Europa am Scheideweg

Jugend in Europa: Nehmt uns endlich ernst!

Julia Korbik27. Juni 2016
Jugend in Europa
Nichts sehen, nichts sagen? Europas Jugend will endlich beteiligt werden.
Europa nimmt seine Jugend nicht ernst. Dabei ist es diese Jugend, die bestimmt, wie es mit Europa weitergeht. Ein Plädoyer für mehr Beteiligung

Vor ein paar Jahren, ich war damals Anfang 20, nahm ich an einer Veranstaltung in Straßburg teil. Mit anderen jungen Medienmachern diskutierte ich über Europa, darüber, ob es so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit gibt und wie wir diese gestalten können. Zu den Workshops waren auch ältere Journalisten eingeladen und einer von ihnen sagte mir: „Man könnte sagen, wir haben ­Europa aufgebaut – und ihr Jungen profitiert jetzt einfach davon.“

Dass sich die Jungen in Europa einbringen, ist unerwünscht

Natürlich wollte er provozieren. Aber gleichzeitig war mir klar: So denken wohl viele der älteren Generationen. Sie haben die Europäische Union entstehen sehen, Stück für Stück, durch Verträge und Abkommen. Sie haben vielleicht noch mitbekommen, wie das war, damals, nach dem Zweiten Weltkrieg, als Europa in Scherben lag – und niemand auch nur daran dachte, dass eines Tages eine deutsche Kanzlerin und ein französischer Präsident Hand in Hand über das ehemalige Schlachtfeld von Verdun spazieren werden. Es wurde viel in ­Europa, in die Europäische Union, investiert. Jüngere Generationen, darunter die meine, profitieren davon: Erasmus-Studium, Reisefreiheit, Frieden. Das haben wir den Generationen vor uns zu verdanken.

Das ist aber auch meistens alles, was uns bleibt: Dankbarkeit. Denn dass wir uns einbringen, Europa mitgestalten – das ist meistens nicht erwünscht. Bei Diskussions-Veranstaltungen zum Thema Europa sitzen oft nur Menschen ab 45 auf dem Podium. Wenn die Veranstaltung ganz progressiv ist, gibt es ein „Jugend“-Panel. Da dürfen Menschen in meinem Alter unter sich über Europa diskutieren. Unsere Gedanken mit älteren, erfahreneren Generationen zu teilen, das ist nicht drin.

Niemand hört den Jungen zu

Jede Generation hat ihre eigene, ­europäische Erzählung. Für manche war das einschneidende Ereignis das Ende des Zweiten Weltkriegs, für andere der Mauerfall. Oft wird diese Tatsache aber nicht akzeptiert: dass es verschiedene Erzählungen gibt. Dass es für meine Generation eben nicht der Zweite Weltkrieg oder der Mauerfall waren, die uns als Europäer geprägt haben. Oft habe ich den Eindruck, dass uns das in den Augen älterer Europäer disqualifiziert. Man hört uns nicht zu. Schließlich ist in Sachen Europa alles Wichtige irgendwie schon vor unserer Zeit passiert.

Auch die Politik hört uns nicht zu. 2015 waren in der EU insgesamt 5,1 Millionen Jugendliche arbeitslos. Es ist ­eine verlorene Generation, die da heranwächst, die keine Chancen bekommt und von der erwartet wird, dass sie es schon irgendwie selbst wieder hin­bekommt. Die arbeitslos ist oder sich von einem befristeten Vertrag zum nächsten hangelt, ein unbezahltes Praktikum nach dem anderen absolviert. Viele junge Menschen in südeuropä­ischen Ländern leben wieder bei ihren Eltern oder verlassen ihre Heimat, um ihr berufliches Glück im europäischen Ausland zu suchen. Und die Politik? 2013 gab es den ersten EU-Gipfel zum Thema Jugendarbeitslosigkeit. Passiert ist seitdem: nicht viel.

Kein Wunder, dass viele junge Menschen mittlerweile mit Europa und der EU fremdeln. Wenn man sich wertlos fühlt und Zukunftsängste hat, ist es schwierig, sich nur am europäischen Frieden erfreuen zu sollen. In Frankreich erfährt der rechtspopulistische Front National nicht zufällig so großen Zuspruch von der jungen Wählerschaft.

Jugend als kritisches Korrektiv

Europa nimmt seine Jugend nicht ernst. Dabei ist es diese Jugend, sind wir es, die in den kommenden Jahren und Jahrzehnten bestimmen, auch bestimmen müssen wie es mit Europa weitergeht. Für uns ist Europa so viel mehr als nur Wirtschaft und Politik. Wir wollen mitmachen, weiter an der europäischen Erzählung arbeiten – wenn man uns denn lässt. Eigentlich ist es doch gar nicht so schwer: Hört uns zu, nehmt uns ernst und bezieht uns ein. Wir haben jede Menge Ideen und Erfahrungen!

Einerseits, weil wir in einem vereinten Europa aufgewachsen sind und dadurch ein natürliches Verständnis davon haben, was Europa bedeutet. Das Europamotto „In Vielfalt geeint“ ist für uns mehr als nur eine Phrase – es ist gelebte Realität. Andererseits sind wir auch Kinder der Krise und können uns einen romantisierten Blick auf Europa nicht leisten. Wir sind ein oft enthusiastisches, aber auch kritisches Korrektiv. Lasst und also auf Augenhöhe diskutieren, genera­tionen- und nationenübergreifend. Und erinnert euch nicht nur dann an uns, wenn es darum geht, Wählerstimmen zu gewinnen oder wenn ihr bei Diskussionen eine „junge Stimme“ braucht.

Ja, wir jungen Europäerinnen und Europäer profitieren von dem Europa, das die Generationen vor uns aufgebaut haben. Aber wir wollen auch, dass die Generationen, die nach uns kommen, dasselbe Privileg haben.

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Kommentare

Jugendarbeitlosigkeit

Nach Abhoerskandal,Hoffnungslosigkeit in der Jugendarbeitlosigkeit+Wirtschaftskrise muss die EU Realitaet akzeptieren dass sie auf sichselbst gestellt ist+fuer sichselbst sorgen muss.Eigene EU-Armee zur Verteidigung m eigenen Kommunikationsmitteln.Natobuendnis sollte gekuendigt werden,Kriege+Sanktionen sofort gestoppt.Neue Handelsmoeglichkeiten sollten erschlossen werden.Von FallzuFall kann entschieden werden m welchen Laendern man noch zusammenarbeitet wenn Belange gleich sind.Ein Land wie China erschliesst sich viele Kontinente,waehrend Europa ueberall an Bedeutung verliert.Man macht falsche Bundnisse+verpasst die Geschichte.Hiermit wird sich EU viele tausende v Milliarden Euro ersparen+ungeahnte neue Handelsmoeglichkeiten erschliessen welche bis jetzt durch falsche Buendnisse verschlossen waren.Dies alles kann zugute kommen fuer Wirtschaft,Arbeitslose und europaeischen Ruf der jetzt sehr miese ist als Kriegstreiber,Sanktionenland,man ist hoerig an andere Laender

Wahrnehmung des Wahlrechts

Es wäre schon ein Fortschritt, wenn sich mehr junge Erwachsene an Wahltagen an die Urnen begeben würden, statt hinterher zu jammern, dass die ältere Bevölkerung die Richtung vorgibt.