Willy-Brandt-Lecture

Jaron Lanier: Warum im Internet nichts kostenlos ist

Kai Doering11. Dezember 2018
Künstliche Intelligenz ist zu einer Art Religion geworden. Der Internetkritiker Jaron Lanier hielt die diesjährige Willy-Brandt-Lecture.
Künstliche Intelligenz ist zu einer Art Religion geworden. Der Internetkritiker Jaron Lanier hielt die diesjährige Willy-Brandt-Lecture.
Macht Künstliche Intelligenz das Leben der Menschen besser? Um die Frage drehte sich am Montagabend die Willy-Brandt-Lecture des Internetpioniers Jaron Lanier. Er warnte dabei vor Fake-Menschen und den scheinbar kostenlosen Angeboten im Internet.

Ob Willy Brandt wohl getwittert hätte? Die Frage hängt über den Köpfen der Menschen, die am Montagabend ins Allianz Forum am Pariser Platz in Berlin gekommen sind. Einmal im Jahr lädt die parteiunabhängige Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung zur „Willy-Brandt-Lecture“ eine „herausragende Persönlichkeit“ ein, „um im Geiste Willy Brandts Themen aufzugreifen, die für das Verständnis unser Geschichte sowie die Gestaltung unserer Gegenwart und Zukunft von zentraler Bedeutung sind“.

„Künstliche Intelligenz wird gesteuert“

In diesem Jahr ist es Jaron Lanier – für die einen „Computer-Halbgott“, für die anderen „der versierteste Kritiker des Internets“ wie ihn der Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung Wolfgang Thierse vorstellt. In jedem Fall ist Lanier Erfinder des Datenhanschuhs, mit dem die virtuelle Realität im wahrsten Sinne des Wortes greifbar wurde. Und er ist einer, der sich von der Forschung abwandte, um Musiker zu werden und vor den Auswüchsen der Künstlichen Intelligenz (KI) zu warnen.

„Künstliche Intelligenz ist zu einer Art Religion geworden, ähnlich den Religionen des Mittelalters“, kritisiert Jaron Lanier auch in seiner Vorlesung. „Wem sollte die Zivilisation dienen?“ lautet der Titel. Für Lanier ist klar, dass die Maschinen dem Menschen dienen müssen und nicht umgekehrt. Die aktuelle Entwicklung gehe allerdings in eine andere Richtung. Der Grund ist aus Lanier Sicht sehr einfach: „KI gehört immer jemandem“. Und: „KI wird von jemandem gesteuert, der Absichten verfolgt.“

„Künstliche Intelligenz ist Diebstahl“

Was klingen mag wie ein Verschwörungstheorie, illustriert Jaron Lanier mit einem alltäglichen Beispiel. Immer wenn jemand den Google-Translator benutze, um Sätze zu übersetzen, lerne der dahinterstehende Algorithmus dazu. Allerdings bezahle Google dafür nichts, sondern vertrete die Position, dass die Arbeit des Übersetzers mit ihrem Angebot überflüssig werde. „Sie sagen den Menschen ‚deine Arbeit ist überflüssig, aber wir brauchen dich, um von dir zu stehlen’“, bringt es Lanier auf den Punkt. „Wenn ich den Ausdruck Künstliche Intelligenz höre, höre ich immer Diebstahl“, sagt er.

Doch nicht nur die Konzerne seien ein Problem, sondern auch die Nutzer. Niemand sei bereit, für die Nutzung von Facebook, Twitter oder Google Geld zu bezahlen. In der Digitalisierung „gibt es aber nur neue Jobs, wenn wir akzeptieren, dass die Menschen auch dafür bezahlen werden“.

„Fake-Menschen zerstören unser Zusammenleben“

Ein weiteres Problem der schönen neuen Datenwelt sieht Jaron Lanier in Fake-Accounts in sozialen Netzwerken. Diese seien zwar kein neues Phänomen, ihr Einfluss nehme aber beständig zu, erklärt Lanier just an dem Tag, an dem bekannt wurde, dass die Diskussion über den UN-Migrationspakt maßgeblich von sogenannten Bots beeinflusst wurde. „Fake-Menschen zerstören unser Zusammenleben und unsere Kultur“, warnt Lanier.

„Was muss der Staat und was muss jeder Einzelne tun?“, will Ulrich Kelber im anschließenden Gespräch wissen. Er ist Informatiker, noch Bundestagsabgeordneter und ab Januar Bundesdatenschutzbeauftragter. „Es braucht Menschen außerhalb der Abhängigkeit“, antwortet ihn Jaron Lanier – und illustriert dies erneut mit einem Vergleich. Es sei noch nicht lange her, da hätte das Allianz Forum zum Zeitpunkt der Diskussion voller Zigarettenrauch gehangen. Das heute geltende Rauchverbot sei das Ergebnis eines Prozesses, an dessen Anfang sich eine Minderheit aufgelehnt und so etwas verändert hätte.

Die Politik sieht Lanier vor allem bei der Regulierung von Internetkonzernen in der Pflicht. Auch einen Preis für Daten wünscht er sich. Dass es funktionieren kann, Menschen für Immaterielles bezahlen zu lassen, zeige z.B. der Filmanbieter „Netflix“. Die emanzipatorische Kraft von sozialen Netzwerken wie sie häufig im Zusammenhang mit dem „arabischen Frühling“ betont wird, sieht Jaron Lanier dagegen kritisch. „Man kann sich nicht selbst ermächtigen auf einer Plattform, die jemand anderem gehört“, sagt er. Willy Brandt hätte also womöglich doch auf Twitter verzichtet.

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Kommentare

Es geht doch

Kai Doering kann auch gute Artikel schreiben, den die Meinung von Jaron Lanier sieht einiges absolut richtig im digitale Hype.

Dankeschön!

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