Andrea Ypsilanti zur Krise der Sozialdemokratie

Kein Gott, kein Kaiser noch Tribun

Andrea Ypsilanti13. Januar 2011

Immerhin versucht die Parteirechte, was der linke Flügel bisher nur fordert: eine Bestandsaufnahme und Aufarbeitung der rot-grünen Regierungsjahre, der Agenda-Reformen und der massiven
Verluste nach der Großen Koalition. Offenkundig wird dabei das Scheitern der bizarren Inszenierung, in der die größte Wahlniederlage der Nachkriegsgeschichte einfach weggeklatscht werden sollte.
Zur Erneuerung in der Opposition reicht eine Umgruppierung des Führungspersonals nicht aus.

Über
die Verzweiflung der Parteibasis

Deutlich wird das daran, dass von den schlechten Werten der schwarz-gelben Regierung in erster Linie die Grünen profitieren. Für die
Seeheimer ist die Ursache klar: die Korrekturen an der Agenda 2010, das Abwenden von der Mitte, der Kontakt zur Linken. Sie
fordern ein klares "Hü" (Duin) statt eines sozialdemokratisch-donnernden "sowohl-als-auch" (R.Stegner). Ihr Argument ist der nicht belegte, geschweige denn durchdachte Verweis, dass die SPD mehr
Stimmen an CDU/FDP als an die Linke verloren habe. Die wirklichen Ursachen der Krise der Sozialdemokratie erschließen sich jedoch nur im kritischen Blick zurück.

In den vergangenen 30 Jahren hat sich die SPD gleich von zwei gesellschaftlichen Milieus getrennt, auf die sie existenziell angewiesen ist. In der Ignoranz der "Schmidt-SPD" in Bezug auf Natur
und Energieressourcen, gegenüber geschlechtergerechter Politik und der Friedensbewegung verlor sie das "intellektuelle" Milieu an die Grünen. Nach 1989 ignorierte sie den Reformflügel der
Realsozialisten im Osten und wurde deshalb dort nie "Volkspartei". Unter Schröder folgte der Wandel zur "Partei der Mitte". Mit Unternehmens-, Kapitalertrags- und Spitzensteuersatzkürzungen,
Agenda 2010, Hartz-Gesetzen und der Rente mit 67 verlor sie dann ihr eigenstes, an harten materiellen Fragen interessiertes Milieu. Sie kassierte reihenweise schwere Wahlniederlagen,
Hunderttausende verließen die Partei, ein Aderlass ohnegleichen. Da sie zunächst an der Regierung blieb, ignorierten Parteiführung und Regierungsmitglieder den Unmut, schließlich die Verzweiflung
der Parteibasis.

SPD braucht universelles Projekt

Erfolgreich war dagegen der Landtagswahlkampf 2008 in Hessen, in dem die SPD ein eigenständiges "
Programm der Sozialen Moderne" verfocht. Die subtile Seeheimer These, die Verluste der Bundestagswahl 2009 seien Nachbeben
"hessischer" Verhältnisse und des vorgeblichen "Wortbruchs", ignoriert, dass sozialdemokratische WählerInnen trotz zehnmonatiger Kampagne mehrheitlich zu NichtwählerInnen, Grünen und Linken
wanderten. Tatsächlich gründet die Vertrauenskrise der SPD nicht in Koalitionsfragen, sondern darin, dass sie die Anliegen ihrer Wählerschaft nicht mehr vertritt.

Die Verhöhnung der Grünen-WählerInnen als "bahnhofskritische Latte machiato-WohlfühlbürgerInnen" verpufft zu Recht. Weshalb sollte ein progressives Bürgertum SPD wählen, wenn sein
Widerstand gegen riskante Großtechnologien und eine fatale Energiepolitik so wenig ernst genommen wird wie die Enttäuschung bei drängenden sozialen und kulturellen Fragen?

Wirkungsmächtig war die SPD historisch dann, wenn sie ArbeitnehmerInnen und ein aufgeklärt progressives Bürgertum für ein universelles Projekt gewann. Das war es, was in Hessen 2008 mit einem
ambitionierten sozialen, ökologischen, ökonomischen und kulturellen Programm zur Wahl stand, das einen Mindestlohn, eine neue Energie-, Wirtschafts-, Bildungs-,und Kulturpolitik mit einer
umfassenden sozialen Infrastruktur verknüpfte. Universell zu denken schließt durchaus das "sowohl-als auch" eines Interessenausgleichs ein, benennt jedoch die darin virulenten gesellschaftlichen
Widersprüche und bezieht mutig Position. Das von
Hermann Scheer entworfene Wirtschaftsprogramm der hessischen SPD wirkte nicht zufällig wie eine Kampfansage an die
Energie-Oligopole.

Gerechtigkeit - nicht Fairness

Zum Scheitern verurteilt sind demgegenüber alle Versuche, solche Konflikte durch "Begriffsmodernisierungen" zu umgehen. Exemplarisch zeigte sich das, als der erstaunten Parteibasis auf dem
Berliner Parteitag 2010 zugemutet wurde, die Verpflichtung auf Gerechtigkeit durch Orientierung auf "Fairness" zu ersetzen. Wer sich auf Fairness bescheidet, dem geht es bestenfalls um die
Regelung des Bestehenden, nicht mehr um eine tatsächlich gerechte Verteilung des Reichtums, geschweige denn um systemverändernde Reformarbeit. Eine SPD der Fairness die ihr eigenes Firmenschild
entsorgt begeht Selbstmord.

Sie gibt ihre ureigene Idee einer gerechten und solidarischen Gesellschaftsordnung, eines demokratischen Sozialismus auf. Das wäre ein gefährlicher Paradigmenwechsel. In dieser Frage gibt es
kein "sowohl als auch": Sozialdemokratische Politik erfordert gesellschaftsverändernde Handlungsperspektiven eben für die sozialen Klassen und kulturellen Milieus, die sie den letzten Jahrzehnten
verloren hat. Nur daraus kann die gesellschaftliche Hegemonie erwachsen, in der neu definierte Gerechtigkeitsansprüche ökonomisch wie kulturell fundiert sein werden.



Progressive Politik statt

Reparaturbertrieb

Die Mehrheit der BürgerInnen weiß um die ungerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, um die Fragilität der Finanzordnung, die Folgen ungebremsten Wachstums und die Endlichkeit
der herkömmlichen Energieträger und äußert deshalb ausdrücklich Vorbehalte zur gegenwärtigen Wirtschaftsordnung. Eine Sozialdemokratie, die sich klar am Gemeinwohl orientiert, die Widersprüche
unserer Zeit benennt und nach ihrer gerechten Lösung sucht, hat von daher alle Chancen der Welt. Für eine Renaissance der Sozialdemokratie bedarf es deshalb eines kritisch aufgeklärten Diskurses
und Handlungsmut, der mehr als nur Reparaturen des Bestehenden will und darin einer praktischen Utopie folgt.

Erste Voraussetzung bleibt die Evaluierung der eigenen "Reformen", zu der sich dann auch die Grünen verhalten müssen, die daran ja beteiligt waren. So ist die wie eine Monstranz vorgetragene
Behauptung, Hartz IV habe Arbeitsplätze geschaffen, weder empirisch belegt, noch ein Trost für die EmpfängerInnen von Transferleistungen. Warum also nicht eine Debatte um die Bedingungen einer
gerechten, nicht auf Erwerbsarbeit verengten Arbeitszeitverkürzung?

Warum nicht eindeutig für eine Solidarische Bürgerversicherung und Daseinsvorsorge in öffentlicher Hand kämpfen? Warum stagniert die Frage nach gerechter Bildung immer noch an Geld und
Ideologie? Warum wird der Klimawandel nicht endlich zureichend Thema? Warum wird nicht die Angst um die Möglichkeit aufgegriffen, in Würde altern zu können? Wo ist der Mut, die
Entdemokratisierung der politischen Institutionen umzukehren? Warum nicht überhaupt eine Debatte der SPD um einen erneuerten Sozialstaat und die Notwendigkeit, den gesellschaftlichen Reichtum für
seine Kosten einzusetzen?

Europa demokratisieren

Progressive Mehrheiten in der Gesellschaft fordern erkennbar progressive Politik. Den damit verbundenen Entscheidungen kann sich die SPD nicht länger verweigern: Folgt sie weiter dem medial
gestützten neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell oder formiert sie sich inhaltlich und strategisch neu? In NRW hat sie taktisch richtig auf eine Minderheitsregierung gesetzt. Doch
muss sie jetzt auch den Beweis antreten, dass damit ein emanzipatorischer Anspruch verbunden ist.

Dabei ist von entscheidender Bedeutung, dass die Krise der sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien europäisch ist. Deren Hauptursache ist die Ohnmacht gegenüber dem "Terror der
Ökonomie". Aus ihm folgt die neoliberale Hegemonie auch in der Sozialdemokratie, die Unfähigkeit zu angemessener Interessens- und Anliegensvertretung und zuletzt der Vertrauensverlust gegenüber
der Führung der Parteien, zu dem deren Eitelkeiten, auch die teilweise inhaltliche Korruption hinzutreten.

Eine der größten Herausforderungen ist deshalb die Demokratisierung der EU. SozialdemokratInnen und SozialistInnen müssen Europa als zu demokratisch gestaltende Sozial- und
BürgerInnengesellschaft, nicht nur als Wirtschaftsunion verstehen. Wir müssen wieder lernen, universell zu denken und bereit zu sein, politisch danach zu handeln. Für viele Antworten läuft uns
die Zeit davon. Die Öffnung zu gesellschaftlichen Akteuren, die sich um die gleichen Fragen und Lösungen bemühen, ist dazu nicht nur wünschenswert, sondern unumgänglich. Denn: "uns aus dem Elend
zu erlösen, können wir nur selber tun".

Dieser Beitrag ist erschienen in der
Frankfurter Rundschau am 8. Januar 2011.

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