Kein Rauch, aber noch Feuer

Werner Loewe28. Januar 2008

Thalia Geschäftsführer Ludwig von Otting hatte schon vor der Veranstaltung im "Raucher-Krieg" (BILD) gegenüber der "Süddeutschen" kühl erklärt: "Quod licet Jovi, non licet bovi", was er frei
übersetzte: "Was wir Helmut Schmidt erlauben, erlauben wir natürlich nicht jedem Rindvieh." Und Moderator Ulrich Wickert erklärte augenzwinkernd, dies sei keine Wahlkampfveranstaltung, sondern
Kunst, und da werde auf der Theaterbühne auch häufig geraucht. Das sei daher Helmut Schmidt, diesem Meister in der Kunst des politisch Möglichen, selbstverständlich auch gestattet. Große
Heiterkeit, doch der eigens bereit gestellte Aschenbecher blieb leer, Helmut Schmidt griff stattdessen hin und wieder zur Schnupftabakdose.

Ein Fall für den Staatsanwalt?

Wie oft die Staatsanwaltschaft gegen ihn schon ermittelt habe, wollte Ulrich Wickert eingangs wissen. Drei Mal, sagte Schmidt. Das erste Mal 1944 als Soldat wegen Wehrkraftzersetzung, weil er
über die Nazis gewitzelt hatte. "Da gab es nur zwei Möglichkeiten: Freispruch oder Rübe ab." "Da hätte es ja noch die Gelegenheit für eine letzte Zigarette gegeben", konnte sich Wickert zur
Erheiterung des Publikums nicht verkneifen. Durch mehrfache Versetzung entging Helmut Schmidt damals der Anklage, und dann war der Krieg vorbei. Anfang der 60er Jahre ermittelte die
Staatsanwaltschaft gegen ihn wegen Beihilfe zum Landesverrat, das war die berüchtigte "Spiegel-Affäre", "und das dritte Mal muss jetzt sein", schmunzelte Schmidt.

Es wurde ein vergnüglicher, spannender und auch lehrreicher Streifzug durch Ökonomie und Politik, durch Bildung, Wissenschaft und Kultur, hin und wieder anschaulich illustriert mit
Begebenheiten aus dem Leben des Altkanzlers. Helmut Schmidt philosophierte lakonisch, hellwach und leidenschaftlich über den Aufschwung und über die aktuellen Turbulenzen auf den Finanzmärkten. Er
beleuchtete die historischen Hintergründe des deutschen Föderalismus und die geringen Chancen eines Nordstaats in Deutschland. Er hielt eine eigenständige deutsche Konjunkturpolitik in Zeiten des
Euro für nicht machbar und kritisierte das Fehlen einer gemeinsamen europäischen Außen- und Finanzpolitik.

Der fleißigste Autor seit Thomas Mann

Amüsant war Michael Naumanns Schilderung der gemeinsamen Arbeit an einem Buchprojekt, zu dem er Helmut Schmidt Anfang der 90er Jahre überredet hatte. Der Altkanzler hatte sich zum Schreiben
auf eine Insel zurückgezogen, die Manuskriptseiten gingen regelmäßig zum Abschreiben nach Hamburg und dann wieder zurück - "der fleißigste Autor seit Thomas Mann", wie Naumann respektvoll anmerkte.
Das Manuskript wurde von Helmut Schmidt dann noch an Leute weitergesandt, auf deren Urteil der Autor Wert legte. Die sandten ihr Exemplar mit Kommentaren und Marginalien versehen zurück, und so
traf sich dann der Rowohlt-Verleger Naumann mit seinem Autor zur abschließenden Redaktionssitzung - "eine Art Diskussion mit Abwesenden", so Naumann, - in Helmut Schmidts Haus, hochkonzentriert von
11 Uhr bis 1 Uhr nachts. Dann erklärte Helmut Schmidt zum Abschluss munter: "Jetzt gehen wir noch ein Bierchen trinken." Michael Naumann konnte nur noch stöhnen: "Wer hat denn den
Herzschrittmacher, Sie oder ich?"

Zwar hatte Ulrich Wickert mit milder Selbstironie die Rollenverteilung in diesem Stück auf der Bühne als "ein Hauptdarsteller und zwei Nebendarsteller" charakterisiert, und natürlich war
Helmut Schmidt, diese herausragende Figur der Zeitgeschichte, der Star der Veranstaltung, doch unbestreitbar war auch: Die drei dort oben spielen in derselben Liga.

Zum Schluss beantwortete Michael Naumann noch einmal nachdenklich die Frage, warum er kandidiere: "Die Frage wird mir oft gestellt: Warum tust Du dir das an? Ich finde, die Frage zeigt ein
tiefes Unverständnis vom Glück, das auch in Politik enthalten ist." Da klatschte auch der Altkanzler.