15. Todestag

Johannes Rau: Ein Patriot, ohne Nationalist zu sein

Renate Faerber-Husemann27. Januar 2021
Johannes Rau: Seine uneitle Herzlichkeit und sein Humor nahm die Menschen ein.
Johannes Rau: Seine uneitle Herzlichkeit und sein Humor nahm die Menschen ein.
Am 27. Januar 2006 starb Johannes Rau. Was ihn auszeichnete, waren nicht nur seine klaren politischen Positionen. Er griff auch gerne mal zum Telefon, um mit Menschen zu sprechen, die ihm Briefe schrieben.

Mit der Wahl zum Bundespräsidenten am 23. Mai 1999 ging Johannes Raus sehnlichster politischer Wunsch in Erfüllung. Doch der Anfang im höchsten politischen Amt des Landes war schwer. Nicht einmal die üblichen hundert Tage Schonfrist ließ man ihm. Den einen war er zu alt, die anderen hätten lieber eine Frau als Staatsoberhaupt gesehen, wieder andere hätten sich einen ostdeutschen Kandidaten gewünscht.

Klare politische Positionen

Kaum hatte der 68-jährige sich im Schloss Bellevue in Berlin eingerichtet, da fragten die Medien schon ungeduldig, wo denn die „große Rede“, also das zentrale Thema seiner Amtszeit bleibe. Doch als er fünf Jahre später seinen Schreibtisch räumte, da waren sich auch seine einstigen Kritiker einig, dass er ein Präsident gewesen ist, der dem Land gut getan hat.

Seine Wärme, seine unkomplizierte Art im Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen, seine klaren politischen Positionen haben dem Sohn eines Predigers aus Wuppertal Achtung und Zuneigung verschafft. Und nicht zu vergessen: Er war kein Träumer, sondern ein politischer Profi der beispielsweise als Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen 1985 für die SPD mit 52,1 Prozent aller Stimmen ein sensationelles Ergebnis einfuhr.

Ökonomischen Nutzen reduzieren

Jahr für Jahr hat Johannes Rau in seinen „Berliner Reden“ wichtige politische Themen grundsätzlich behandelt und an klaren Worten nicht gespart. Immer wieder variierte er sein Unbehagen darüber, dass die Menschen auf ihren ökonomischen Nutzen reduziert würden. Er beklagte, dass selten vom lebendigen, facettenreichen Land die Rede war, stattdessen häufig nur noch das Versagen des Wirtschaftsstandorts Deutschland beklagt wurde. In einer seiner letzten Reden formulierte er dieses Unbehagen klar:

„Haben wir uns vielleicht selber inzwischen so schlecht geredet, dass wir uns nichts mehr zutrauen? Nähern wir uns gelegentlich einer Art kollektiver Depression? Ich wüsste kein Land, in dem so viele Verantwortliche und Funktionsträger mit so großer Lust so schlecht, so negativ über das eigene Land sprechen, wie das in Deutschland geschieht.“

Geradezu biblischer Zorn war manchmal zu spüren bei dem Mann, dem seine Gegner vorwarfen,er sei zu versöhnlerisch, zu blass, wolle es immer allen recht machen: „Wir müssen erleben, dass einige, die in wirtschaftlicher oder öffentlicher Verantwortung stehen, ungeniert in die eigene Tasche wirtschaften. Das Gefühl für das, was richtig und angemessen ist, scheint verloren gegangen zu sein.“

Ein großer Anekdotenerzähler

Johannes Rau machte sich nach einem halben Jahrhundert in der Politik wenig Illusionen über die Veränderungen, die sich durch Reden erzielen lassen. Auf die Frage, ob er dennoch zufrieden sei mit der Wirkung, die seine Reden von Bildungspolitik bis Bioethik gehabt haben, antwortete er: „Mit der Resonanz ja, mit dem Ergebnis nicht.“

Der Bundespräsident war bei seinen Mitarbeitern berüchtigt dafür, dass er jeden Brief las, der an ihn persönlich adressiert war – und dann immer wieder zumTelefonhörer griff und die Menschen anrief, die ihm geschrieben hatten. „Mir hilft das, nicht abzuheben,“ sagte er „und zu glauben, das in der Presse veröffentlichte sei die Wirklichkeit.“

Johannes Rau war schon als Ministerpräsident ein großer Geschichten- und Anekdotenerzähler, der problemlos mit Menschen ins Gespräch kam, weil er ihnen die Befangenheit nehmen konnte. Gern tauchte er auch als Bundespräsident spät abends am Tresen einer Berliner Kneipe auf und verzichtete selbst im anstrengenden Amt nicht auf nächtliche Skatrunden. Seine sympathische Erklärung: „Ich hatte eine calvinistische Erziehung. Die Calvinisten sind schrecklich fleißig, die müssen das Spielen erst lernen, und wenn sie es gelernt haben, spielen sie intensiv.“

Politik als angewandte Nächstenliebe

Der Vater von drei Kindern, verheiratet mit einer Enkelin von Gustav Heinemann, vergaß auch im höchsten deutschen Staatsamt nicht zu leben: Da war der geliebte Hund Scooter, dem es an Erziehung fehlte, was er durch großen Charme ersetzte. Da waren immer wieder Begegnungen mit den sogenannten einfachen Menschen, auf die er wirklich neugierig war und die er mit seinen Geschichten zum Lachen brachte.

Seine uneitle Herzlichkeit und sein Humor nahm die Menschen auch auf seinen zahlreichen, anstrengenden Dienstreisen für ihn ein. In Israel war er bekannt wie der sprichwörtliche „bunte Hund“ und wurde auf der Straße von Menschen angesprochen. In Polen arbeitete er intensiv an der Versöhnung der beiden Länder, reiste immer wieder nach Warschau. Seine Antwort auf die Frage, was ihn antrieb, ob als Ministerpräsident, ob als Bundespräsident: „Ich nehme am liebsten das Wort von Hannah Arendt, die gesagt hat, Politik ist angewandte Nächstenliebe zur Welt. Das gefällt mir gut.“ Über sich selbst hat er einmal gesagt, er sei ein Patriot, ohne ein Nationalist zu sein.

Johannes Rau hat das Ende seiner Amtszeit im Sommer 2004 nicht lange überlebt. Erschöpft von vielen Krankheiten und Operationen starb er im Januar 2006 in Berlin. “Bruder Johannes“, wie seine Freunde den gläubigen Christen nannten, war ein Ausnahmepräsident. Unzählige Menschen trauerten um ihn und hatten Grund, ihm dankbar zu sein.

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