Kabarett in Corona-Zeiten

Kabarettist Florian Schroeder: „Das Klima der Unvernunft macht mir Sorge.“

Kai Doering19. Mai 2020
„Der wirkliche Ausnahmezustand ist anders, als ich ihn mir in meinem Programm vorgestellt habe.“ Kabarettist Florian Schroeder tritt in Corona-Zeiten vor allem im Internet auf.
„Der wirkliche Ausnahmezustand ist anders, als ich ihn mir in meinem Programm vorgestellt habe.“ Kabarettist Florian Schroeder tritt in Corona-Zeiten vor allem im Internet auf.
Kabarettist Florian Schroeder tritt zurzeit täglich auf – allerdings nicht auf der Bühne, sondern bei Instagram. In seiner „Quarantäne-Show“ war auch schon Lars Klingbeil zu Gast. Im Interview spricht Schroeder über Humor in Corona-Zeiten und sagt, warum er Peer Steinbrück vermisst.

Was macht ein Kabarettist im Homeoffice?

Eigentlich dasselbe wie sonst auch. Wenn ich nicht gerade auf Tour bin, arbeite ich ja permanent im Homeoffice und bereite das vor, was auf Bühnen, im Fernsehen und im Radio von mir zu hören und zu sehen ist. Insofern hat sich durch Corona für meinen Alltag nicht so viel geändert – außer dass ich das, was ich zurzeit produziere, nicht mehr live vor Publikum erzählen kann.

Ihr aktuelles Programm hieß schon vor Corona „Ausnahmezustand“. Wie erleben sie den in der Wirklichkeit?

Der wirkliche Ausnahmezustand ist auf jeden Fall anders, als ich ihn mir in meinem Programm vorgestellt habe. Meine These ist ja, dass wir in der Gesellschaft schon vor Corona permanent davon geredet haben, dass ein Ausnahmezustand herrscht. Die Pandemie kehrt die Situation nun um: Jetzt haben wir einen wirklichen Ausnahmezustand und all das, was wir in den vergangenen Jahren an apokalyptischen Thesen hatten, kommt uns mit einem Mal eher lächerlich vor.

Überrascht es Sie, wie die Menschen mit dieser Situation umgehen?

Eigentlich nicht. Ich erlebe die meisten Menschen in meinem Umfeld als sehr vernünftig und erstaunlich reflektiert, gerade was die überaus problematischen Grundrechtseinschränkungen der vergangenen Wochen angeht. Seit kurzem habe ich allerdings das Gefühl, dass sich unter dieser Ruhe etwas zusammenbraut, das problematisch werden könnte – von den Wissenschaftsskeptikern bis zu den Verschwörungstheoretikern. Dieses Klima der Unvernunft, das sich zusehends durchsetzt, macht mir Sorge.

Sind Krisenzeiten Hochzeiten für Kabarettisten, weil sich die Menschen nach Ablenkung sehnen?

Zeiten wie diese sind zumindest außergewöhnliche Zeiten. Für Kabarettisten ist es da wie für Journalisten: Alles, was außergewöhnlich ist, ist erstmal interessant und bietet sehr viel Material. Von dem Gedanken, dass es bessere und schlechtere Zeiten für Kabarettisten gibt, habe ich mich aber schon länger verabschiedet. Für mich sind eigentlich immer gute Zeiten.

Statt auf der Bühne findet Ihr Programm zurzeit im Internet statt mit einer täglichen Quarantäne-Show auf Instagram. Wie sind Sie darauf gekommen?

Das war eine spontane Idee. All meine Auftritte waren mehr oder weniger von einem Tag zum anderen abgesagt und ich habe mir überlegt, was ich noch für Möglichkeiten habe, mit meinem Publikum in Kontakt zu kommen. Dann bin ich recht schnell auf die Idee gekommen, das Tagesgeschehen im Internet zu kommentieren. Nachdem ist das eine Woche lang jeden Abend für eine Dreiviertelstunde gemacht hatte, habe ich den sehr geschätzten ZDF-Kollegen Jo Schück von „aspekte“ als Gast eingeladen. Das hat sehr gut funktioniert und nun spreche ich fast jeden Abend mit einer anderen prominenten Person auf. Das ist nicht nur für mich abwechslungsreicher, sondern auch für die Zuschauer.

Wie ist es, ohne Publikum aufzutreten?

Da kommen mir zwei Dinge zu Gute: zum einen meine Radio-Erfahrung, wo man ja in ein Mikrofon spricht, ohne dass irgendjemand reagiert, und zum anderen die zahlreichen Kommentare, die in Echtzeit auf Instagram reinkommen, die bringen Interaktion, wenn auch nicht physisch. In meiner Quarantäne-Show versuche ich immer, darauf zu reagieren und das Publikum einzubeziehen. Und ehrlich gesagt finde ich es auch ganz schön, mal etwas zu machen, das nicht direkt auf die Reaktion und den Applaus eines Publikums abzielt. Ohne Publikum bin ich freier und improvisiere mehr.

Das klingt alles sehr positiv. Der einzige Haken ist, dass Sie mit Ihrer Quarantäne-Show kein Geld verdienen. Wovon leben Sie zurzeit?

Mein großes Glück ist, dass meine Fernsehsendungen weiterlaufen und ich auch weiter Radiokolumnen machen kann. Ansonsten lebe ich wie die meisten meiner Kollegen im Moment auch von Rücklagen. Ich sehe diese Zeit auch ein bisschen als „Payback-Time“, um es mal wie ein Einzelhandelskaufmann zu formulieren: All die Jahre haben Menschen Geld für meine Shows bezahlt. Nun kann ich ihnen – hoffentlich – etwas zurückgeben.

In dieser komfortablen Situation sind viele andere Künstler*innen nicht. Bei denen geht es zurzeit ans Eingemachte. Befürchten Sie das große Sterben der Kleinkunst durch Corona?

Ich hoffe sehr, dass es nicht so weit kommt, halte es aber durchaus für möglich. Wenn wir nicht aufpassen, findet im Kulturbereich durch Corona eine brutale Flurbereinigung statt, die für eine ungeheure Tristesse sorgen kann. Noch haben wir in Deutschland ja die großartige Situation, dass man an fast jedem noch so kleinen Ort eine Bühne ist, auf der viel kulturelles Leben stattfindet. Das ist durch Corona massiv gefährdet. Die Szene könnte danach deutlich kleiner sein. Aber noch habe ich Hoffnung

Der deutsche Kulturrat beklagt, dass die Soforthilfen für Solo-Selbstständige und Kleinunternehmer*innen an vielen Künstler*innen vorbeigehen. Wie könnte denen geholfen werden?

Das ist ein sehr schwieriges Thema, denn es hängt sehr stark davon ab, wo die Künstler wohnen. Manche Bundesländer leisten tolle Soforthilfe, andere sind da zickiger. Den Ansatz der Bundesregierung, freischaffenden Künstlern in der Corona-Krise Ausfallhonorare zu zahlen, wenn sie nicht auftreten können, finde ich begrüßenswert, aber rechtlich schwierig. Bisher gilt das leider nur, wenn die Kolleg*innen mit Institutionen einen Vertrag geschlossen haben, die vom Bund gefördert werden. Das ist ein Problem, denn dem großen Teil der freien Künstler hilft das null. Betroffen sind vor allem Leute, die auf kleineren Bühnen spielen, aber eben auch das riesige Umfeld: Techniker, Veranstalter, Agenturen, Freelancer, Grafiker und viele mehr. Alles liegt in dem Moment brach, in dem keiner mehr auftreten kann. Das lange Schweigen der Politik zur Kunst war erbärmlich. Lediglich Berlins Kultursenator Lederer und sein Hamburger SPD-Kollege Brosda waren hier eine rühmliche Ausnahme. Gerade vor dem Hintergrund, dass der Autoindustrie mit irgendwelchen Kaufprämien jetzt noch fett Kohle in den frisierten Auspuff geblasen wird. Um es drastisch zu formulieren: Für ein reiches, großes Land, das sich sonst einen darauf runterholt, das Land der Dichter und Denker zu sein, ist das eine Bankrotterklärung.

Die Bundesregierung wirbt dafür, dass dort, wo Veranstaltungen ausfallen, Gutscheine ausgegeben werden, statt das Geld zurückzuerstatten. Was passiert eigentlich mit den Karten für Ihre aktuelle Tour, die nicht genutzt werden können?

Die meisten Karten behalten ihre Gültigkeit. Wir sind gerade dabei, Ersatztermine für die Veranstaltungen zu finden, die wegen Corona ausfallen mussten und noch müssen. Den Zuschauern wird also nichts entgehen. Wo es keinen Ersatztermin geben kann, können alle Zuschauer ihre bereits gekauften Karten zurückgeben und erhalten dann natürlich ihr Geld zurück.

Ihr neues Programm ab Herbst wird „Neustart“ heißen. Was wünschen Sie sich für den Neustart nach Corona?

Ich wünsche mir, dass die Baustellen in der Gesellschaft, die während der Corona-Krise wie in einem Brennglas sichtbar werden, wirklich ernst genommen und bearbeitet werden. Dazu gehört in erster Linie das Bildungssystem, dessen unfassbare Schwachstellen wir gerade sehen. Dazu gehört aber auch unser Mobilitätsverhalten von Flügen bis hin zum öffentlichen Nah- und Fernverkehr und alle Orte, an denen Menschen und Tiere ausgebeutet werden – wie die Schlachthöfe. Ich hoffe sehr, dass durch die Krise nur wenige Arbeitsplätze verloren gehen werden und dass die Wunden, die Corona schlägt, schnell und gut verheilen werden. Wenn nach Corona nicht alles so weitergeht, wie es vorher war, wäre das schon ein Neustart. Meine Hoffnungen sind da allerdings begrenzt.

Normalerweise würden Sie in diesen Tagen mit Peer Steinbrück auf der Bühne stehen. Vermissen Sie ihn?

Ja, auch wenn wir ab und zu telefonieren. Ich vermisse ihn aber auch als Gesprächspartner und Ratgeber hinsichtlich der wirtschaftlichen Folgen dieser Krise. Peer Steinbrück hat einen ungeheuren Weitblick und durch seine Erfahrungen mit der Finanzkrise vor zehn Jahren  auch ein großes Bewusstsein für Krisensituationen. Er wäre ein guter Einordner dessen, was gerade passiert – also so etwas wie der Christian Drosten der Ökonomie. Ein tägliches Update könnte ich mir von ihm sehr gut vorstellen.

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