Kampagne „Kluge Köpfe brauchen Dächer“

Jusos warnen: Hochschulbildung wird zur sozialen Frage

Benedikt Dittrich09. November 2020
Knapper Wohnraum für Studierende – das gilt auch für die Schwabenmetropole Stuttgart.
Knapper Wohnraum für Studierende – das gilt auch für die Schwabenmetropole Stuttgart.
Die Wohnungsnot in Hochschulstädten ist weiterhin akut, warnt ein Aktionsbündnis. Der Kontostand der Eltern dürfe nicht über die Wahl des Studienorts entscheiden, kritisieren Juso-Hochschulgruppen.

Sebastian Zachrau kann sich einen ironischen Satz nicht verkneifen: „Um zu Hause zu bleiben, braucht man natürlich erst mal ein Zuhause.“ Die eindringlichen Appelle, die Pandemie zu bekämpfen, indem man möglichst viel Zeit alleine verbringt, am besten in den eigenen vier Wänden bleibt – das ist für viele Studierende kaum möglich, meint das Vorstandsmitglied aus dem Zusammenschluss der freien Student*innenschaften (fzs).

Dabei sind die Probleme nicht neu, trotz der neuen Kampagne „Kluge Köpfe brauchen Dächer“: Studierende drängen in einen stark umkämpften Wohnungsmarkt. Sie konkurrieren vor allem um innenstadtnahen sozialen Wohnraum in größeren deutschen Städten. Daran ändert auch die Coronakrise wenig. „Es ist eine spannende Zeit“, sagt Benjamin Weiss über den Semesterbeginn, „aber sie ist auch mit viel Unsicherheit verbunden.“ Der gebürtige Göttinger und Juso weiß, wovon er spricht: In der traditionsreichen Universitätsstadt ist seit vielen Jahren der Wohnraum knapp. Studierenden harren gerade zu Beginn in Sporthallen oder Zelten aus, bis im Wohnheim oder in einer Wohngemeinschaft ein Platz frei wird.

Sozialer Wohnungsbau – auch von Hochschulen

Deswegen plädiert das Aktionsbündnis aus Juso-Hochschulgruppen, Campus-Grünen und freien Studierendenschaften für mehr sozialen Wohnungsbau. Konkret nehmen die Nachwuchs-Akademiker*innen die Universitäten und Fachhochschulen in die Pflicht. In einigen Städten, so Weiss, läge der Anteil derjenigen, die in Wohnheimen untergebracht sind, viel zu niedrig.

Die Wohnheime werden von den Studierendenwerken vor Ort unterhalten, die als Institution der Hochschule von den Ländern finanziert werden. Der Zuwachs der Wohnheimplätze hat mit dem Anstieg der Studierendenzahlen in den vergangenen Jahren nicht Schritt gehalten, rechnet Weiss vor: „Es gab in Deutschland seit 2007 47 Prozent mehr Studierende, aber nur acht Prozent mehr Wohnheimplätze.“ Ein Extrembeispiel aus Hessen: „In Gießen kommen auf einen solchen Wohnheimplatz 1300 Bewerbungen.“

Ein anderes Beispiel: Bonn. Während die Uni an Beliebtheit gewinnt, weil sie Exzellenz-Auszeichnungen erhält, suchen immer mehr Studierende nach bezahlbaren Wohnraum. Gleichzeitig steigen die Mieten. Zachrau sieht darin einen Zusammenhang und kritisiert: „Das wird nicht zusammengedacht.“ Ostdeutsche Städte wie Erfurt, ergänzt Weiss, hätten lange Vorteile beim Thema bezahlbaren Wohnraum gehabt, doch das sei inzwischen auch vorbei.

Außerdem, das berichten neben Weiss auch Christina Markfort, Vorstandsmitglied der Campus-Grünen sowie Jonathan Dresch vom fzs, nehmen vielerorts die teuren Sanierungsprojekte zu. Luxusappartments können sich Studierende aber nicht leisten. Damit werde die Wahl des Hochschulorts immer mehr zur sozialen Frage. Doch der Geldbeutel der Eltern sollte nicht über den Studienort oder ein Studium generell entscheiden. „Jeder der will, soll studieren können“, fordert Zachrau. Die  Hochschulen müssten ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden und sie nicht allein auf den sozialen Wohnungsbau der Kommunen abschieben.

Deswegen fordern die Studierenden mit Blick auf die Bundestagswahl einen „Hochschul-Sozialpakt“. Eine der zentralen Forderungen: Das Wachstum eines Campus solle einhergehen mit zusätzlichem Wohnungsbau. Dafür bräuchten die Studierendenwerke aber auch mehr Geld von Bund und Ländern.

Unterstützung aus der SPD im Bundestag

Forderungen, die Oliver Kaczmarek aus der SPD-Bundestagsfraktion unterstützt. Die SPD-Fraktion trete für die Förderung studentischen Wohnraums ein, der Bund könne durch eine Grundgesetzänderung seit 2019 auch die Länder dabei finanziell unterstützen. „Damit sind die Länder, deren Aufgabe der soziale Wohnungsbau ist, in der Verantwortung“, so der bildungspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion. Er begrüßt die Kampagne der Studierenden. Diese sei „ein Appell, die Bedürfnisse der Studierenden ernst zu nehmen“. Die SPD wolle einen Hochschulsozialpakt aber weiter fassen: „Aus meiner Sicht muss die Entwicklung der gesamten studentischen Infrastruktur, also neben dem Wohnen auch Beratungsangebote, Betreuung und Mensen mit den steigenden Studierendenzahlen Schritt halten.“

Daran dürfte auch die Corona-Krise langfristig wenig ändern, trotz der derzeit vielen digitalen Lehrangeboten der Universitäten. Die SPD fordere eine bessere Finanzierung, über den „Qualitätspakt Lehre“, die digitale Lehre solle die Präsenzlehre aber ergänzen und nicht ersetzen, sagt Kaczmarek: „Das gelebte Studieren an einer Hochschule ist eine wichtige Erfahrung für die persönliche Entwicklung.“ Eine „digitale Hochschule“ sieht der Sozialdemokrat nicht als geeignetes Mittel, um den studentischen Wohnungsmarkt zu entlasten.

Weitere Forderungen der Kampagne „Kluge Köpfe brauchen Dächer“ finden sich auf der Seite des Aktionsbündnisses.

weiterführender Artikel

Kommentare

der Artikel bringt es

auf den Punkt. Die Wohnungsnot in den Hochschulstandorten schliesst sozial schwächere vom Bildungsaufstieg aus.
Da muss die Frage berechtigt sein, ob Schutzsuchenden gerade in Hochschulstandorten Schutz gewährt werden muss, oder ob sie nicht auch an anderen Orten geschützt werden könnten, wenigstens solange wie der Wohnungsmarkt dort so angespannt ist wie derzeit.

... ob Schutzsuchende gerade in Hochschulstandorten ...

Der Wohnungsmarkt so wie er jetzt ist - zu dem auch die SPD durch 'Inkaufnahme' mit beigetragen hat - bleibt noch auf
Jahre hin angespannt, selbst wenn man jetzt beginnen würde massiv Wohnungen zu bauen und anzubieten, die bezahlbar wären, was aber real so gut wie gar nicht geschieht.

Merken Sie nicht, dass Sie Gefahr laufen 'Schutzsuchende' im Zusammenhang mit dieser Problematik zu Sündenböcken aufzubauen?!

nein, diese keule

verfehlt ihr Ziel. Wenn wir ein Problem haben mit den Beschränkung des Bildungsangebots, dann müssen wir dies lösen.
Wir können es aber auch sein lassen, dann sollten wir dies aber auch sagen.

Sie verbieten nachgerade jede Diskussion um die Frage, wo wir den Schutzsuchenden Schutz bieten sollten. Wenn sich jeder da niederlassen kann, wo er will, dann resultieren daraus die Zustände, die wir heute in den Universitätsstädten beklagen, bzw meinen beklagen zu müssen, weil sie den Bildungsaufstieg der indigenen, aber auch der zugereisten Bevölkerung ausschließen.

... diese Keule

Ich kann, darf und will Ihnen gar nichts verbieten. Aber ich fasse Ihre Argumentation so auf (und das darf ich),
dass Sie Problemkreise mit einander verbinden, die nichts miteinander zu tun haben! Und deshalb laufen Sie nach meiner
Ansicht Gefahr Sündenböcke zu kreieren. Die Wohnungsknappheit in Deutschland hat seit Jahrzehnten (!) ganz erheblich andere Gründe als die Wohnungsbelegung durch Schutzsuchende. Informieren Sie sich. Das ist leicht möglich!

gerade weil die Zusammenzhänge

evident sind, dürfen sie nicht unter den Teppich gekehrt werden, wenn wir verhindern wollen, dass die, ohne die der Wohnungsnotstand nicht in diesem Maße entstanden wäre, zu Sündenböcken gemacht werden. Wir haben nahezu 2 Mio Menschen aufgenommen in den letzten vier Jahren, und verfügen natürlich in den Universitätstädten nicht auf über die Menge an Wohnraum, die vonnöten wäre, um diese Menschen, die es in diese Städte zieht , in diesen Städten mit Wohnungen zu versorgen. Unter der daraus resultierende Verdrängung leiden insbesondere die sozial schwachen Studenten. Während die Schutzsuchenden auch anderenorts untergebracht werden können, können Studenten nicht außerhalb der Universitäten studieren. Es ist absurd , diese Zusammenhänge zu leugnen. Wer sie leugnet, stärkt in erster Linie die AfD- daran kann kein Interesse bestehen

Zusammenhänge / Es ist absurd

Ja es ist absurd Herr Freitag. Ihre Version zu Ende gedacht hieße: Keinen Wohnraum für Schutzsuchende in allen Städten/Gemeinden, in denen eine Universität, eine Hochschule, eine Fachhochschule angesiedelt ist. Dann kommen wohl die Städte dazu, in denen in Deutschland Bundeswehr- und Natokasernen mit Zivilangestellten angesiedelt sind. Denn diese Zivilangestellten benötigen natürlich auch Wohnraum in Konkurrenzsituation mit Schutzsuchenden. Und Und Und!

Nochmals: Die wahren Ursachen des Wohnraummangels für sozial Schwächere aller Couleur liegen ganz wo anders.
Nachlesen kann man das z.B. in

Sozialismus.de Supplement zu Heft 11/2020

Joachim Bischoff/Bernhard Müller
"Auf wessen Schultern?"
Die Corona-Pandemie befördert die soziale Ungleichheit

S. 48 - 60 ( 6. Untragbare Verhältnisse beim Wohnen )

Da fehlt noch ein wenig

Hochschulbildung/Studium war schon immer eine Frage des elterlichen Geldbeutels, die Disbalance wurde allerdings Dank Agenda und weiteren asozialen Gesetzgebungen seit 1998 erheblich verschärft.
Die Erhöhung des behördlichen und finanziellen Drucks, möglichst schnell eine wie auch immer geartete Arbeit aufzunehmen sorgt dafür, das Familien den Studienwunsch ihrer Kinder nicht adäquat unterstützen können. Statt wie hier nur die Ausgabenseite zu betrachten, die - ebenso wie der Mangel an bezahlbaren Wohnheimen - sicher Thema ist darf die seit Agenda verschlechterte Finanzsituation der Familien nicht vergessen werden.

Qualität der unterfinanzierten ("Kopiergeld", Renovierungsarbeiten durch Eltern, Fördervereine, etc. sind Symptome dafür) staatlichen Schulen im Vergleich zu privat finanzierten Lehrinstituten müßte ebenfalls betrachtet werden. Es ist eben nicht nur ein Einzelfaktor sondern ein ungesundes Gemisch aus politischen Fehlstellungen in vielen Bereichen.

Wohnungsnot und vor allen

Wohnungsnot und vor allen Dingen die hohen Mieten in Uni-Städten mal hin und her. Bevor man ein Studium aufnehmen kann, müssen auch die schulischen Voraussetzungen erbracht werden. Hier liegt doch schon der Hase im Pfeffer. Kinder deren Eltern die Schüler angefangen von der Grundschulde an begleiten und helfen können bzw. u.U. in der Lage sind, Nachhilfe finanzieren können, sind klar im Vorteil. Zweifel am schulischen Bildungsangebot müssen aufkommen, wenn man die gewerblichen Angebote für Nachhilfe, die es fast bis in jedes Dorf gibt, sich mal anschaut. Zudem müsste die Frage der Transportkosten für Kinder, die weiterführende Schulen besuchen, geklärt werden. Für notwendige Busstickets kommen m.W. immer noch die Eltern auf. Nicht alle Eltern können das.
Von Chancengleichheit im Bildungswesen ist DE meilenweit entfernt.