Integration

Islamkunde in der Schule

Die Redaktion05. Mai 2006

Sie kommen aus der Türkei, aus Bosnien, Arabien oder aus Afrika. Oder ihre Eltern. Fast 700 000 schulpflichtige Kinder muslimischen Glaubens gibt es in Deutschland. Muslime sind die
drittgrößte Religionsgemeinschaft im Land. Wenn die Eltern wollen, dass ihre Kinder religiös aufwachsen, schicken sie sie in Koranschulen. Seit Anfang der 80er Jahre wird die Einführung islamischen
Religionsunterrichts an deutschen Schulen gefordert. Bildungsföderalismus, Mangel an Ansprechpartnern auf islamischer Seite, fehlender politischer Wille haben das lange Zeit verhindert.

In den vergangen Jahren ist ein Sinneswandel eingetreten. Vorreiter war Nordrhein-Westfalen. Seit 1999 läuft der Modellversuch "Islamkunde in deutscher Sprache". 130 Schulen sind derzeit
daran beteiligt. "Das ist kein Religionsunterricht, sondern religiöse Wissensvermittlung", betont Lamya Kaddor den Unterschied zwischen Koranschule und dem Unterricht in Islamkunde. "In der
Koranschule geht es hauptsächlich darum, den Koran zu rezitieren und die arabische Sprache und Schrift zu lernen, in der Islamkunde darum, den Koran zu verstehen." Seit 2003 unterrichtet die Ende
20-Jährige an einer Grundschule und einer Hauptschule in Dinslaken. Gut Dreiviertel der Schüler sind muslimischen Glaubens. Die meisten sind Kinder türkische Migranten.

Lamya Kaddor bewegt sich in einem schwierigen Dreieck. Da sind einerseits die Eltern, die sich zwar selten in der Schule sehen lassen, aber ein kritisches Auge auf sie haben: als junge Frau,
die kein Kopftuch trägt und keine Türkin ist. Lamya Kaddors Eltern kommen aus Syrien. Da sind zum anderen die Hodschas, die islamischen Geistlichen, die in den Koranschulen unterrichten und meist
aus der Türkei kommen. Kaddor: "Oft gehen die Schüler zum Hodscha und sagen: 'Wir haben das und das bei Frau Kaddor gelernt. Stimmt das?'" Das enttäuscht sie, selbst wenn die Hodschas ihr recht
geben.

Lamya Kaddors Erfahrung: Islamkunde ersetzt nicht die Koranschule: "Die ist für die Eltern viel wichtiger. Da sind sie sicher, dass ihre Kinder die alten Traditionen lernen. Da wird das
jeweilige Nationalbewusstsein (inkl. Kultur) stark gepflegt. Das gibt es in der Schule nicht."

Anders als in der Koranschule muss in der Islamkunde die Verkündung des Glaubens und die Erziehung zum Glauben ausgespart werden. Denn für islamischen Religionsunterricht fehlt der rechtliche
Rahmen. "Religionsunterricht (wird) in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt", heißt es im Grundgesetz (Art. 7, Abs. 3). Diese Übereinstimmung herzustellen ist
schwierig, denn es gibt kein Äquivalent zum Vatikan oder zur Bischofskonferenz.

Erst nach und nach entwickeln sich auf islamischer Seite von den Moscheenverbänden unabhängige Institutionen, mit denen verbindlich über die Inhalte von islamischem Religionsunterricht
gesprochen werden kann. Zudem fehlt es an qualifizierten Lehrern. Hier hat NRW 2003, noch unter rot-grüner

Regierung, einen wichtigen Schritt nach vorn getan. An der Universität Münster wurde das "Centrum für Religiöse Studien" eröffnet. Dort gibt es den ersten Studiengang für islamische Religion.
Ziel ist schulischer "Islamunterricht abseits fundamentalistischer Strömungen", so die damalige NRW-Schulministerin Ute Schäfer (SPD).

Von Susanne Dohrn

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