten

Sebastian Schilge, Geschäftsführer der Malteser, will die Motivation der jungen Flüchtlinge „hochhalten“. Die junge Menschen hätten meist „klare Vorstellungen“ von ihrem zukünftigen Leben in Deutschland, „zielgerichtet“ und motiviert seien sie. Viele wollten zur Schule gehen oder studieren. Schilge fordert Wohnraum und Praktikumsangebote für minderjährige Flüchtlinge. Die oft schwer traumatisierten Kinder und Jugendlichen bräuchten ein Umfeld, in dem „man sich wohlfühlen kann“.

Die Erlöse aus dem Buch, das von der Deutschen Welle und den Maltesern unterstützt wird, gehen an die Flüchtlingshilfe, erklären die Herausgeber. Die Flüchtlingsdebatte in Deutschland werde von den jungen Migranten sehr genau verfolgt, sagt Sebastian Schilge. Die scharfen Auseinandersetzungen und Diskussionen über die Zuwanderung bringe manche der geflohenen Jugendlichen ganz schön „durcheinander“ – vielleicht hilft das Buch dabei, die Flucht der Kinder besser zu verstehen.

Ute Schaeffer: „Einfach nur weg – Die Flucht der Kinder“, dtv premium, 267 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-423-26119-7

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