Erinnerungskultur

Wie „Jugend erinnert“ das Gedenken an die NS-Verbrechen wach halten soll

Lars Haferkamp29. Januar 2019
Lebendige Gedenkkultur: Außenminister Heiko Maas (Mitte rechts) und Familienministerin Franziska Giffey (Mitte links) stellen am Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin das Programm „Jugend erinnert“ der Bundesregierung vor.
Lebendige Gedenkkultur: Außenminister Heiko Maas (Mitte rechts) und Familienministerin Franziska Giffey (Mitte links) stellen am Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin das Programm „Jugend erinnert“ der Bundesregierung vor.
Außenminister Heiko Maas und Familienministerin Franziska Giffey haben das Programm „Jugend erinnert“ vorgestellt. Es soll mehr Fahrten zu Gedenkstätten der NS-Terrorherrschaft und den Jugendaustausch zwischen Deutschland, Israel und Osteuropa fördern. So soll das Gedenken gegen Angriffe von Rechts geschützt werden.

Die weltweit als vorbildlich geltende Erinnerungskultur der Deutschen an die NS-Verbrechen steht unter Beschuss. Aus der AfD gibt es die Forderung, „eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“einzuleiten. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin als sichtbarer Ausdruck der Erinnerung wird etwa von AfD-Spitzenpolitiker Björn Höcke mit den Worten diffamiert, die Deutschen seien „das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat“.

Gegen Rassismus, Antisemitismus und Homophobie

Dagegen setzt die Große Koalition nun ein Zeichen. „Wir wollen vor allem jüngere Menschen dazu bewegen, Gedenkstätten zu besuchen.“ So hatten es SPD und Union bereits im Koalitionsvertrag vereinbart. Sie einigten sich darauf, das Programm „Jugend erinnert“ ins Leben zu rufen, „um Austausch und Begegnungen sowie Gedenkstättenfahrten mit entsprechenden Workshops für Schulklassen zu fördern“. SPD und Union wollen damit den Anstieg von Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus und Homophobie in Deutschland bekämpfen.

Bundesaußenminister Heiko Maas und Bundesfamilienministerin Franziska Giffey haben am Dienstag in Berlin Schwerpunkte des neuen Programms „Jugend erinnert“ vorgestellt. Sie präsentierten es bei einem Treffen mit Jugendlichen aus Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, dem Saarland, Sachsen und Sachsen-Anhalt am Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Dabei hatten die Jugendlichen den Ministern von ihren Eindrücken von Gedenkstättenfahrten berichtet. Im Mittelpunkt des Gesprächs stand das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus und die Frage, was die Jugendlichen für sich und ihre Zeit aus dem Erlebten mitgenommen haben.

Maas: Erinnerungskultur zukunftsfest machen

Außenminister Heiko Maas betonte die Bedeutung des Erinnerns für die Gegenwart. Jede Generation müsse sich das Gedenken neu erarbeiten. „Je näher die Zeit kommt, wenn wir nicht länger auf das unschätzbare Engagement so vieler Zeitzeugen werden zurückgreifen können, desto dringlicher müssen wir unsere Erinnerungskultur so entwickeln, dass sie auch in Zukunft Bestand hat“, so Maas. Das bedeute, historisches Wissen zu bewahren. Das Programm ‚Jugend erinnert‘ werde dazu einen wichtigen Beitrag.“

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hob das Ziel hervor, „möglichst vielen Jugendlichen den Besuch eines Lernorts der NS-Vergangenheit zu ermöglichen“. Die Jugendlichen würden immer wieder davon berichten, wie sehr sie die realen Orte der Verbrechen beeindruckt hätten. „Diese Erfahrungen konnten sie nur dort machen“, so Giffey. Deshalb ermögliche die Bundesregierung im Rahmen des neuen Förderprogramms „Jugend erinnert“ in den nächsten zwei Jahren rund 500 Gedenkfahrten, mit denen  2019 und 2020 insgesamt über 10.000 Jugendliche Gedenkstätten besuchen können.

Deutlich mehr Fördermittel

Das ist ein deutlicher Anstieg. 2018 wurden nur 142 Gedenkfahrten gefördert. Standen 2018 für Gedenkstättenfahrten 750.000 Euro zur Verfügung, werden es 2019 und 2020 2,5 Millionen Euro sein. Insgesamt stellt der Bundestag für die Förderung der Erinnerungskultur und der Begegnung junger Menschen fünf Millionen Euro zur Verfügung.

Ein weiteres Ziel von „Jugend erinnert“ ist es, bislang weniger besuchte Gedenkstätten besonders in den Fokus zu rücken und zu fördern. Dies gilt zum Beispiel für Besuche in Majdanek und Treblinka in Polen, Maly Trostenez in Belarus oder Theresienstadt in Tschechien.

Berlin und Warschau arbeiten zusammen

Unter der Schirmherrschaft des polnischen und deutschen Außenministers steht darüber hinaus ein Pilotprojekt zur Jugendbegegnung zwischen beiden Ländern. Schulklassen aus Deutschland und Polen sollen dabei zusammen Einzelschicksale von Opfern deutscher Kriegsverbrechen, der Shoa oder die Geschichte der Zerstörung von Kulturgütern in beiden Ländern aufarbeiten.

Schließlich werden auch bi- und trilaterale Begegnungen von Jugendlichen aus Deutschland, Israel und Osteuropa gefördert. Das soll in Gedenkstätten geschehen und durch gemeinsame Projekte zur Aufarbeitung von Geschichte und Erinnerung.

Giffey: Für vielfältige Gesellschaft eintreten

„Wer vor Ort erlebt hat, wohin Nationalismus und Rassismus führen, wird mit viel größerer Überzeugung für unsere freiheitliche Demokratie, eine vielfältige Gesellschaft und ein friedliches Europa eintreten und diese Überzeugung auch an die nächste Generation weitergeben“, betonte Familienministerin Franziska Giffey. „Das ist gerade in einer Zeit von enormem Wert, in der es wieder eine zentrale Aufgabe geworden ist, jeden Tag neu für die Werte unseres Grundgesetzes einzutreten.“

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