Globaler Kampf gegen die Pandemie

Kanada und Corona: Grenzen dicht bis Ende Juni

Raoul Gebert25. März 2020
Kanada setzt bisher auf freiwillige Maßnahmen im Kampf gegen das Corona-Virus.
Kanada setzt bisher auf freiwillige Maßnahmen im Kampf gegen das Corona-Virus.
Die Kanadische Regierung schnürt bereits Rettungspakete für die Wirtschaft, setzt ansonsten aber bisher auf freiwillige Distanzierung in der Gesellschaft um die Ausbreitung des Corona-Virus zu hemmen.

Die Epidemie ist in Kanada noch in den Anfangsstadien, aber es sind trotzdem bereits Fälle in allen größeren Bevölkerungszentren und Provinzen aufgetreten. Am Abend des 17.3. hat die Regierung eine Gesamtzahl von 569 bestätigten Fällen bekannt gegeben. Acht Menschen sind bis jetzt an dem Virus gestorben. Sechs davon stammen aus demselben Pflegeheim in der Nähe von Vancouver, die beiden anderen Todesopfer waren ebenfalls weit über siebzig Jahre alt. Das Gesundheitssystem in Kanada ist modern und gut organisiert, und Kanadier sind generell staatlich krankenversichert. Damit ist der Großteil der Bevölkerung eigentlich gegen eine Epidemie des jetzigen Ausmaßes gut gewappnet.

Nachdem die Regierung Trudeau Grenzschließungen zunächst vermieden hatte, haben sich die Entscheidungsträger nun doch dem enormen Druck in den Medien und aus den USA gebeugt und die kanadischen Grenzen am Mittwoch für Nicht-Einwohner des Landes geschlossen.

Zwangsmaßnahmen wie Quarantäne und Ausgangssperren sind in dem sehr liberal eingestellten Land nicht angedacht, aber es wird eine freiwillige Distanzierung von 14 Tagen empfohlen. Viele Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen, Universitäten, Freizeit- und Sportanlagen, Bars und Discos sind geschlossen. Konzerte und Kongresse sind abgesagt. Auch die kanadische Eishockeysaison ist unterbrochen. Restaurants und Geschäfte können unter gewissen Auflagen geöffnet bleiben.

Erste Rettungspakete auf dem Weg

Die Regierungen haben erste Rettungspakete in Milliardenhöhe für Unternehmen und Selbstständige auf den Weg gebracht. Die kanadische Zentralbank hat ihren Leitzins schon in der vergangenen Woche auf 0,75 Prozent gesenkt. Es bleibt also wenig weiterer Spielraum, um die Wirtschaft nach der Krise wieder anzukurbeln. Der kanadische Dollar ist gegenüber dem US-Dollar um über 10 Prozent eingebrochen. Der Leitindex TSX an der Börse in Toronto hat seit dem Februar bis zu 30 Prozent eingebüßt.

Die Zustimmungswerte der Provinzregierungen, die die stärksten Maßnahmen ergriffen haben, sind in die Höhe geschnellt, während die Bundesregierung unter Justin Trudeau für ihre späte Grenzschließung sehr in der Kritik steht. Die freiwillige Distanzierung wird von der kanadischen Bevölkerung sehr gut aufgenommen, während sich die Begeisterung für Zwangsmaßnahmen in Grenzen hält.

Schwierig bleibt es für Eltern, die nicht von zuhause aus arbeiten können, da Kitas und Schulen geschlossen sind und universelles Krankengeld der staatlichen Krankenversicherung schlichtweg nicht existiert. Die Betroffenen müssten also Anträge auf Arbeitslosengeld stellen, welche Selbstisolierung als „Kündigungsgrund“ allerdings nicht vorsehen. Kurzarbeit existiert in Kanada so gut wie gar nicht.

Sinkender Ölpreis verschärft Wirtschaftskrise

Die wirtschaftlichen Folgen sind enorm. Der eingebrochene Ölpreis verschärft die seit 2015 anhaltende Krise in den Ressourcen-Provinzen des kanadischen Westens noch einmal. Da die kanadische Arbeitslosenversicherung nur etwa 40 Prozent der einzahlenden Angestellten mit Ersatzleistungen versieht (60 Prozent erfüllen die notwendigen Kriterien nicht, sie arbeiten beispielsweise zu wenige Stunden im Jahr) und Selbstständige komplett ausschließt, ist die Frage der Einkommensverluste durch die Epidemie ganz besonders brisant. Der sehr liberale kanadische Arbeitsmarkt, der 2018 und 2019 gerade erst wieder Fahrt aufgenommen hatte, wird also über längere Zeit mit den Auswirkungen dieser Krise zu kämpfen haben. Auch die Pensionsfonds, die weitestgehend privatisiert und damit von den globalen Finanzmärkten abhängig sind, werden eine Weile benötigen, um sich zu stabilisieren.

Dieser Artikel erschien zuerst im IPG-Journal am 19. März.

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Kommentare

Nach Kanada kann man also

Nach Kanada kann man also auch nicht mehr auswandern. Wie wäre es dann vielleicht aber mit dem coolen Schweden?
https://www.blick.ch/news/ausland/trotz-ueber-2500-infizierten-in-schwed...