Das Erbe Allendes

Impfen in Chile: Erfolg öffentlicher und privater Gesundheitsvorsorge

Conny Reuter03. März 2021
Warten auf die Impfung: In Chile wird unter freiem Himmel geimpft – unter anderem mit dem in China produzierten Impfstoff „Sinovac“.
Warten auf die Impfung: In Chile wird unter freiem Himmel geimpft – unter anderem mit dem in China produzierten Impfstoff „Sinovac“.
Während in Deutschland Corona-Müdigkeit, Streit um Zuständigkeiten und Versäumnisse bei der Impfstrategie die öffentliche Debatte bestimmen, gelingt Chile in der südlichen Hemisphäre eine bemerkenswert erfolgreiche Strategie bei der Bekämpfung der Pandemie.

Anfang Februar des letzten Jahres traten die ersten Covid-Fälle in Chile auf. Mitte März 2020 wurde der erste Lockdown verhängt mit nächtlicher Ausgangssperre, Absperrung besonders betroffener Stadtteile der Hauptstadt Santiago, von Kommunen und Regionen; Unterbindung der Freizügigkeit und Einschränkung des öffentlichen Lebens. Ostern letzten Jahres wurden alle kommerziellen internationalen Flugverbindungen unterbrochen und der Hauptstadtflughafen blieb für mehrere Monate geschlossen. Erst Mitte Dezember konnten Ausländer*innen mit einem negativen PCR-Test und einem Auslandsreiseversicherungsnachweis, der die Übernahme der Behandlungskosten im Falle einer Covid-Erkrankung garantierte, wieder einreisen.

Einreisende erhalten Post der Gesundheitsbehörden

Die Chilen*innen trugen die Einschränkungen mit Fassung, anfänglich kam es zu Hamsterkäufen in Supermärkten und Apotheken, aber zu keinem Zeitpunkt bildete sich eine relevante Bewegung von Corona-Leugnern oder „Covidioten“. Schulen und Shopping Malls wurden nach Auftreten von Infektionen geschlossen. Von Anfang an wurde der Zugang zu Supermärkten und Apotheken streng geregelt. Maskenpflicht im öffentlichen Raum, Abstandhalten, Temperaturmessung und Desinfektion wurden sytematisch gehandhabt und durch Security am Eingang kontrolliert.

Auch nach der Teilöffnung Ende des letzten Jahres und den Lockerungen Anfang 2021 wird dies weitergführt. Zumindest die Außengastronomie ist wieder geöffnet. Wer in Sommerurlaub fahren wollte, mussten einen Antrag stellen und die elektronische Erlaubnis ggf. bei Prüfung in der Zufahrt zu den Urlaubsorten oder am Strand vorzeigen. Strafen sind je nach Vergehen erheblich und höher als in Deutschland.

Einreisende erhalten nach Ankunft 14 Tage lang eine Mail der Gesundheitsbehörden, in der der Aufenthaltsort sowie eventuelle Symptome abgefragt werden. Dadurch ist es bislang gelungen, Träger*innen der neuen Varianten nachzuverfolgen und Quarantäne einzuleiten, auch wenn sich diese bereits in der chilenischen Provinz weitab der Hautstadt befanden.

Wer nicht arbeiten kann, bekommt kein Geld

Natürlich hat die Einschränkung des öffentlichen Lebens auch hier einen sehr hohen sozialen Preis: eine große Anzahl der Beschäftigten lebt von prekären Arbeitsverhältnissen. Arbeitgeber*innen müssen im Fall eines Lockdowns die Beschäftigten, die nicht zur Arbeit kommen können, auch nicht entlohnen. Fast ein halbes Jahr hat es gedauert bis die Mitarbeiter*innen der Transport- und Logistik- und Servicebranchen mit Masken ausgestattet wurden.

Durch das Wegbrechen der Einkommen entstand eine soziale Not, die durch die Auszahlung von 10 Prozent der ausschließlich privaten Rentenvorsorge (AFP) im Sommer 2020 aufgefangen werden sollte. Dies war nur durch einen sogenannten Schlüssel (clave unico) möglich, ohne den die Banken die Gelder nicht ausbezahlten. Da auch in Chile die Digitalisierung durch einen sozialen Graben gekennzeichnet ist, bildeten sich wochenlang vor den Rathäusern, wo dieser Schlüssel beantragt werden musste, und Banken lange Schlangen.

Impf-Erfolg: Drei Milionen in vier Wochen

Seit Anfang Februar dieses Jahres hat Chile sein ambitioniertes Impfprogramm aufgenommen. In den ersten vier Wochen konnten bereits 16 Prozent der Bevölkerung mit drei Millionen Dosen geimpft werden. Im Gegensatz zu Deutschland und Europa wird der Plan eingehalten, da sowohl die notwendigen Dosen als auch die Infrastruktur vorhanden sind. Das schafft Vertrauen und nützt natürlich dem konservativen Präsidenten Pinera, dessen Popularität nach den sozialen Bewegungen zwischen Oktober 2019 und März 2020 auf einen Tiefpunkt von sechs Prozent Zustimmung gesunken war.

Bereits im Mai 2020 beauftragte Pinera seinen Außenhandelsexperten Rodrigo Yanez mit der Koordinierung der Verhandlungen mit den Imstoffhersteller*innen. Aufgrund der guten Beziehungen zu Chinas Präsident XiPing und im Rahmen der Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen beider Länder (unter Präsident Salvador Allende) wurde sehr unbürokratisch und zügig im Mai 2020 ein Vertrag über die Lieferung von 13 Millionen Dosen Sinovac vereinbart.

Darüberhinaus hat sich Chile 10 Millionen Dosen Pfizer/Biontech und 6,5 Mio Dosen Astra/Zeneca vertraglich gesichert. Sinovac wurde so rechtzeitig geliefert, dass der nationale Impfplan Anfang Februar entsprechend einer Prioritätenliste und Altersdegression umgesetzt werden konnte: bis letzte Woche drei Millionen Impfungen und davon letzte Woche allein 140.000 Lehrer*innen, da am 1. März die Sommerferien enden und die Schule wieder beginnt.

Sinovac aus China erprobt und getestet

Die erfolgreiche medizinische Erprobung von Sinovac fand Ende letzten Jahres in den Laboratorien der Katholischen Universität von Santiago statt. Dadurch konnte die Zulassung beschleunigt werden und Chile ist bislang nicht von den Lieferengpässen der amerikanischen und europäischen Produzenten betroffen.

Selbst der konservative Gesundheitsminister Enrique Paris lobte letzte Woche das vom Sozialisten und Mediziner Salvador Allende, der 1973 dem von den USA geförderten Miltärputsch zum Opfer fiel, und Senator Cruz-Coke in den 50er geschaffenen Gesundheitssystem, das auf Vorsorge setzt. Der neoliberale Privatisierungswahn des Diktators Pinochet hat dieses System nicht zerstören können. Heute ergänzen sich der private und der öffentliche Sektor, trotz sozialer Ausgrenzung. Chile ist, bei zentraler nationaler Koordinierung, mit einem dezentralen System von 1300 lokalen Gesundheitszentren ausgestattet. Durch eine zentrale Datenbank wird der vorhandene, ausreichende Imstoff so verteilt, daß von der Grenze zu Peru im Norden bis in die Antarktis im Süden überall geimpft werden kann.

Keine Impfskepsis, kein Impfzwang

Impfskepsis ist bislang ein Fremdwort, es scheinen eher Ignoranz oder Gleichgültigkeit zu sein, die noch zuviele Chilen*innen von der Impfung abhält. Auch wenn es keinen Impfzwang gibt, kontaktieren die lokalen Gesundheitszentren diejenigen, die sich bei ihren Terminen nicht vorstellig wurden. Auch Chile braucht die mittlerweilse berühmten 70 Prozent für eine Herdenimmunität, was aber angesichts der bisherigen täglichen 88.000 Verimpfungen realistisch erscheint. Immerhin gelang es unter Präsident Allende und der Unidad Popular schon 1972 innerhalb von 48 Stunden 80 Prozent der Bevölkerung gegen Kinderlähmung zu impfen.

Was den bisherigen chilenischen Erfolg ausmacht, veranschaulichen folgende Vergleiche zwischen Deutschland und Chile: während wir im Schnitt 233 Einwohner*innen pro Quadratkilometer haben, sind es in Chile nur 25 bei einer Fläche von knapp 757.000 Quadratkilometern gegenüber 357.400 bei uns. Deutschland gibt 9,1 Prozent und Chile 8,9 Prozent des BIP aus.

Systemvergleiche sind immer schwierig, aber dass wir in Europa die Gesundheitssysteme durch den Privatisierungswahn und den Glauben an die Selbstregulierungskräfte des Marktes geschwächt haben, steht für Sozialdemokrat*innen hoffentlich außer Frage. Und dass in Deutschland die heilige Kuh des Föderalismus im Gesundheitswesen eventuell vom Eis geholt werden muss, ist nicht nur eine Frage des Klimawandels.

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