Trier würdigt den größten Sohn der Stadt

Warum Karl Marx' 200. Geburtstag so unbefangen gefeiert wird

Renate Faerber-Husemann04. Mai 2018
Die große Karl-Marx-Landesausstellung im Rheinischen Landesmueum Trier
Weckt großes Interesse, auch international: die große Karl-Marx-Landesausstellung im Rheinischen Landesmueum Trier
Das Schreckgespenst von heute ist für viele nicht mehr der Kommunismus. Es ist der globalisierte, schrankenlose Kapitalismus. Er ermöglicht eine neue milde Sicht auf Karl Marx. In seiner Geburtsstadt Trier kann man dies hautnah erleben.

Ganz Trier ist im Marx-Fieber: Während die Stadt in der Vergangenheit vor allem mit ihrer alten Geschichte warb – älteste Stadt Deutschlands, größte römische Siedlung außerhalb Italiens – ist heute alles Marx.  Vier große überaus sehenswerte Ausstellungen erinnern an den größten Sohn der Stadt, der in einem schönen Barockhaus in der Brückenstraße am 5. Mai 1818 geboren wurde.

Chinesen sind größte ausländische Touristengruppe

In dem Alkoven im ersten Stock, in dem er angeblich zur Welt kam, legen heute vor allem Chinesen gerne Blumen nieder. Und Chinesen stellen heute unter den Ausländern auch die größte Touristengruppe. Sie kommen nicht wegen der weltberühmten Porta Nigra, wegen der herrlichen Kirchen, sondern wegen Marx, dem – zusammen mit dem Freund und Mäzen Friedrich Engels – Autoren des „Kommunistischen Manifests“ und des „Kapitals“, an dem Marx 18 Jahre lang gearbeitet hat

Seit diesem Samstag können sie am Simeonstiftplatz auch ein Jubiläumsgeschenk ihres Landes bewundern, eine 5,50 Meter hohe, mehr als zwei Tonnen schwere Statue von Karl Marx, das Werk des Bildhauers Wu Weishan. Wenigstens im kommunistischen – im Alltag eher kapitalistischen – China lebt der Marxismus noch. Dort wird auch das „Kommunistische Manifest“  immer noch ernst genommen und seine „Bedeutung für die heutige Zeit“ studiert. Die Trierer Bürger sehen das eher skeptisch. Jedenfalls, so räumt auch Oberbürgermeister Wolfram Leibe (SPD) ein, wird das teure Geschenk kontrovers diskutiert.

Sogar die Katholiken haben sich mit Marx versöhnt

Doch Marx selbst ist in der konservativ-katholischen Stadt längst kein Reizthema mehr. Es war der Prälat des Bistums, Werner Rössel, der in diesen Tagen an ein Zitat des Begründers der Katholischen Soziallehre, Oswald von Nell-Breuning erinnerte, auch der übrigens ein berühmter Sohn der Stadt Trier: „Wir stehen alle auf den Schultern von Karl Marx.“  An den Veranstaltungen zum 150. Todestag hatte sich das Bistum noch nicht beteiligt, heute scheinen sich Katholizismus und Marxismus ein Stück näher gerückt zu sein.  Rössel räumte ein, der Kirche sei durchaus bewusst, dass im alten Konflikt zwischen Arbeit und Kapital der Mensch heute keinen Platz mehr habe. „Viele wünschen sich eine sinnstiftende Arbeit.“

Karl Marx kam aus einer klassischen Bildungsbürgerfamilie. Der Vater, ein angesehener Rechtsanwalt, war konvertierter Jude. Das Wohnhaus der Familie mit einem wunderschönen, von hohen Mauern umgebenen Garten, wurde 1927 von der SPD gekauft, 1933 von den Nazis beschlagnahmt, vom NSDAP-Kreisleiter bewohnt und 1947 an die SPD zurückgegeben.

Der deutsche Denker im englischen Exil

Seit 1968 ist es ein lebendiges Museum, betrieben von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Stolz zeigt man dort den von Hinterbliebenen der Marx-Familie jüngst erworbenen Lesesessel des großen Denkers, der ihn auf allen Fluchtwegen durch Europa begleitet hat und in dem er angeblich auch gestorben ist.

Der Oberbürgermeister der Stadt, Wolfram Leibe erinnerte daran, dass Marx seit der Niederschlagung der 1848er Revolution ein politischer Flüchtling war, vertrieben aus dem preußischen Deutschland, vertrieben aus Paris und Brüssel. Eine neue Heimat, allerdings in bitterster Armut, fand er mit seiner Familie erst wieder in London. Seine Frau Jenny von Westfalen, gebildet wie er, enge Ratgeberin, hatte ein hartes Leben mit dem Philosophen: Vier von sieben Kindern starben, Hunger gehörte zum Familienalltag in Soho. Ohne die ständigen Zuwendungen von Friedrich Engels, dem Freund und Wuppertaler Fabrikanten, wäre die Familie wohl verhungert.

Malu Dreyer zeigt Verständnis für Debatten

Während einer Pressekonferenz mit Journalisten aus der ganzen Welt sagte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD), ja, sie könne verstehen, dass manche Trierer mit diesem Ausstellungsjahr ihre Probleme hätten. Was sie damit meinte, war wohl nicht nur der Rummel in der Moselstadt, sondern auch die Tatsache, dass weltweit Marx-Büsten von den Sockeln geholt werden, dass der Marxismus in vielen Ländern eine Blutspur hinterlassen hat und sein Begründer in Trier dennoch geradezu euphorisch gefeiert wird. Die neue milde Sicht auf Karl Marx und sein Werk hat natürlich auch damit zu tun, dass spätestens seit der Bankenkrise nun der Kapitalismus vom Sockel geholt wird, dass Menschen den Verlust ihrer Arbeit fürchten.

Der erste wuchtige Satz im Kommunistischen Manifest, geschrieben 1848, lautet: „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus.“ Heute treibt nicht mehr die Angst vor dem Kommunismus die Menschen um, sondern die Angst vor einem zynischen, menschenverachtenden Kapitalismus. Auch das mag ein Grund dafür sein, dass die Trierer ihren Marx heute unbefangen feiern können.

Marx lebt weiter als Ampelmännchen in Trier

Und sie tun das nicht nur mit den wunderbaren Ausstellungen von Land, Stadt, Katholischer Kirche und Friedrich-Ebert-Stiftung, sondern durchaus auch augenzwinkernd in der Stadt. Die Fußgängerampeln nahe dem Geburtshaus zeigen Marx als Ampelmännchen. Man kann einen Geldschein „Wert 0“ mit dem Konterfei von Karl Marx in Souvenirshops erwerben. Es gibt Marx-Büsten in knallrot oder aus weißem Gips mit roter Häkelmütze. Zwei Schauspieler, der eine als 17jähriger Schüler Karl, der andere als alter Marx, schlendern durch die Stadt.

Vielleicht kann man ihn so unbefangen feiern, weil das Schreckgespenst heute eher Kapitalismus als Kommunismus heißt. Seitenweise möchte man den wortmächtigen politischen Philosophen zitieren, weil das, was er in einer ganz anderen Zeit schrieb, so aktuell erscheint: „Nach uns die Sintflut ist der Wahlspruch jedes Kapitalisten.“ Oder: „Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten.“ Oder: „Wir sind nicht Eigentümer, nur Nutznießer der Erde.“

Marx ist tot, meinten viele nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Doch wer heute die sehr politischen Ausstellungen in Trier besucht, kommt zu einem anderen Schluss: Marx lebt.

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Kommentare

Karl Marx und sein Erbe

Karl Marx, Friedrich Engels, Ferdinand Lassalle und Wilhelm Emmanuel von Kettler. Das sind nicht nur aus der gleichen Epoche stammende Gründerväter der sozialen Bewegung, sondern auch z.T. Weggefährten, wie es die Korrespondenzen untereinander zeigen.

D. h. nicht, dass sie im Grunde genommen um ein gemeinsames Verständnis für die aufkommenden Arbeiterfrage ringen, aber gerade in der sozialen Frage große Schnittmengen untereinander aufweisen.

Das die katholische Soziallehre auf den Schultern von Marx steht, ist daher im Katholizismus ein unumstößliches Diktum. Auch wenden sich später alle vier und damit Marx selbst von einem sich verselbständigenden Marxismus ab.

Zwar propagiert Marx als Folge seiner Wirtschafts- und Gesellschaftstheorien als Übergang eine revolutionäre sozialistische Diktatur, um die Utopie einer klassenlosen Gesellschaft zu erreichen. Aber er erlaubt eine sozialdemokratische Interpretation einer sozialreformerischen Politik.

So eint Marx auch heute noch die SPD mit Blick auf eine sozialutopische Devolution, der Gewerkschafts- und Arbeitnehmerbewegung einen unverbrüchlichen Arm anzubieten, und so gegenüber der Wirtschaft eine starke Stellung zu geben.

ja, das wäre schön, aber über solche Fragestellungen ist

die Zeit hinweggegangen. Das ist Tradition und Brauchtum oder- neudeutsch "Heimat", und ist doch nichts mehr als Ausdruck eines erheblichen, wenn nicht eines Totalverlusts. Kein Hahn kräht danach- die Musik machen heute andere (Themen). Es wäre schön, wenn sich die SPD diesen einmal zuwenden würde.

Dann klappts auch wieder bei den Wahlen.

Unsere regionalen Bemühungen auf unterster Ebene, in einem Dorf mit 300 Einwohnern, waren überschattet von den in den Medien gesetzten Themen der Parteiführung. Auch wenn diese nur unter erheblichen Anstrengungen mit dem Kommunalwahlen in SH in Verbindung zu bringen wären- wurde uns der der Familiennachzug für Araber, mehr Geld für Europa aber kein Anschluss an den überregionalen ÖPNV u.a.m entgegengehalten. "Du bist ja "n fein Kerl, aber die SPD, nein..." .

Das sind die Verhältnisse vor Ort, in den Redaktionsstube sieht das anders aus, jedenfalls nach Maßgabe der hier im Vorwärts gesetzten Themen. Bitte nicht weiter so!

Karl Marx

Zunächst ist es wichtig, dass Karl Marx in seiner Geburtsstadt endlich zu Ehren kommt. Wenn manche dagegen demonstrieren, weil in seinem Namen Greueltaten verübt wurden, muss man, wie Malu Dreyer bei der Feier richtig sagte, entgegenhalten, dass "die Verbrechen, die in seinem Namen begangen wurden, ihm nicht angelastet werden können". Ebensowenig wie man Jesus Christus die Verbrechen, die in dessen Namen begangen wurden, dafür verantwortlich machen kann.

Nicht verstanden habe ich, dass die Organisatoren ausgerechnet den konservativen J.-C. Juncker als Festredner eingeladen haben. Denn mit seiner Ehrenbürgerschaft beschäftigte sich Juncker in seiner Rede mehr als mit den Inhalten von Karl Marx. Hierzu wären namhafte Wissenschaftler, z.B. Bernd Faulenbach oder Peter Brandt, geeigneter gewesen.

Ebenso unverständlich ist mir die Einladung an Günther Jauch, um die Geburtsurkunde von Marx zu verlesen. Denn Jauch hat sich, als es um diese Beurkundung durch seinen Vorfahren ging, geäußert: "Und damit hat das Elend angefangen." Vermutlich weiß Jauch nicht einmal, dass es gerade Karl Marx war, der sich im Gegensatz zu Jauch tatsächlich mit dem Elend der Menschen beschäftigt hat.

Karl Marx

Wieviel Honorar hat Jauch dafür erhalten, dass er die Geburtsurkunde vorlesen durfte? Es wäre doch sinnvoller gewesen, den aktuellen Standesbeamten, den Genossen OB Wolfram Leibe, damit zu beauftragen, als einen Multimillionär, der mit Karl Marx wirklich nichts, aber auch überhaupt nichts, am Hut hat.

Umverteilung unumgänglich

Diejenigen, die heute als Reiche und Superreiche von der kapitalistischen Produktionsweise massiv profitieren, haben Angst vor dem "Gespenst des Kommunismus", weil sie um ihre Pfründe fürchten.
Sollte es zu einer Umverteilung kommen, wäre dies zwar überaus gerecht und zu befürworten, aber diejenigen, die bisher wie die Maden im Speckt leben durften, fühlten sich dann benachteiligt.
Aus deren Sicht vielleicht verständlich, aber um der sozialen Gerechtigkeit willen unvermeidlich.

Sogar die Katholiken haben sich mit Marx versöhnt

Diese Versöhnung war schon sehr lange überfällig!
Der Kategorische Imperativ von Karl Marx lautet:
"...alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch er erniedrigtes, ein
geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist."
Wer sich nicht vorstellen kann, dass auch Jesus von Nazareth, der Sohn des Zimmermanns - den Christen als den eingeborenen Sohn Gottes bekennen - diesen Satz als antiker Sozialrevolutionär gesagt haben könnte - wird sich auch nicht vorstellen können, dass im Ersten Testament bei
Jesaja 5,8 steht: "Weh denen, die ein Haus zum anderen bringen und einen Acker an den anderen rücken, bis kein Raum mehr da ist und sie allein das Land besitzen." Wie Karl Marx wäre Jesus gegen Landgrabbing, Ausbeutung, Naturzerstörung um des Selbstzweckes des Profits willen, gegen Ausländerhetze, Flüchtlingsdiskriminierung. Wir können viel von Jesus und Karl Marx lernen - unabhängig davon ob wir Juden, Christen, Muslime oder Atheisten sind. Die Voraussetzung für dieses Lernen ist lediglich, dass wir 'Menschen des guten Willens' sind. DAZU wurden uns die Anlagen 'in die Wiege gelegt'. Das permanente Leben dieses GUTEN WILLENS müssen wir aber selbst bewerkstelligen.

Wer setzt eigentlich die "globalen" Trends ?

Liebe Genossinnne, liebe Genossen,
Wenn Ihr wissen wollt warum unsere SPD aktuell trotz vollmundiger Wahlversprechen für ein Weiterso bei aktuell 17 % Zustimmung (Emnid) liegt dann sei Euch die traurige Vorstellung von Genossen Olaf Scholz bei Anne Will an´s Herz gelegt. In Zeiten wo selbst Wirtschaftsbosse die Analysen von Karl Marx bezüglich des Scheiterns eines ungezügelten Kapitalismus uneingeschränkt anerkennen, fällt ihm nichts anderes ein als von "globalen Trends" zu faseln, denen wir uns nicht entziehen können.
Hallo ?!!! Wer bitte setzt denn die globalen Trends des immer schneller immer höher immer weiter ?! Und wer bitte hat es versäumt frühzeitig die nötigen Rahmenbedingungen zu setzen ? Wer bitte vollendete entgegen aller Warnungen bezüglich Klimafolgen und Gigantomanie die Elbvertiefung in Hamburg durch ? Wer bitte gehört genau zu der Politikergeneration (für mich SPD/Alt) die diese globalen Trends setzte ? Und wer bitte macht noch immer allenfalls zaghafte reaktive Politik statt proaktiv Gegentrends zu setzen (s. Digtaliserung incl. diesbezüglich fehlender wirksamer. Sicherheits- und Steuerpolitik !). Kein Rückenwind aus Berlin für die kommunalen Wahlkämpfer !!!

Über globale Trends und reaktive Politik

Wer soll eigentlich wem dienen? Die Wirtschaft den Menschen oder die Menschen der Wirtschaft ? Wirtschaft zum Selbstzweck superreicher Größtunternehmer die ihr Geld in (Deutschlands) Metropolen in Form von Luxus-Immobilien (Leerstand wird gerne in Kauf genommen, es lohnt sich trotzdem !) anlegen und die eingesessene Bevölkerung verdrängen?. Einer der globalen Trends !! Wer setzt eigentlich seit Jahrzehnten die Rahmenbedingungen für diese Entwicklung ?

http://mediathek.daserste.de/Anne-Will/200-Jahre-Karl-Marx-wie-sozial-is...

Wer für wirkliche Erneuerug dieser mehr als überholten allenfalls reaktiven SPD-Politik eintreten will und eine Politik unterstützt die "globalen Trends" etwas entgegensetzen wird, diejnige / derjenige kann die Progressive soziale Plattform (initiiert aus fortschrittlichen, proaktiven Teilen der SPD) mit seiner Unterschrift unterstützen. Ab 5.000 geht´s los ! Es fehlen nur noch wenige hundert ! Eine Chance gerade auch für die kommunalen Wahlkämpfer frische Impulse zu setzen u. über die niederschwellige überparteiliche Plattform und überzeugende Argumente neues Vertrauen zu schaffen ! www.plattform.pro,

Gespenst

hätte die Autorin dieses Artikels doch wenigstens den 2. Satz des KM gelesen, dann hätte sie mitgekriegt wer dieses Gespenst fürchtet.
"Alle Mächte des alten Europa haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dies Gespenst verbündet, der Papst und der Zar, Metternich und Guizot, französische Radikale und deutsche Polizisten."